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Sozis für den Club: Fan-Freundschaft gegen Rechts

Fußballanhänger der SPD aus Nürnberg und Düsseldorf treffen sich regelmäßig - 13.05.2018 15:16 Uhr

An der Frittenbude am Kleinen Dutzendteich trafen sich die beiden Fan-Clubs schon vor dem Zusammentreffen ihrer Vereine am Sonntag. © Edgar Pfrogner


Der 1. FCN und Fortuna Düsseldorf, beide können den Aufstieg feiern – und das ganz gelassen schon vor dem letzten Spiel der Saison. Für zwei Fan-Clubs ist das der Höhepunkt einer schon seit vielen Jahren gepflegten Freundschaft, über alle Ligagrenzen hinweg: für die Nürnberger "Sozis für den Club" und "Rote Karte gegen Rechts" aus der Landeshauptstadt am Rhein.

Mit einem "Fan-typischen" Programm stimmen sich die Genossen um die Nürnberger Stadträtin Ilka Soldner und ihren Kollegen Harald Dix mit ihren Gästen heute auf das große Finale ein: Nach diversen Stationen in der Stadt verbringen sie den Abend am Stadtstrand. Was sie gemeinsam umtreibt, war schon am Freitag Thema bei einem Open-Air-Stammtisch beim "Frittenkalle" am Dutzendteich, dem Lieblingstreff der SPD-Clubberer.

Rechte Parolen immer weiter verbreitet

Farbe zu bekennen, bleibe eine Herausforderung, auch wenn sich die Situation dank intensiver Arbeit und Vernetzung etwas verbessert habe, waren sich Katja Erlspeck-Tröger vom Fanprojekt Nürnberg und ihr Düsseldorfer Kollege Dirk Bierholz einig. Viel geholfen habe, die Vereine "ins Boot zu holen" und auch Stadionordnungen anzupassen.

Allerdings habe sich die gesamtgesellschaftliche Situation spürbar geändert, sagte Markus Weske, Düsseldorfer Landtagsabgeordneter und Präsident von "Rote Karte": Fiel früher ein überschaubarer Kreis einschlägig bekannter Neonazis mit üblen Parolen auf, ziehe deren Gedankengut inzwischen größere Kreise. "Und das geht durch alle Ligen. Deshalb muss die Fan-Arbeit unabhängig von Auf- und Abstiegen auf gleichem Niveau gehalten werden."

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Fans aus Nürnberg und Düsseldorf machen mobil gegen Rechts

An der Frittenbude am Kleinen Dutzendteich trafen sich die beiden Fan-Clubs schon vor dem Zusammentreffen ihrer Vereine am Sonntag. Fußballfreunde der SPD aus Nürnberg und Düsseldorf treffen diskutieren bei ihren Treffen, wie sich rechte Umtriebe im Fußball am besten eindämmen lassen.


Finanzierung ist eines der Hauptthemen

Die Finanzierung bleibt allerdings ein Problem – besonders in Bayern. Den Grundstock legen jeweils zur Hälfte die Stadt und das Land, die Deutsche Fußballliga verdoppelt dann den so erreichten Betrag. Aber in Nürnberg reicht die Summe von rund 170.000 Euro pro Jahr gerade mal für 1,75 Vollzeitstellen; außerdem fallen Betriebs- und Reisekosten an. Und Nürnberg hat eine der größten Fan-Szenen im Land.

Da sind die Kollegen in Nordrhein-Westfalen deutlich besser ausgestattet: In Düsseldorf stehen drei hauptamtliche Kräfte zur Verfügung. "Leider hat die CSU im Landtag unseren Vorstoß, den Etat für Bayern um 250.000 Euro aufzustocken, bei den letzten Haushaltsberatungen abgeschmettert", bedauerte Schuster.

V.l.n.r.: Stefan Schuster (Landtagsabgeordneter), Katja Erlspeck-Tröger (Leiterin Fanprojekt Nürnberg), Manfred Endebrock (Sozis für den Club), Dirk Bierholz (Leiter Fanprojekt Düsseldorf), Markus Herbert Weske (Landtagsabgeordneter Düsseldorf und Präsident Fanclub "Rote Karte"). © Edgar Pfrogner


Für eine Differenzierung plädierten die Fan-Projekt-Vertreter in der Diskussion um die Ultras, die in Teilen der Öffentlichen mit Hooligans in einen Topf geworfen werden – zu Unrecht. "Die Ultras haben klar Position gegen Rechts bezogen und uns viel geholfen. Auch haben sie sich an der Aufarbeitung der dunklen Kapitel in den Vereinsgeschichten beteiligt", lobte Bierholz.

Angesichts des enormen Gewaltpotenzials wollen die "roten" Fußballfans auch die Frage weiterverfolgen, in welchem Maß die Öffentlichkeit und damit der Steuerzahler für den immensen Polizeiaufwand zur Kasse gebeten werden soll. "In England werden den Erstliga-Vereinen drei von insgesamt neun Millionen Pfund pro Jahr in Rechnung gestellt", so Weske.

Sechs Millionen Euro für Polizeieinsätze

Welche Beträge pro Bundesligapartie anfallen, hängt von ganz verschiedenen Faktoren ab. Für Nordrhein-Westfalen (NRW) ist jüngst allerdings eine Zahl ermittelt worden, die wenigstens einen Anhaltspunkt gibt: Der Haushaltsausschuss musste 18 Millionen Euro genehmigen, um die bei der Polizei angefallenen Überstunden zu vergüten – die sie nie und nimmer abfeiern können. Ein Drittel davon sei bei Einsätzen im Zusammenhang mit der Bundesliga entstanden, erläutert der Düsseldorfer Parlamentarier weiter. Allein in NRW müssten damit jährlich sechs Millionen Euro auf die Vereine (und damit die Eintrittspreise) umgelegt werden.

Übrigens kommt erheblicher Widerstand gegen das geplante neue Polizeiaufgabengesetz in Bayern (wie auch andernorts) auch aus den Reihen der Fußballfans. Zum einen wegen der drohenden Gewahrsamnahmen von bis zu einem Monat, zum einen weil es ein Eingreifen nicht erst bei einer konkreten Gefahr erlauben würde. "Aber eine abstrakte Gefahr ist bei jedem Fußballspiel ständig gegeben – das wäre ein Freibrief", gibt ein Fan bei dem Stammtischabend zu bedenken.  

Wolfgang Heilig-Achneck

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