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Strittiger Bestseller: "Mein Kampf" im Geschichtsunterricht

Wie Lehrer mit dem Propagandabuch umgehen - Herausgebern wird Antisemitismus vorgeworfen - 24.02.2017 18:20 Uhr

Eine Buchhändlerin zeigt ein Exemplar der neuen, kritischen Ausgabe von Hitlers „Mein Kampf“.

Eine Buchhändlerin zeigt ein Exemplar der neuen, kritischen Ausgabe von Hitlers „Mein Kampf“. © Foto: dpa


Vor gut einem Jahr wurde das Buch veröffentlicht, doch "die Aufregung hält bis heute an". Das sagt David Denninger, Lehrer am Martin-Behaim-Gymnasium und Landesvorsitzender des Bayerischen Geschichtslehrerverbands. Im Kern dreht sich alles um die Frage, ob das Buch schädlich ist oder nicht. Ob man es Schülern zumuten darf - oder ob es sie sogar empfänglich macht für Hitlers Propaganda.

Jahrzehntelang war der Nachdruck von Hitlers "Mein Kampf" untersagt. 70 Jahre nach seinem Tod, nach Erlöschen des Urheberrechts, hat das Institut für Zeitgeschichte eine wissenschaftlich kommentierte Ausgabe veröffentlicht. Den Herausgebern blies schon im Vorfeld rauer Gegenwind ins Gesicht. Die Vorstellung, dass "Mein Kampf" auch noch im Schulunterricht behandelt wird, hielt Charlotte Knobloch, ehemals Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, für unerträglich.

Geschichtslehrer Denninger kann die Aufregung allerdings bis heute nicht verstehen. Er hält die Debatte dann auch für einen "Sturm im Wasserglas", wie er während einer Veranstaltung im Martin-Behaim-Gymnasium sagt. Dabei wolle er nicht behaupten, dass "Mein Kampf" nicht gefährlich sei. Geschichtslehrern sei bewusst, dass sie eine ideologische Propagandaschrift des Nationalsozialismus vor sich hätten. "Es ist Aufgabe des Geschichtsunterrichts, das Buch zu entmystifizieren." Und dafür sei die vorgelegte Edition sehr hilfreich.

Der Historiker Roman Töppel gehört zum Herausgeber-Team. Er teilt den Eindruck, dass sich die Aufregung noch nicht gelegt hat. Erst unlängst sei ihm Antisemitismus vorgeworfen worden, erzählt er im Martin-Behaim-Gymnasium. Ein Vorwurf, den er als völlig absurd zurückweist.

Roman Töppel

Roman Töppel © Foto: privat


In der rekordverdächtigen Zeit von drei Jahren haben Wissenschaftler im Auftrag des Instituts für Zeitgeschichte München-Berlin "Mein Kampf" neu herausgegeben; auf 2000 Seiten mit 3700 Anmerkungen. Sie wollen Propaganda, Ideologie und Hass entlarven, indem sie Fakten dagegensetzen. Sie legen Hitlers Quellen offen und rekonstruieren den zeitgenössischen Kontext. Das Ziel: Das Projekt sollte nicht allein der Wissenschaft dienen. "Das Buch sollte vielmehr für ein großes Publikum interessant sein."

Das ist offensichtlich gelungen. Innerhalb eines Jahres wurde die neue Edition 85 000 Mal verkauft. Denninger weiß von vielen Lehrerkollegen, die sich das Werk angeschafft haben. Im Martin-Behaim-Gymnasium steht ein Exemplar in der Lehrer-Bibliothek. Auch im Melanchthon-Gymnasium arbeiten Lehrer mit der neuen Ausgabe. Sie erachten sie als hilfreich, weil die Kommentare bei der Einordnung von Hitlers Machwerk helfen. "Man muss selber nicht alles nachschauen. Das ist schon kommod", sagt Geschichtslehrerin Cornelia Kirchner-Feyerabend. "Mein Kampf" im Giftschrank wegzusperren, hält sie für verkehrt. "Das macht es interessant."

Dürer-Gymnasium, Hans-Sachs-Gymnasium oder Neues Gymnasium haben die kritische Edition dagegen nicht angeschafft. Dennoch ist "Mein Kampf" ein Thema im Unterricht. Bayerische Schulbücher beinhalten Auszüge aus Hitlers Hetzbuch. "Das ist nicht neu", sagt Harald Fischer, Schulleiter am Neuen Gymnasium. "Das wird ausführlich behandelt, um zu zeigen, mit welchen Mitteln die Ideologie verbreitet wurde."

Andere Lehrer arbeiten mit Textpassagen aus alten, unkommentierten "Mein Kampf"-Exemplaren. 12,5 Millionen Stück seien gedruckt worden, sagt Historiker Töppel. Es sei damals ein Bestseller gewesen, wie es selten einen gegeben habe.

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Millionen Deutsche hätten Hitlers Propagandawerk auch gelesen, fährt Töppel fort und räumt mit dem Mythos auf, dass "Mein Kampf" unberührt in den Regalen verstaubt sei. Er bezieht sich auf eine Umfrage der Amerikaner 1946 in deren Besatzungszone. Damals gab fast jeder Vierte an, "Mein Kampf" zumindest in Ausschnitten gelesen zu haben.

Und jetzt? "Schon vor der Veröffentlichung unserer kritischen Edition war 'Mein Kampf' in der Welt", sagt Töppel. "Warum also diese Aufregung?", fragt er selbst. Die Büchse der Pandora sei es wohl kaum, "aber ein Symbol ist 'Mein Kampf' auch heute noch", gibt er die Antwort. Ein Symbol für die schlimmsten Verbrechen, zu denen Menschen fähig sind.

Wenn das Buch aber schon in der Welt sei, dann doch bitte mit kritischen Anmerkungen versehen, will Töppel sagen. Dass das auch anders geht, führt der Historiker plakativ vor. Töppel zeigt ein Foto aus einem Buchladen in Indien. Zu sehen ist ein Bücherregal, in dem eine alte Ausgabe von "Mein Kampf" gleich neben einem Werk von Mahatma Gandhi steht. Buchrücken an Buchrücken. 

Sabine Stoll

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