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Tradition gegen Nachwuchs: Unter Nürnbergs Imkern kriselt's

Jüngere Züchter mehr am Schutz der Völker, als am Honig interessiert - 27.02.2018 05:48 Uhr

Honig schmeckt - doch der Weg dahin, da scheiden sich derzeit die Geister in Nürnberg. © Stefan Hippel


"Viele Einsteiger, die mit der Imkerei beginnen, um Bienen etwas Gutes zu tun, haben falsche Erwartungen und wenig Ahnung", sagt Karsten Burghardt. Der 1.Vorsitzende des Zeidlervereins Nürnberg und Umgebung mit 180 aktiven Imkern ist überzeugt: Viele stellen sich das mit der Bienenzucht zu einfach vor.

"Wenn man ihnen sagt, dass sie einen Kurs machen sollten, bevor sie sich Schwärme zulegen, sind sie erstaunt." Viele wissen nicht, dass man Bienenvölker beim Veterinäramt anmelden muss, sagt Burghardt. Die Imkerei sei eine ernste Sache, Stichwort Varroamilbe. Die schädigt die Brut, setzt sich wie eine Zecke an den Bienen fest und kann ganzen Völkern den Garaus machen. Auch denen benachbarter, sorgfältiger Imker, die Milben ordentlich bekämpfen. Am 22. April beginne beim Zeidlerverein ein Anfängerkurs, wirbt Burghardt.

In Nürnberg gibt es genug Bienen 

In Nürnberg gibt es 200 Imker und über 1200 Bienenvölker, jedes Jahr melden im Schnitt zehn neue Züchter ihr Hobby beim Veterinäramt an. 2017 registrierte Burghardt acht Anfragen von Neu-Imkern, die mit Bienenbox oder Bienenkiste arbeiten wollen. Deren simple Bauanleitung steht im Internet. In den "Einraumbeuten" aus Holz findet ein ganzes Volk Platz, die sonst üblichen Absperrgitter fehlen. Der Imker gewinnt in den Kisten weniger Honig, doch sie erlauben Bienenhaltung auf engstem Raum - auf der Terrasse etwa oder sogar auf dem Balkon.

Burghardt sieht das kritisch: Nicht nur, weil ausschwärmende Bienen das Sonnenbad auf dem Balkon empfindlich stören können. Sondern weil das einfache System zum leichtfertigen Imkern verführen könne. Er sieht in der Nürnberger Innenstadt auch nicht die Notwendigkeit, mit neuen Völkern dem Öko-System auf die Sprünge zu helfen. Dort gebe es genug Bienen. Imker sollten sich lieber in den Stadtteilen Standorte im Grünen suchen, mit genug Wildblumen als Nahrungsquelle für Bienen drumherum.

"Viele Frauen entdecken das Bienenzüchten"

Marc Schüller ist Bio-Imker. Seine Bienenstöcke stehen zum Beispiel am Rechenberg, im Pfarrgarten in St. Johannis und an der Rudolf-Steiner-Schule imkert er mit den Schülern. Er gibt auch Kurse und im Unterschied zu den Fortbildungen des Zeidlervereins, für die laut Burghardt das Interesse eher rückläufige ist, boomen seine - viel teureren — Schulungen. An den Bienenstöcken der Noris Inklusion bringt Schüller Anfängern ab 3.März im Auftrag von stadtbienen.org die Grundkenntnisse bei. Der Berliner Verein hat sich der Stadtimkerei verschrieben. Die sei „ein rotes Tuch“ für die traditionellen Imkervereine, sagt Schüller, der auch Mitglied im Zeidlerverein ist. Sie fühlten sich durch neue Trends bedroht.

Doch das einfachere Imkern mit kleinen Boxen und leichten Kisten reize viele, die sich als Teil der Öko-Bewegung fühlen. Die das Stadtgärtnern lieben, etwas fürs Ökosystem tun wollen und die erst in zweiter Linie interessiert, wie viel Honig sie gewinnen. "Viele Frauen entdecken das Bienenzüchten, schon Kinder machen ihren eigenen Honig", sagt Schüller. Alternativ angehauchte Bienenzüchter schrecke es ab, wenn sie sich wie die Traditionalisten, die möglichst viel Honig ernten wollen und deshalb stärker in die natürlichen Abläufe in den Bienenvölkern eingreifen, große Geräte wie Honigschleuder oder Deckelungsmaschine kaufen sollen.

"Imker waren hoffnungslos überaltert"

In Christine Kretschmers Garten in Großgründlach sind sechs Bienenvölker daheim. Die 66-Jährige ist Mitglied im Zeidlerverein und bietet seit vielen Jahren am Bildungszentrum Einführungskurse an, derzeit spüre sie eine große Nachfrage bei den 40- bis 60-Jährigen, darunter viele Frauen. "Aber wenn die Teilnehmer dann bei mir sehen, wie viel Ausstattung man benötigt und wie aufwendig das ganze ist, bleiben von zwölf Leuten nur vier bis fünf dabei und fangen tatsächlich mit der Bienenzucht an."

Kurse der Imkervereine seien alle darauf ausgelegt, Bienenvölker so zu manipuliert, dass man den meisten Honig bekommt, sagt auch Erhard Maria Klein. Jüngere hätten sich längst alternative Kurse und Kreise gesucht. "Bis vor kurzem waren die Imkervereine hoffnungslos überaltert, erst durch die neue Bewegung ging das Alter der Imker nach unten."

Klein ist im Verein Mellifera aktiv und propagiert das Imkern mit der Bienenkiste. "Uns geht es um wesensgemäße, nachhaltige Bienenhaltung", sagt der Hamburger. Der Deutsche Imkerbund sehe in Mellifera eine Konkurrenz und Klein ärgert es, dass die Älteren der neuen Generation pauschal unterstellen verantwortungslos zu imkern. "Wir haben aber nur einen anderen Ansatz: Bienen sind halbwild und können relativ unbetreut leben, wir greifen nur ein, wo sie nicht klarkommen." Etwa im Kampf gegen die Varroamilbe, gegen die man natürlich Mittel einsetze. Klein ist auch keinesfalls gegen Schulungen, im Gegenteil: "Ich wäre dafür, dass jeder einen Bienen-Führerschein machen muss." Aber auch das scheitere am Widerstand des Deutschen Imkerbunds. 

Ute Möller E-Mail

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