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VAG will Handy-Daten anzapfen: Stadtrat wusste von nichts

SPD-Chef Brehm: "Informationspolitik der VAG ist verbesserungswürdig" - 18.03.2015 15:53 Uhr

Mit Mobilfunkdaten will die VAG künftig Fahrgastzählungen überflüssig machen. © Eduard Weigert


Konventionelle Fahrgastzählungen könnten in Nürnberg schon bald der Vergangenheit angehören: In einem Pilot-Projekt mit der Telekom will die VAG künftig Handy-Daten von Kunden verwenden - und so die Fahrpläne optimieren. "Die Telekom hat uns extrem glaubhaft vermittelt, dass der Datenschutz penibel eingehalten wird", sagte Elisabeth Seitzinger, Sprecherin der VAG, gegenüber nordbayern.de.

"Die Informationspolitik der VAG ist verbesserungswürdig" (Thorsten Brehm, SPD Nürnberg)

Besonders pikant: Offenbar wurde der Stadtrat nicht vorab über das Pilot-Projekt in Kenntnis gesetzt. "Die Informationspolitik der VAG ist verbesserungswürdig", sagt Thorsten Brehm, Chef der SPD und Verkehrsexperte seiner Fraktion im Stadtrat, der Nürnberger Zeitung. "Wir haben davon auch erst aus den Medien erfahren. Momentan herrscht noch viel Halbwissen."

"Das Thema wird im Aufsichtsrat auf den Tisch kommen"

Das, was die VAG künftig über ihre Kunden weiß, ist nicht ohne: Neben einem Bewegungsprofil sollen sowohl Geschlecht als auch Altersgruppe und Heimatregion des Fahrgastes übermittelt werden - alles im Sinne des Kunden. Dabei werden sogenannte Schwarmdaten gesammelt, um Fahrgast-Ströme genauer analysieren zu können. Alles anonym, versichert die VAG.

Einen Testlauf im Rahmen des Pilot-Projektes gab es bereits. Im vergangenen Herbst wurden nach Angaben von Telekom und VAG erste Messungen zwischen Worzeldorf und Kornburg durchgeführt. Die Auswertung der ersten Datenschätze sei "vielversprechend", sagt VAG-Sprecherin Seitzinger. Die Dauer des Pilot-Projektes sei noch völlig offen. Geld koste der Einsatz der Telekom-Tochter Motionlogic, die die Auswertung übernimmt, immerhin nicht, heißt es bei der VAG.

Grundsätzlich, sagt Brehm im Gespräch mit der Nürnberger Zeitung, sei in der Bevölkerung ein großes Misstrauen wahrnehmbar, was das Sammeln personenbezogener Daten angehe. "Da weckt das Vorgehen der VAG natürlich Befürchtungen." Das Verkehrsunternehmen müsse jetzt in die Transparenzoffensive gehen. "Das Thema wird auch im Aufsichtsrat auf den Tisch kommen. Es sind auch noch Fragen zur Methodik offen."

Kunden können sich automatischer Erfassung schwer entziehen

Funktionieren soll das Verfahren so: Telekom-Kunden, die in einen Bus oder in eine U-Bahn einsteigen, werden grundsätzlich erfasst. "Dabei werden keine GPS-Daten verwendet", erklärt ein Telekom-Sprecher. Stattdessen wolle man auf sogenannte Mobilfunkzellen zurückgreifen. Später wird eben jenes Bewegungsprofil mit den Vertragskundendaten der Telekom verknüpft und anonymisiert an die VAG übermittelt. 

Auch der CSU-Fraktionsvorsitzende Sebastian Brehm hält das Sammeln von Bewegungsprofilen der VAG ohne Einwilligung für problematisch. Brehm: „Es wäre okay, wenn jemand freiwillig an so einer Aktion teilnimmt, auf unfreiwillige Art und Weise finde ich es nicht in Ordnung.“ Das Persönlichkeitsrecht des Einzelnen würde dadurch zu sehr eingeschränkt.

„Ich habe derzeit noch keine Ahnung, ob das juristisch wirklich abgedeckt ist, da muss man noch genauer nachschauen“, so der CSU-Fraktionsvorsitzende auf Anfrage der Nürnberger Zeitung.

"Opt-Out"-Funktion als Rettungsanker?

Auf Nachfrage bestätigte Voßhoff, die Telekom habe ihr ein Verfahren zur Anonymisierung präsentiert. Dagegen habe mein "keine Einwände" gehabt. Der Knackpunkt: Es werden keine zusätzlichen Daten erhoben, sondern ausschließlich vorhandenes Material der Telekom statistisch aufbereitet und anonymisiert weitergegeben.

Klar ist: Es wird eine sogenannte"Opt-Out"-Funktion geben, einen "Ausschaltknopf". Damit wird jedoch nur die Übermittlung personenbezogener Daten unterbunden, nicht aber das Senden des Bewegungsprofils. Laut Telekom gab die Beauftragte für Datenschutz und die Informationsfreiheit, Andrea Voßhoff, besonders aufgrund der "Opt-Out"-Funktion grünes Licht für das Verfahren.

Bereits am Dienstag kritisierte die netzpolitische Sprecherin der Nürnberger Grünen, Verena Osgyan, die automatische Erfassung von Mobilfunkdaten. "Niemand würde dem bewusst zustimmen", sagte Osgyan. Sie fordert den sofortigen Ausstieg der VAG aus dem Projekt. "Gerade ein kommunales Unternehmen darf nicht die Vorreiterrolle bei der Ausspähung der Bürgerinnen und Bürger übernehmen", heißt es in einer Pressemitteilung.

Auch Nürnberger kritisierten das Pilot-Projekt. "Noch ein Grund mehr um weder zur Telekom zu wechseln oder mit der VAG zu fahren", kommentiert etwa Rene Hummel auf der Facebook-Seite der Nürnberger Nachrichten. Und Christopher Pohl legt nach: "Das Schlimme ist doch, dass wir als Smartphonenutzer dazu gezwungen werden, verwertbare Informationen zu liefern. Wenn ich also keine Marionette sein will, muss ich den Anbieter wechseln." 

Tobi Lang, Gabi Eisenack, Dieter Wegener E-Mail

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