Montag, 20.11. - 08:43 Uhr

|

Verkümmert Nürnbergs Grab-Reliefkunst?

Weltweit einzigartiger Epitaphienschatz auf den Friedhöfen St. Johannis und St. Rochus braucht mehr Schutz - 08.05.2017 20:10 Uhr

Renate Ahlsdorf war Malerin. „Sie hat Labyrinthe in starken Farben gemalt — deshalb auch der Part in rotem Glas“, erklärt Haydn. Seinen Entwurf gab er einem österreichischen Glaskünstler in Auftrag. „Insgesamt ist das Epitaph aufgebaut wie ein Gemälde: Bild mit Passepartout.“


Die meisten Menschen verdrängen ihn gern, den Tod. Doch zwischen Friedhofsphobie und Todessehnsucht stellen sich immer mehr Franken bewusst dem unausweichlichen Ableben samt Organisation der letzten Ruhestätte, zu deren individueller Gestaltung auf den beiden traditionsreichsten Nürnberger Friedhöfen ganz typisch ein Epitaph (Metallrelief) gehört. Häufiger sieht man inzwischen wieder künstlerisch gestaltete, moderne, vom Leben der oder des Verstorbenen erzählende Reliefs, die das historische Erbe fortschreiben. Die Regel ist das keinesfalls: Vielfach regiert auf neueren Grabsteinen noch immer unpersönliche Massenware.

Spezialisten im Gespräch. Dieses Epitaph von 1847 wurde einst für den Englischlehrer C. Hohnbaum angefertigt. Maué: „Oben sieht man ein Buch mit einem englischen Zitat aus Alexander Popes ,Essay of Man‘. „Unten nimmt der Tod den irdischen Wanderer zart am Ellenbogen und führt ihn aus dem Leben.“


So rückt auch erst seit einigen Jahren der weltweit einzigartige Epitaphienschatz auf dem St. Rochus- und St. Johannisfriedhof wieder stärker ins Bewusstsein der Nürnberger. Ausgerechnet ein Raub aber – 42 wertvolle Epitaphien wurden 2014 von den Gräbern gebrochen, gestohlen und vermutlich eingeschmolzen – verschaffte dem unschätzbar wertvollen Kulturdenkmal erhöhte Aufmerksamkeit. Doch was nun?

Mehr Wertschätzung wie auch verstärkter Schutz des kulturellen Denkmals sind nötig – "beiden Zielen kam man seitdem kaum einen Schritt näher", sind sich Epitaphienkünstler Thomas Haydn und Stadtheimatpflegerin Claudia Maué einig.

Von einem sehr bewegten Leben berichtete die Tochter der Verstorbenen, die im Sternzeichen Fische geboren war. Luftblasen symbolisieren Bewegung, Aufsteigen und Eintauchen. Haydn: „Yin und Yang sind hineingerutscht, passen aber zum Thema, da sie asiatischen Religionen zugewandt war.“


"Inwieweit dieser einmalige und für Nürnberg so wichtige Kulturschatz im Bewusstsein der Verantwortlichen bei Kirche und Stadt ist, wird man daran ablesen können, wie sie 2018 das 500-jährige Jubiläum der Friedhöfe und ihrer Epitaphienkultur begehen werden."

Epitaphien erzählen Zeitgeschichte, so auch am Grab von B. Viatis und A. Gutthäter, 1641. Das Medaillon zeigt die Wappen; die Inschrift lässt oben in einem Mix aus figürlichen und ornamentalen Motiven eine Maske erkennen. Ein Zeichen dafür, wie aktuell die Ornamentik in Nürnberg aufgegriffen wurde.


Diesen bedeutenden Kulturschatz wieder in das kunsthistorische Bewusstsein der Stadt zu bringen, so Haydn, "soll unter anderem mit Hilfe eines Vereins gelingen, der sich um die Erhaltung der Epitaphien als kulturgeschichtliche Denkmäler kümmert wie auch um die Fortführung der Tradition bemüht".

Claudia Maué am Gemeinschaftsgrab der Goldschmiede-Gesellen von 1619: „Der Akelei-Pokal wurde bis ins 18. Jahrhundert als Meisterstück der Goldschmiede gefordert, zudem zwei Schmuckstücke, hier Ringe und Anhänger. Die Putten links und rechts mit zum Boden gerichteten Fackeln stehen für den Tod.“


Im Zuge einer Bewerbung um die Aufnahme des Epitaphienschatzes in die Unesco-Liste als "immaterielles Kulturgut" kam es am 28. Dezember 2015 schließlich zur Gründung des Vereins "Nürnberger Epitaphienkunst und -kultur". 60 Mitglieder gibt es bereits.

Noch einmal Glas und Bronze: Die Birke, Lieblingsbaum dieser Auftraggeber, symbolisiert mit ihren Glaseinsätzen den Kreislauf des Lebens. Neben dem Herstellungsprozess zählt für Haydn vor allem der Kontakt zu den — meist trauernden — Menschen. „Du musst fähig sein, sie in ihrem Schmerz abzuholen.“


"Das ist recht erfreulich für die kurze Zeit", meint Maué, die Vorsitzende des Vereins, zuversichtlich. "Neulich habe ich eine Schulungsführung für den Verein der Gästeführer gemacht; nun wurde dieser Verein Mitglied im Epitaphienverein. Das freut uns sehr, da künftig sicher durch die Gästeführer auch Informationen über unseren Verein fließen werden."

Die Bewerbung läuft

Noch liegt niemand in diesem Grab, das Epitaph aber sollte Haydn bereits fertigen. Zu zweit kamen die Auftraggeber zum Vorgespräch. „Auf Wunsch sollte das Relief etwas historisierend sein“, erzählt Haydn. „Die Auftraggeber haben ein Faible für den Jugendstil und hatten eine Tanzschule.“


Selbst versuche man über das Internet und die gezielte Weitergabe von Prospekten bei Veranstaltungen auf sich aufmerksam zu machen; dabei ist die Mundpropaganda, die über die Grabbesitzer und Haydns künstlerische Arbeit läuft, ein wertvoller, weil sehr direkter Teil der Informationsverbreitung. Auch Geldgeber und Mäzene sollen akquiriert werden: "Beschädigter Bestand muss restauriert, außerdem Konzepte entwickelt werden, damit eine Fortführung der Epitaphientradition in dieser besonderen Begräbniskultur gelingt", verdeutlicht Haydn die Situation.

Geige, Baum und Hackbeil — ein Epitaph, das Leidenschaft und Beruf verbindet: „Über Generationen hinweg hatte die Familie Hacker vom Wald gelebt, die Nachfahren lieben klassische Musik“, erinnert sich der gelernte Metallgestalter Haydn an das Auftrags-Gespräch.


In Planung sei zudem ein digitalisiertes Archiv, um eine lückenlose Bestandsaufnahme aller Epitaphien und Gräber zu gewährleisten. "Das würde der Kirchenverwaltung für das tägliche Geschäft zugutekommen, dem Denkmalschutz beim Restaurierungsbedarf von Grabsteinen, und es würde wissenschaftlichen Zwecken dienen", so Haydn, der sich ein tatkräftigeres Bekenntnis von Kirche und Stadt wünscht: "Geschieht das nicht", warnt der Spezialist, "wird zunehmend etwas Unwiederbringliches verloren gehen."

Epitaphienkünstler Thomas Haydn blickt aus seiner Werkstatt direkt auf den Johannisfriedhof. Ein Grabrelief sollte auch heute individuell vom Verstorbenen erzählen. So steht hier der Drache für Leichtigkeit und Glück. Er trägt die Seelen — jedes Schweifteil steht für ein Familienmitglied — hoch in die Lüfte und die Sorglosigkeit. Die Auftraggeberin, mit Affinität zur japanischen Kultur, ließ es für ihre recht unkonventionellen Verwandten wie auch für sich von Haydn anfertigen.


Sehr hilfreich für die Außenwirkung wäre natürlich ein Erfolg der erneuten, doch anders gewichteten Bewerbung zum immateriellen Kulturerbe: "Die Bewerbung ist vollkommen überarbeitet am 31. März abgegeben worden. Das Augenmerk liegt diesmal auf der Herstellung von Epitaphien von damals bis heute, also nicht auf der Historie", betont Maué. "Nun harren wir erneut der Dinge, die da kommen werden. Mitte des Jahres wissen wir hoffentlich mehr. Also: Daumen drücken!"

Weitere Infos über: www.epitaphienkultur.de 

ANABEL SCHAFFER (Text)UND EDGAR PFROGNER (Fotos)

Seite drucken

Seite versenden



Um selbst einen Kommentar abgeben oder empfehlen zu können, müssen Sie sich einloggen oder sich zuvor registrieren

Ihr Kommentar

Name:

Ihr Kommentar:

Bitte beachten Sie unsere Netiquette.

weitere Meldungen aus dem Ressort: Nürnberg