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Von den Nazis entrechtet, beraubt, ermordet

Führungen erinnern an das Schicksal jüdischer Ärzte während der NS-Zeit - 11.04.2015 13:42 Uhr

Die Zerstörung seiner Heimatstadt im Zweiten Weltkrieg und ihren Wiederaufbau bekam Emil Mosbacher nicht mit eigenen Augen zu sehen - nach dem Ende der Nazi-Diktatur kehrte er nie mehr nach Nürnberg zurück. © Stadtarchiv Nürnberg


Er ist ein treuer Bürger seines Landes. Im Ersten Weltkrieg dient Emil Mosbacher als Militärarzt – ohne die anfänglich herrschende Begeisterung dafür teilen zu können. Er verachtete das Blutvergießen, schreibt seine Tochter Marianne Flack in einer Kurzbiografie über ihren Vater.

Emil Mosbacher wird im Jahr 1886 in Fürth geboren. Er besucht das Humanistische Gymnasium, studiert Medizin und zieht schließlich nach Nürnberg an den Frauentorgraben. 1919 eröffnet er eine Praxis für Gynäkologie und Geburtshilfe. Er praktiziert auch am Jüdischen Krankenhaus in Fürth, in Nürnberg am Theresien- und am Martha-Maria-Krankenhaus. 1923 kommt sein Sohn Sigmund auf die Welt. Dieser wird später als US-Soldat im Zweiten Weltkrieg kämpfen und sein Leben verlieren. Aber dazu später.

Emil Mosbacher, so berichtet seine Tochter, ist in der jüdischen Gemeinde aktiv und ein politisch progressiv denkender Mensch. Er unterstützt die Sozialdemokratische Partei und die Politik der Weimarer Republik.

Im August 1933 kommt Mosbachers zweites Kind zur Welt, das Mädchen Marianne. Zu dem Zeitpunkt haben die Nazis Nürnberg schon fest im Würgegriff. Eine Zeitlang noch kann Mosbacher sein Ruf als hervorragender Mediziner vor Repressalien schützen. Aber die Tage, an denen ihm und seiner Familie ein einigermaßen normales Leben möglich ist, sind gezählt.

Erst spät entschied sich Mosbacher, Deutschland zu verlassen

„Der natürliche Optimismus meines Vaters hielt ihn zunächst davon ab, sich für eine Flucht aus Deutschland zu entscheiden“, schreibt Marianne Flack. „Er konnte einfach nicht glauben, dass die Situation noch schlimmer wird und hatte einen kindlichen Glauben an das Gute im Menschen.“

Dabei machen die Nazis den Bürgern jüdischen Glaubens längst das Leben zur Hölle. Mit der Entrechtung der Mediziner hatten sie gleich nach der Machtergreifung begonnen. Mit dem Entzug ihrer Approbation 1938 werden sie mit einem Berufsverbot belegt. Nun machen sich viele Mediziner daran, ins Ausland zu emigrieren. Nicht ohne zuvor von den Nationalsozialisten enteignet und ausgeplündert worden zu sein. Auch die Mosbachers entschließen sich zu einem Umzug in die USA.

Der Start in das neue Leben ist hart, die Familie mittellos, der Vater muss noch einmal studieren, um als Arzt arbeiten zu dürfen. Als der Zweite Weltkrieg ausbricht, meldet sich Emil Mosbacher freiwillig, um für die USA gegen Nazi-Deutschland zu kämpfen. Doch wegen seines Alters wird er abgelehnt. Sein Sohn Sigmund, der in den Vereinigten Staaten den Vornamen Stephen trägt, fällt als US-Soldat 1945 kurz vor dem Ende des Krieges in Deutschland beim Versuch, einem Kameraden zu Hilfe zu kommen. Seinen Einsatz für die Befreiung Europas von den Nationalsozialisten bezahlt er mit dem Leben. Für seine Familie, die viele Angehörige im Holocaust verloren hat, ist das ein weiterer schwerer Schock, ein nicht zu stillender Schmerz.

Auch nach Kriegsende reiste der Arzt nie mehr nach Nürnberg

Emil Mosbacher reist nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ein paar Mal nach Europa, in die Schweiz, nach Italien. Noch ein einziges Mal in seinem Leben – er stirbt im Mai 1973 – nach Deutschland. Nicht aber nach Nürnberg. In seiner Heimatstadt, in der er als Mediziner geschätzt und angesehen war, in der er von den Nazis verfolgt wurde, wird vielleicht eines Tages ein Platz oder eine Straße den Namen seines Sohnes tragen: Stephen Mosbacher. Der Verlag testimon macht sich dafür stark, dass dem US-Soldaten jüdischen Glaubens, stellvertretend für seine gefallenen Kameraden, diese Ehre zuteilwird. Die Stadt werde den Fall prüfen, teilte der Oberbürgermeister den Initiatoren mit.

„Jüdische Ärzte und ihre Schicksale seit 1933“ lautet der Titel der Führung von „transiturs Städtereisen“, die von der „Förderung zeitgeschichtlicher Forschung in Nürnberg“ (FZFN) unterstützt wird. Die Teilnahme ist kostenlos. Die Leitung hat Susanne Rieger. Start ist am AOK-Gebäude (Frauentorgraben 49), um 11 und um 15 Uhr. Dauer jeweils 100 Minuten. Um Anmeldung wird gebeten: per Telefon unter * 01 62/7 51 58 40 oder per E-Mail an info@testimon.de 

Gabi Eisenack

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