Dienstag, 11.12.2018

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Was eine Baulücke so alles erzählen kann

In der Neuen Gasse 33 war früher die Schneiderei Rößler untergebracht - 31.08.2017 15:29 Uhr

Carl Rößler, seine Frau Lina und die Enkelsöhne Fritz und Artur lächeln dem Fotographen entgegen, der die Schneiderei 1924 auf Zelluloid bannt. © unbekannt (Leihgabe von Jochen Rößler)


Die Neue Gasse im Osten der Sebalder Altstadt zählt zu den Teilen Nürnbergs, in die sich wahrscheinlich nur selten ein Tourist verirrt. Die sachliche Architektur des Wiederaufbaus ist wohl eher etwas für Liebhaber. Läden gibt es nur noch wenige, die Neue Gasse und ihr Umfeld sind in erster Linie Wohngebiet.

Vor 93 Jahren war das anders. Man kannte sich und kaufte um die Ecke ein. Wer einen schicken Anzug für Konfirmation oder Hochzeit brauchte, ließ sich von Schneidermeister Carl Rößler in der Neuen Gasse 33 Maß nehmen. Als Mitglied der Nürnberger Naturfreunde gründete der Ururgroßvater unseres Lesers Jochen Rößler zusammen mit einigen befreundeten Geschäftsleuten 1907 das Naturgartenbad an der Pegnitz.

Nach dem Krieg entstanden an Stelle des zerstörten Hauses eine Grünfläche und Parkplätze. Die Bewohner der Nachbarhäuser freut’s: Sie haben Sonne im Erker und auf dem Balkon. © Sebastian Gulden


Eröffnet hat Carl Rößler sein Geschäft 1883, doch die Geschichte des Hauses reicht viel weiter zurück: Als die Neue Gasse im 15. Jahrhundert angelegt wurde, gehörte das Anwesen dem Messingschmied Hans Tröster. 1648 wurde es mit dem Rückgebäude an der Tucherstraße vereint.

1887 hübschte Baumeister Jean Büchner die Fassade zur Neuen Gasse mit einer Ladenfront aus Gusseisen auf. Später kamen neubarocke Fensterrahmungen in den Obergeschossen hinzu. Solche "Facelifts" an den Fassaden sah man um die Jahrhundertwende oft in der Nürnberger Altstadt. Erst unter dem nationalsozialistischen Oberbürgermeister Willy Liebel und seinem "Entschandelungs"Programm mussten viele pseudomittelalterlicher Schlichtheit weichen.

Im feinen gestreiften Sakko aus eigener Fertigung warb Schneidermeister Rößler um die Gunst der Kunden. Terminvereinbarung per Telefon war auch schon möglich. © unbekannt (Leihgabe von Jochen Rößler)


Im Zweiten Weltkrieg machten Fliegerbomben das Haus der Rößlers und seine Umgebung dem Erdboden gleich. Da erstaunt es, dass die Väter des Wiederaufbaus die früheren Straßenführungen und Blockgrundrisse berücksichtigten, wenngleich nicht überall: Viele Anwesen wurden zusammengelegt, kleine Gassen wie die Binsen-, Sonnen- und Fetzergasse überbaut.

Von Dämmplatten befreit, bieten die Reliefs am Erker der Neuen Gasse 15 den Passanten heute wieder Szenen eines Familienidylls in drei Lebensaltern. © Sebastian Gulden


Einige Grundstücke ließ man frei, um – so Stadtbaurat Heinz Schmeißner – "das belebende Grün der freien Landschaft bis in das Innere der Stadt zu tragen". So befinden sich heute an der Stelle, wo die Schneiderei Rößler stand, eine Grünfläche mit Bäumen und ein Parkplatz.

Das freut die Bewohner des angrenzenden Gebäudes Tucherstraße 40/42, die sich an der Südsonne auf ihren Balkonen erfreuen dürfen. Ihr Haus gehört zu jenen Schöpfungen des Wiederaufbaus, die sich durch ihre architektonische und künstlerische Gestaltung aus der Masse herausheben.

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An den Bauteil an der Tucherstraße schließt zu dem kleinen Plätzchen am Zusammentreffen von Rotschmiedsgasse, Am Sand, Neuer Gasse und Tucherstraße hin ein Querriegel mit Geschäftspavillon an, der den Geist des Wirtschaftswunders atmet. Die Fassade zur Tucherstraße schmückte der Maler Jakob Dietz mit Sgraffiti (Kratzputzbildern) eines Flößers und eines von Echsen und Vögeln bevölkerten Baums.

Und auch direkt neben dem früheren Heim der Rößlers ist am Haus Nr. 15 ein wahres Kleinod entstanden: Den dortigen Erker zieren drei Sandsteinreliefs des Bildhauers Max Renner. Der Nürnberger Wiederaufbau hat seine Qualitäten. Man muss nur bereit sein, sie sehen zu lernen. Angesichts des grassierenden Bau- und Sanierungsbooms ist es heute wichtiger denn je, dass auch dieser Abschnitt unserer Architekturgeschichte zumindest in Beispielen bewahrt bleibt.

Liebe NZ-Leser, haben Sie auch noch alte Fotos von Ansichten aus der Region? Dann schicken Sie sie uns bitte zu. Wir machen ein aktuelles Foto und erzählen die Geschichte dazu. Per Post: Nürnberger Zeitung, Marienstraße 9, 90402 Nürnberg; per E-Mail: nz-leseraktion@pressenetz.de.
 

Noch mehr Artikel des Projekts "Nürnberg – Stadtbild im Wandel" finden Sie im Internet unter www.nuernberg-und-so.de/thema/stadtbild-im-wandel oder www.facebook.com/nuernberg.stadtbildimwandel. 

Sebastian Gulden

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