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Wikipedia: Wissen für die Welt

Zum Kongress in Nürnberg: Wie das Online-Lexikon die Gesellschaft veränderte - 09.09.2011 08:49 Uhr

Der Anteil neuer Teilnehmer an der englischsprachigen Wikipedia schrumpft seit 2007 zunehmend. © dpa


Was haben Penicillin, Röntgenstrahlen und Wikipedia gemeinsam? Sie alle verdanken ihren Ursprung dem Zufall. Die ersten zwei Geschichten sind hinlänglich bekannt. Doch auch das größte Online-Lexikon der Welt war in der heutigen Form eigentlich nicht geplant. 

Im Jahr 2000 brachte Wiki-Gründer Jimmy Wales eine Enzyklopädie für das Internet auf den Weg. Zunächst wählte er jedoch die klassische Variante: Zusammen mit dem Philosophie-Doktoranden Larry Sanger gründete Wales das Nupedia. Ganz nach dem Vorbild der gedruckten Vorgänger durften nur Spezialisten die Beiträge verfassen, Sanger amtierte als Chefredakteur und überwachte die Artikel. Im ersten Jahr entstanden so gerade einmal 20 Beiträge. Aus Spaß stellte Wales am 15. Januar 2011die Seite wikipedia.com ins Netz, bei der dank einer neuen Technik alle Nutzer die Website mitgestalten konnten. Erstmals konnten so auch Laien ihr Wissen in ein Lexikon einstellen. Bereits 2003 hatten die Hobby-Autoren Nupedia verdrängt. Heute gibt es rund 1,2 Millionen deutschsprachige Artikel, insgesamt fast 16 Millionen.

Da wundert es kaum, dass Wikipedia das meistbenutzte Online-Nachschlagewerk ist und auf der Rangliste der meistbesuchten Websites an fünfter Stelle steht. Dennoch hat Wikipedia besonders in der Wissenschaft keinen guten Ruf. Professoren raten Studenten davon ab, Wikipedia als Nachschlagewerk für Haus- oder Abschlussarbeiten zu verwenden.

Der Grund liegt in der demokratischen Struktur: Viele Kritiker monieren, dass Änderungen von jedem Laien vorgenommen werden können und sich damit Fehler in die Texte einschleichen könnten, Unternehmen und Sternchen ihr Image die Plattform nutzen, um ihr Image aufzubügeln. Hier soll das Prinzip der Weisheit vieler greifen: Die Gemeinschaft überwacht, korrigiert und erweitert die Einträge, so werden Fehler oft schnell gefunden und ausgemerzt.

Strenge Überwachung in Deutschland

Die oft zitierte Schwarmintelligenz stimmt jedoch nicht ganz. Meist sind es einige wenige, vorwiegend männliche Autoren, die ehrenamtlich Texte verfassen und überarbeiten. Wer sich in der Autorengemeinschaft durch viele Beiträge hervortut, kann zum Administrator aufsteigen und hat dann erweiterte Benutzungsrechte, zum Beispiel die Berechtigung andere Texte zu löschen oder zu sperren, falls Vandalismus vorliegen sollte. Das, so sagen Kritiker, führe aber immer mehr zu einer Elite innerhalb der Autorengemeinschaft und widerspreche den demokratischen Grundgedanken.

Besonders die deutschen Autoren stöhnen über strenge Administratoren: Die Demokratie weiche immer mehr der Bürokratie. In keinem anderen Land würden die Artikel so streng überwacht und so häufig wieder gelöscht wie in Deutschland. Besonders Gelegenheits-Autoren und anonyme Schreiber tun sich schwer, ihre Artikel werden besonders streng von der Gemeinschaft überwacht und gelöscht. Beim Löschen eines Beitrags pochen die Bearbeiter immer wieder darauf gepocht, dass der Artikel nicht relevant genug sei. Der deutsche Kriterienkatalog für die Relevanz eines Artikels ist 30 DIN A4-Seiten lang.

Immer weniger Autoren

Wer ein fleißiger Wiki-Schreiberling werden möchte, hat also manche Hürde zu nehmen. Die größte Herausforderung für Wikipedia ist deshalb momentan der Autorenschwund. Seit 2007 schrumpft der Kreis der Wikipedianer zunehmend. Wiki-Gründer Jimmy Wales glaubt die Gründe zu kennen. „Die meisten Regeln sind verworren und für neue Nutzer unverständlich“, erzählte er auf einem Wiki-Treffen im August. Die Wikipedia-Seite über die Geschichte von Wikipedia weist darauf hin, dass auch der raue Umgangston unter den Autoren so manchen Neuling verschreckt. Noch sind in der deutschsprachigen Wiki 7000 Mitarbeiter aktiv. Der Großteil ist männlich, Anfang dreißig und studiert, so eine Würzburger Studie. Nach dem Studium wendet Autor sich dann anderen Dingen zu, heiratet und beendet seine freiwillige Arbeit bei Wikipedia, erklärt Jimmy Wales. 

Wie neue Autoren angeworben können, ist eine der Hauptthemen der Wikiconvention, einem Treffen der Wiki-Gemeinschaft aus Deutschland, der Schweiz und Österreich, die vom 9. bis 11. September in Nürnberg stattfindet. Aber auch, wie die Wissenschaft und die Medien zum Online-Nachschlagewerk stehen soll an diesem Wochenende diskutiert werden. Zwar verwenden Doktoranden und Journalisten immer wieder gerne das Nachschlagewerk zu Recherche-Zwecken, zugeben würde das aber kaum jemand.

Fluch und Segen

Denn Wikipedia kämpft noch immer um einen seriösen Ruf - größtes Nachschlagewerk im Internet hin oder her. Dabei bestätigten Studien immer wieder, dass die Online-Enzyklopädie mit ihren gedruckten Konkurrenten durchaus mithalten kann. Eine vom Magazin Stern 2007 in Auftrag gegebene Studie sorgte für eine größere Akzeptanz des Online-Lexikons. Im Vergleich mit der Enzyklopädie Brockhaus schnitt Wikipedia in den Bereichen Aktualität, Richtigkeit und Vollständigkeit besser ab als das traditionelle Nachschlagewerk. Und das alles gratis für den Nutzer. Die Seite kommt ohne Werbung aus, finanziert sich über Spenden von Nutzern und Unternehmen.

Penicillin und das Röntgengerät brachten Hilfe für viele, Wikipedia brachte Wissen für alle. Ob das allerdings ausreicht für ein Plätzchen auf der Weltkulturerbe-Liste bleibt dennoch fraglich. Fans sind aufgerufen, eine Petition für ihr Anliegen zu unterschreiben. Ob eine Aufnahme sinnvoll erscheint wird heftig diskutiert. Gerade die Debatte über Fluch und Segen, Sinn und Zweck von Wikipedia hat seine Berechtigung in einer digitalisierten Welt. 

Kai Kappes

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