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Wilder Stilmix: Nürnbergs zweieiige Miethaus-Zwillinge

Zwangsversteigerung: Ensemble hat bewegte Geschichte hinter sich - 31.07.2018 11:41 Uhr

Die Häuser Schonhoverstraße 2 und Veillodterstraße 13 (Bildmitte und rechts) um das Jahr 1910. © Stadtarchiv Nürnberg


Im Gegensatz zu weiten Teilen der Nürnberger Nordstadt, die sich erst um 1900 von der dörflichen Siedlung zur Großstadt wandelten, erhielt der Bereich zwischen Maxtorgraben und Pirckheimerstraße schon in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts eine dichte Mietshausbebauung. 1893 begann Maurermeister Friedrich Schwarz mit den Planungen für die Häusergruppe Schonhoverstraße 2 und Veillodterstraße 13. Betrachtet man die fertigen Häuser auf unserem historischen Foto, möchte man kaum glauben, dass sie zur gleichen Zeit entstanden sind.

Ganz im Sinne der "variatio delectat" (Lateinisch für "Abwechslung erfreut") wählte Schwarz zwei komplett unterschiedliche Baustile: Der Veillodterstraße 13 verpasste er eine Fassade im Nürnberger Stil, der Elemente von Gotik und Renaissance vereint. Das Eckhaus Schonhoverstraße 2 dagegen hatte mit seinen reich dekorierten Sandsteinfronten in Formen der Neorenaissance wenig mit der örtlichen Bautradition gemein.

Baumeister Schwarz hatte es eilig mit dem Bauantrag für seine "zweieiigen Haus-Zwillinge", denn ihm stand das Wasser bis zum Hals. Leider hatte er die Rechnung ohne Lehrer Däumler aus der Schonhoverstraße 4 gemacht: Als Schwarzens Spezl Johann Tiefel, Wirt der Restauration "Zum Richard Wagner" in der Pirckheimerstraße, Däumler zwischen Tür und Angel die Unterschrift unter dem Bauantrag abluchsen wollte, weigerte sich dieser standhaft. Schlimmer noch: Er und seine Nachbarin Marie Schuhmacher stellten eine ganze Liste von Forderungen, die Schwarz bei seinem Neubau erfüllen sollte. Dem bedrängten Bauherrn blieb nichts anderes übrig, als sich zu fügen.

Der Wiederaufbau in dem schwer getroffenen Viertel zwischen Stadtpark und Altstadt brachte Einheitlichkeit – und zur Freude der Bewohner Balkone nach Süden und Westen. © Boris Leuthold


Am Ende war alles vergebens: Als die Häuser 1894 vollendet waren, kamen sie sogleich per Zwangsversteigerung unter den Hammer. 1907 eröffnete der Kaufmann Richard Möbus in der Schonhoverstraße 2 seinen Kolonialwarenladen. Betrachtet man die 1898 eingebaute Ladenfront, deutet sich ein Trend an, der heute die Fußgängerzonen beherrscht: Es ist die Außenreklame, hier in Form von kunterbunt an der Fassade verteilten Emailleschildern. Mag man sie heute durch die rosarote Brille der Nostalgie sehen, in jedem Fall ließen die Schildchen genügend Raum für die Architektur dahinter.

Nostalgie pur 

Die Firmen und Produkte, für die die Schilder werben, sind noch immer allseits bekannt: Maggi (Würzmischung), Palmin (Kokosfett), Persil (Waschmittel) oder - zumindest den älteren Semestern ein Begriff -Pilo (Schuhcreme). Läden wie jene von Herrn Möbus sind dagegen selten geworden. Heute, da wir gewöhnt sind, dass quasi alles immer und überall verfügbar ist, haben Tante-Emma-Läden nur dort eine Chance, wo die Kundenbindung stärker ist als jetztund- sofort und Geiz-ist-geil. Mit Blick auf das Stadtbild hat diese Entwicklung dazu beigetragen, dass mittlerweile viele Geschäfte leer stehen und Straßenzüge veröden.

Der Laden an der Ecke Schonhover- und Veillodterstraße verschwand allerdings bereits beim Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg. Da wurden beide Häuser ein Raub der Fliegerbomben. Beim Entwurf der Neubauten griff Fritz Brehm ab 1952 die Grundformen der Vorgänger wieder auf. Die schlichten Putzfassaden der Schonhoverstraße 2 versah er mit umlaufenden Balkonen, den Eingang mit Reliefs aus Sandstein. Heute ist das Ensemble ein Beispiel für den einfühlsamen Wiederaufbau, der auf harte Brüche verzichtete und bewusst an das Gewesene anknüpfte.

Unser Artikel entstand durch eine Kooperation mit dem Projekt "Stadtbild im Wandel". 

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Sebastian Gulden

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