Dienstag, 11.12.2018

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Wo der Architekt wohnte, der die Stadt verschönte

Das Haus an der Äußeren Cramer-Klett-Straße existiert heute nicht mehr - 16.08.2017 13:14 Uhr

Das Anwesen Äußere Cramer-Klett-Straße 1: Zum neuen Jahr 1907 bedachte Hausherrin Marie Ißmayer ihre Bekannte Christine Mohring mit einer Ansicht ihres Zuhauses. Sie selbst blickt im 1. Stock rechts aus dem Fenster. © unbekannt (Sammlung Sebastian Gulden)


Hans Ißmayer gehört zu jenen Nürnbergern, an die sich heute nur noch wenige erinnern. Dabei hat er unsere Stadt schöner gemacht, hat sie bereichert um prächtige Villen und Mietshäuser. An der Berckhauserstraße etwa erbaute er 1898 für den Maler Lorenz Ritter ein Haus mit rundem Turm, für den Kommerzienrat Eduard Bach 1909 in der Campestraße 10 eine Villa im Jugendstil. Im mondänen Monaco plante der Architekt für den deutschen Arzt Heinrich Baumgärtner eine "Kuranstalt für kranke und erholungsbedürftige Damen" mit Blick auf die Riviera.

Schuld an diesem Vergessen ist nicht zuletzt die ablehnende Haltung, die nachfolgende Generationen für die Schöpfungen des Historismus und des Jugendstils empfanden: kitschig und nicht funktional, so das Vorurteil. Die Nationalsozialisten mit ihrem wirren ästhetischen Ideal einer spröden, "germanischen Baukunst" sorgten schließlich dafür, dass die baulichen Zeugnisse des 19. und frühen 20. Jahrhunderts bis zu ihrer Wiederentdeckung in den 1970er Jahren wenig Ansehen genossen.

Von einem, der für die Reichen und Mächtigen baut, möchte man erwarten, dass er ebenfalls fürstlich zu wohnen weiß. Einem Mann des Erfolgs hätte eine Künstlervilla, wie sie sich etwa August von Kreling am Nürnberger Vestnertorgraben oder Franz von Stuck an der Münchener Prinzregentenstraße leisteten, gut zu Gesicht gestanden.

Ißmayer, seine Frau Marie und Tochter Marie junior mit ihrem Ehemann Konrad Scherzer und den vier gemeinsamen Kindern aber lebten recht bescheiden: Ihr Heim war ab etwa 1910 ein altes Mehrfamilienhaus an der Äußeren Cramer-Klett-Straße 21 in den Gärten bei Wöhrd. Als es 1864 erbaut wurde, war der spätere Eigentümer gerade einmal drei Jahre alt.

Die Äußere Cramer-Klett-Straße 2017: In den 1950ern wurde das Grundstück der Ißmayers mit den Nachbaranwesen zusammengelegt. Das Gebäude stand in der linken Bildhälfte rechts neben dem rosafarbenen Wohnhaus. © Sebastian Gulden


Die Geburt des Hauses begann gleich mit einem Riesenkrach: Weil der Bauherr Jakob Schwarzfischer die Baugenehmigung nicht abwarten wollte, begann er schon einmal mit dem Aushub des Kellers. Das rief seinen künftigen Nachbarn, den königlichen Hauptmann Karl von Oelhafen auf den Plan, der postwendend beim Magistrat die Verfüllung der Grube verlangte. Erfolg hatte er damit nicht; Das Haus wurde gebaut und im Stil des Klassizismus und des Biedermeier mit vornehmem Fassadenschmuck mit Pilastern, Gesimsen und Schürzen an den Fenstern geschmückt.

Im Garten hinter dem Haus, zwischen den kahlen Brandwänden der Nachbarhäuser, schuf sich Hans Ißmayer 1924 seinen Rückzugsort. In dem zweigeschossigen Gartenhaus mit Atelier und Laube für die Familie werkelte er ungestört von der Hektik und dem Lärm der pulsierenden Großstadt inmitten einer grünen Oase.

Die Luftangriffe im Zweiten Weltkrieg zerstörten das Haus

Dabei war es in den Goldenen Zwanzigern an der Äußeren Cramer-Klett-Straße – anders als in früheren Zeiten – vergleichsweise ruhig: Bis 1901 hämmerten, nieteten und gossen die Arbeiter der Maschinenbau-Actiengesellschaft Nürnberg auf dem Gelände des heutigen Cramer-Klett-Parks noch von morgens früh bis abends spät Eisenteile für Waggons, Brücken und Schienen. Erst als die MAN nach Gibitzenhof umzog, war Ruhe, und das Betriebsgelände wurde zur Grünfläche.

Hans Ißmayer starb hochbetagt am 7. März 1942. Er musste nicht miterleben, wie sein geliebtes Heim am Park während der Luftangriffe des Zweiten Weltkriegs, in denen das alte Wöhrd und seine Umgebung fast völlig vernichtet wurden, in sich zusammenstürzte. Tochter Marie kehrte dem Haus und dem verwunschenen Garten für immer den Rücken und verkaufte beides an ihren früheren Nachbarn Eduard Winkler, der dort ein Fabrikgebäude errichtete. Doch auch das ist mittlerweile Geschichte: 2014 bis 2015 trat an seine Stelle eine Wohnanlage.

Beim Verkauf ihres Elternhauses wohnte Marie Scherzer, geborene Ißmayer, schon in einem Neubau an der Oskar-von-Miller-Straße am Dutzendteich. Um sie herum entstand das neue Nürnberg, das die damals als überkommen empfundene "alte Zeit" vergessen machen wollte. Und doch, vielleicht haben auch Marie und ihre Familie manchmal mit Wehmut zurückgedacht an das alte Haus am Park und an ihren verwunschenen Garten, an ein Stück Nürnberg, das nie mehr sein wird.

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Liebe NZ-Leser, haben Sie auch noch alte Fotos von Ansichten aus der Region? Dann schicken Sie sie uns bitte zu. Wir machen ein aktuelles Foto und erzählen die Geschichte dazu. Per Post: Nürnberger Zeitung, Marienstraße 9, 90402 Nürnberg; per E-Mail: nz-leseraktion@pressenetz.de.

Noch mehr Artikel des Projekts „Nürnberg – Stadtbild im Wandel“ finden Sie im Internet unter www.nuernberg-und-so.de/thema/stadtbild-im-wandel oder www.facebook.com/nuernberg.stadtbildimwandel. 

Sebastian Gulden

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