Dienstag, 11.12.2018

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Wo die Stadt und das Land zusammentreffen

Neuer Teil der NZ-Stadtbild-Serie - Heute: die "Wegscheid" in St. Johannis - 11.04.2017 12:46 Uhr

Johannisstraße und „Wegscheid“ im Jahr 1915 auf einer Ansichtskarte in bunt kolorierter Geschäftigkeit. © Verlag Michael Bratengeier/Leihgabe von Werner Jülka


Mehr als 100 Jahre später – diesmal in natürlichen Farben – herrscht noch immer reger Betrieb. Das Auto hat Pferdewagen und Fußgänger verdrängt. © Boris Leuthold


Zum Sortiment von Michael Bratengeiers Lädchen in der Johannisstraße 77 zählten neben Schulheften und Zigarillos auch Postkarten mit Straßenansichten aus der Umgebung – darunter jene, die wir oben zeigen.

Als der Käufer der Karte 1915 aus dem Geschäft trat und gen Westen blickte, hatte er das Motiv seiner Erwerbung unmittelbar vor Augen: Vor ihm breitete sich die Johannisstraße aus, gesäumt vom Nebeneinander niedriger Vorstadthäuser und großstädtischer Mietskasernen mit bis zu fünf Etagen, wie es typisch war für das "Dreiländereck" zwischen St. Johannis, Wetzendorf und Schniegling.

Im Blickpunkt des Betrachters liegt auf beiden Fotos in der Ferne die "Wegscheid", wie die Alteingesessenen die Gabelung der Johannis- und der Schnieglinger Straße nennen. Auf dem dreieckigen Grundstück in der Gabel steht noch heute ein Vorstadthaus mit hübschen Jugendstil-Stuckrahmen um die Fenster.

Einst war hier die Gaststätte "Zur Wegscheid" beheimatet. Das grüne Dach des Salettls – ein kleiner, offener Gartenpavillon – im Biergarten lugt auf der alten Ansicht durch die Baumkronen.

Auf der gewaltigen Brandwand des Hauses Johannisstraße 104 dahinter, einem Bau im feinsten Nürnberger Stil mit kecken Spitzhelmen auf den Gauben, hat die Globalisierung ihre Spuren hinterlassen: An Stelle der aufgemalten Reklame erstrahlt in unseren Tagen das Logo eines internationalen Herstellers von Erfrischungsgetränken.

Wer genau hinschaut, erkennt im Hintergrund rechts neben der Wegscheid die schlanken Schornsteine der Metallkapseln-, Tuben- und Spritzkorkenfabrik Louis Vetter in Schniegling, deren Gebäude noch größtenteils erhalten sind.

Stolz auf den neuen Friedhof war rasch verflogen

Heute führt die Johannisstraße von der Wegscheid aus weiter in südwestlicher Richtung zum Nordwestring. Das war nicht immer so: Die vierspurige Ringstraße hat man erst 1972 durch die beschauliche Vorstadtlandschaft gebrochen. Das Teilstück der Johannisstraße zum Nordwestring hin hieß bis 1905 offiziell "Centralfriedhofstraße" und trug den alten Namen des heutigen Westfriedhofs, vor dessen Haupttor es endete.

Warum die Umbenennung? Offenbar war der Stolz auf den neuen Friedhof irgendwann verflogen und galt nur noch als makaber. Und das ausgerechnet in Nürnberg, das seine Gottesäcker schon vor Jahrhunderten als Touristenmagnete entdeckte! Es scheint dies ein typisches Nürnberger Phänomen zu sein, mussten doch die nahe gelegene Leichenhausgasse und die Kirchhofstraße in den Gärten bei Wöhrd – sie heißen heute Brücken- beziehungsweise Bartholomäusstraße – aus demselben Grund umbenannt werden.

Für den Autoliebhaber wären die Straßen von damals das reinste Grauen gewesen. Bis auf die Hauptstraßen waren diese nämlich meist geschottert, hie und da zumindest die Kreuzungen gepflastert. Den robusten zweiachsigen Pferdewagen wie jenem links im Vordergrund, die man um die vorletzte Jahrhundertwende noch häufig im Straßenbild antraf, machte das freilich nichts aus.

Die Johannisstraße, um 1910 bereits ein wichtiger Verkehrsweg, besaß schon eine durchgängige Pflasterdecke. Die breiten Trottoirs fielen später dem Platzhunger des Automobils anheim. Die Straßenbahn der Linie 6 verkehrt dagegen noch heute zwischen Plärrer und Westfriedhof.

Veit Schagers Wirtschaft musste weichen

Der Wandel an den Gebäuden auf den beiden Bildern oben äußert sich eher in den Details. Mal hat man hier ein Ornament abgeschlagen, mal dort eine Fassade verputzt, mal eine Gaube ihres Spitzhelms beraubt. All das mögen auf den ersten Blick Kleinigkeiten sein, doch in der Masse spürt man, wie das Stadtbild auch an dieser Stelle durch allzu viel Pragmatik verarmt ist.

Völlig verschwunden sind Veit Schlagers Wirtschaft "Zur Sternschanze" und die beiden Nachbarhäuser, die auf dem historischen Bild im Vordergrund rechts zu sehen sind. Beim Wiederaufbau in den 1950er Jahren hat man die klassizistischen Vorstadthäuser neu interpretiert: Das neudeutsche Adjektiv "spacig" beschreibt ganz gut, wie das Flugdach zwischen den seitlichen Vorschussmauern ansteigt.

Kleine Balkönchen mit eigenem Dach und eine breite Schaufensterfront im Erdgeschoss vervollständigen das Bild. So gehört nun auch dieser ungewöhnliche Neubau zum Ensemble der Johannisstraße nahe der Wegscheid, dort, wo Stadt und Land zusammentreffen.

Liebe NZ-Leser, haben Sie auch noch alte Fotos von Ansichten aus der Region? Dann schicken Sie sie uns bitte zu. Wir machen ein aktuelles Foto und erzählen die Geschichte dazu. Per Post: Nürnberger Zeitung, Marienstraße 9, 90402 Nürnberg; per E-Mail: nz-leseraktion@pressenetz.de.
 

Noch mehr Artikel des Projekts "Nürnberg – Stadtbild im Wandel" finden Sie im Internet unter www.nuernberg-und-so.de/thema/stadtbild-im-wandel oder www.facebook.com/nuernberg.stadtbildimwandel. 

Sebastian Gulden

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