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Wo Macht und Reichtum residierten

Am Vestnertorgraben wohnten einst die wohlhabenden Nürnberger Familien - 03.01.2018 12:02 Uhr

Welcome to England! Otto Krells Villa Vestnertorgraben 31 sah um 1933 aus wie frisch von der Insel importiert. © unbekannt (Sammlung Sebastian Gulden)


Der Vestnertorgraben im Norden der Altstadt besteht seit dem Bau der letzten Stadtmauer im 16. Jahrhundert. Wohl ebenso lange gibt es eine Straße am Hang vor dem Graben, die Zugang zu den hiesigen Nutzgärten der Vorstadtbewohner und den Landsitzen der reichen Nürnberger Familien gewährte. Zur Zeit der Industrialisierung wollten findige Geschäftsleute den Vestnertorgraben zuschütten, die Vestnertormauer abreißen und beide Straßenseiten mit Wohn- und Geschäftshäusern bebauen. Hinter dem Plan standen finanzielle Interessen, erwartete man doch eine Explosion der Grundpreise.

Heute steht an der Stelle der Villa funktionale Architektur des deutschen Wiederaufbaus mit Fassadenfarbe in zeittypischen Pastelltönen. © Sebastian Gulden


Doch der drohende Verlust ihrer Stadtmauer war den Nürnbergern zu viel des Wandels, und so durfte weiterhin nur die Nordflanke des Grabens bebaut werden. Die Sache mit den Grundpreisen aber ging auf, und so kam es, dass es nur den Reichen und Mächtigen vergönnt war, am Vestnertorgraben ihre Anwesen zu errichten. Deren Architektur war so vielfältig wie der Geschmack der Bauherren.

Zu den noblen Häuslebauern der ersten Stunde zählte der Maler August von Kreling, dessen klassizistische Villa Vestnertorgraben 43 durch ihren achteckigen Turm bestach. 1881 erwarb Gustav Adam Schwanhäußer, Inhaber der Schwan Bleistiftfabrik, den Bau und ließ ihn durch Theodor Eyrich erweitern.

Eine Insel der alten Zeit: der Mietspalast Vestnertorgraben 19, der als einer der wenigen Bauten den Krieg fast unbeschadet überstanden hat. © Sebastian Gulden


Moritz Gutmann, Kaufmann jüdischen Glaubens, ließ für den Neubau seines Hauses am Vestnertorgraben 15 gleich zwei Pläne ausarbeiten. Der Entwurf des renommierten Emil Hecht im Nürnberger Stil fiel durch, und so kam ein Jungspund zum Zuge. Der damals 28 Jahre alte Heinrich Egelsehr überzeugte mit einem Plan im modernen Jugendstil.

Heute, da man die Grundstücke am Vestnertorgraben nachverdichtet hat und die Bäume rundum gewachsen sind, fällt der Baukörper weniger auf als bei seiner Vollendung 1907, als er als riesiger Kubus aus dem Grün der Alleen und Gärten aufragte. Egelsehr gelang es, den Fronten des Hauses durch Details wie Loggien, flache Standerker und Ornamentschmuck malerische Bewegung zu verleihen.

Mit seinen Standerkern, Loggien und dem Ornamentschmuck im Jugendstil wirkte der Mietspalast Vestnertorgaben 15 um 1914 geradezu märchenhaft. © unbekannt (Sammlung Gulden)


Später ging das Anwesen in den Besitz des Versicherungskaufmanns Isidor Löwensohn über, der 1939 mit Frau und Kindern vor der Verfolgung durch die Nationalsozialisten nach Südafrika floh. Sein prominentester Mieter war Oberbürgermeister Hermann Luppe, der seit etwa 1920 die dritte Etage bewohnte.

Kaum weniger bombastisch wirkt das Nachbarhaus Nr. 19, das 1888 im Stil der Neorenaissance erbaut wurde. Wie die Nr. 15 ist auch sie keine Villa im klassischen Sinne, sondern eine "Mietsvilla", in der neben dem Hausherrn weitere Parteien residierten.

Ein paar Meter weiter ließ der Ingenieur Otto Krell um 1884 ein Gebäude errichten, das aussah, als hätte man es aus einem der englischen Dörfer der Krimiserie "Inspektor Barnaby" geklaut. Tatsächlich war das Haus im Stil der Neugotik eine Schöpfung des Nürnberger Maurermeisters Wolfgang Lunz. Hier verbrachten Krell und seine Frau Helene ihren Lebensabend, nachdem sie Jahrzehnte im fernen St. Petersburg gelebt hatten.

Märchen ausgeträumt: Nach Weltkrieg und Modernisierung bestimmen heute kahle Fronten, Glasbausteine und lochartige Fenster das Bild. © Boris Leuthold


Während die Gärten hinter der Veste den Zweiten Weltkrieg insgesamt mit geringen Schäden überstanden, richteten die britischen Fliegerbomben am Vestnertorgraben katastrophale Schäden an. Fast alle Wohnhäuser wurden zerstört oder beim Wiederaufbau so stark verändert, dass man auch nach mehrmaligem Hinsehen nur schwer fassen kann, dass es sich um ein historisches Bauwerk handelt – so geschehen im Falle des Hauses Vestnertorgraben 15.

Von der Villa Krell stand 1945 nur noch eine Hausecke; an ihre Stelle trat ein Mehrfamilienhaus. Die Schwanhäußers ließen ihr ausgebranntes Anwesen durch ein Doppelhaus ersetzen. Erhalten blieben nur der verwunschene Garten und die Terrassenmauer, die ein Relief mit dem Porträt August von Krelings ziert. Einzig das Haus Vestnertorgraben 19 hat die Stürme der Zeit fast unbeschadet überstanden und erinnert bis heute an die Zeit, als im Norden der Nürnberger Altstadt Macht und Reichtum residierten.

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Sebastian Gulden

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