Dienstag, 11.12.2018

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Wöhrds spirituelles Herz

Die bewegte Geschichte der Kirche St. Bartholomäus - 17.07.2017 17:22 Uhr

Die ausgebrannte Ruine der Bartholomäuskirche 1943. © Foto: Georg Schaller


Sommer 1944. Aus luftiger Höhe schießt ein Fotograf Luftbilder der Nürnberger Vorstadt Wöhrd. Oder besser von dem, was von ihr übriggeblieben ist. In den kontrastreichen Schwarzweißbildern jener Zeit wirkt die apokalyptische Trümmerwüste wie ein Gemälde des US-amerikanischen Malers Edward Hopper – unwirklich, trist, gottverlassen.

Selbst die Bartholomäuskirche, einst stolzes Wahrzeichen des alten Wöhrd, hat den Bomben nicht widerstehen können, die ein Jahr zuvor, in der Nacht vom 10. auf den 11. August 1943, niedergingen. Nach der Schutträumung steht allein der Chor wie ein hohler Zahn noch aufrecht. Langhaus und Turm sind verschwunden.

Die Kirche St. Bartholomäus steht nach der völligen Zerstörung wieder da wie einst. © F.: Boris Leuthold (links)/ Hermann Martin


Es war nicht das erste Mal, dass die Wöhrder ganz von vorne beginnen mussten: 1388 und 1552 ließ der Nürnberger Rat den Ort in Brand stecken, um dem Kriegsgegner jede Möglichkeit zum Verschanzen zu nehmen. Immerhin kam er für den Totalschaden auf und errichtete die Vorstadt beide Male neu.

Die Kirche St. Bartholomäus steht nach der völligen Zerstörung wieder da wie einst. Dieses Bild datiert aus dem Jahr 1899. Damals kam ganz Wöhrd zusammen, um sich vor der Kirche ablichten zu lassen. © F.: Boris Leuthold (links)/ Hermann Martin


Für den Neubau von St. Bartholomäus zeichneten 1557 bis 1562 die Werkmeister Michael Klingenbeck, Sixt Schnürlein und Stadtbaumeister Lienhard Schnabel als Planfertiger verantwortlich. Sie schufen die Kirche in den Formen der so genannten "Nachgotik", einem Stil, der Merkmale der Gotik und der Renaissance – etwa Strebepfeiler, Rund- und Spitzbögen – miteinander vereint. Bauten dieser Zeit sind selten und machen die Kirche zu einem bedeutenden Zeugnis Nürnberger Architekturgeschichte.

Zwei Renovierungen im 19. Jahrhundert warfen die barocke Einrichtung, die 1679 hinzugekommen war, wieder heraus und verwandelten St. Bartholomäus in das, was die Baumeister und Gelehrten dieser Epoche als idealtypisch "mittelalterlich" empfanden. Dass St. Bartholomäus heute wieder das geistliche und städtebauliche Herz von Wöhrd darstellt, ist eine der großen Leistungen des Wiederaufbaus in Nürnberg. 1955 bis 1956 stellte Architekt Gottlieb Schwemmer die Kirche außen weitgehend in der alten Form wieder her, während er das Innere im Stil der Nachkriegszeit neu interpretierte.

Zum Glück waren weite Teile der kostbaren Einrichtung ausgelagert worden, darunter der spätgotische Hochaltar, Glasmalereien von Veit Hirsvogel und seinen Söhnen sowie eine Reihe so genannter "Totenschilde", die in Nürnberg traditionell zum Gedenken an verstorbene Mitglieder vornehmer Familien in den Kirchen aufgehängt wurden.

So entging St. Bartholomäus dem Schicksal vieler kriegszerstörter Kirchenräume in Deutschland, die heute oftmals wie karge Museumssäle mit wenigen verstreuten Kunstwerken anmuten.

Rund um die Kirche wuchs aus den Ruinen ein neues, ein anderes Wöhrd. Unter Pfarrer Hans Weinicke konnte 1964 auch das moderne Pfarrhaus am Geisberg seiner Bestimmung übergeben werden. Seine Südfassade ziert ein riesiges Sgraffito (Wandbild in Kratzputztechnik) des Nürnberger Malers Kurt Busch, das gleichzeitig als Sonnenuhr dient.

"Es zeigt", so Stadtheimatpflegerin Claudia Maué, "die Heilige Familie in einem Segelschiff mit den Personifikationen von Glaube, Hoffnung und Liebe. Die Verheißung der Versöhnung Gottes mit den Menschen wird durch die ‚Galionsfigur’ der Taube mit dem Ölzweig als Zeichen für das Ende der Sintflut verdeutlicht." Kongenial wirkt das Bild mit dem Mosaik des "Guten Hirten" am höher gelegenen Gemeindehaus zusammen.

Wie lange sich die Wöhrder dieses Meisterwerks der Nachkriegskunst noch erfreuen dürfen, steht allerdings in den Sternen. Denn das Wandbild soll unter einer Außendämmung verschwinden – und mit ihm ein weiteres Stück Wöhrder Geschichte.

Liebe NZ-Leser, haben Sie auch noch alte Fotos von Ansichten aus der Region? Dann schicken Sie sie uns bitte zu. Wir erzählen die Geschichte dazu. Nürnberger Zeitung, Marienstraße 9, 90402 Nürnberg; per E-Mail: nz-leseraktion@pressenetz.de. Noch mehr Artikel des Projekts "Nürnberg – Stadtbild im Wandel" finden Sie im Internet unter www.nuernberg-und-so.de/thema/stadtbild-im-wandel oder www.facebook.com/nuernberg.stadtbildimwandel. 

Sebastian Gulden

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