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Zum Faulpelztag: Darum sind Pausen für uns so wichtig

Multitasking ist ein Mythos, sagt der Neurologe Frank Erbguth - 10.08.2016 06:00 Uhr

Heute dürfen wir alle mal das Erdmännchen spielen: Der Weltfaulpelztag ruft zu Müßiggang auf. © dpa


Ein guter Espresso kann Prof. Frank Erbguth durchaus zu einer kurzen Pause verleiten © Foto: Sippel


Herr Professor Erbguth, warum möchte man fast niemandem davon erzählen, wenn man mal tatsächlich nichts gemacht hat?

Erbguth: Weil die Muße, das Tagträumen, zu alten Tugenden werden, die wir leider aus den Augen verlieren. Immer schneller und dichter ist unser Alltag getaktet, immer mehr Menschen und Medien verlangen unsere Aufmerksamkeit. Viele glauben deshalb, dass sie sich keine Pause leisten können. Dabei tun solche Auszeiten dem Gehirn richtig gut.

Warum das denn? Nimmt die Gedächtnisleistung nicht ab, wenn die grauen Zellen nicht ständig gefordert werden?

Erbguth: Wie fast immer im Leben: Die Dosis macht’s. Natürlich ist geistige Aktivität enorm wichtig. Aber das Gehirn braucht genauso Pausen. Anspannung und Entspannung müssen sich immer wieder abwechseln, sonst funktioniert unsere Schaltzentrale nicht mehr richtig.

Also fördern Pausen sogar das Denken?

Erbguth: Genau. Sie dürfen sich nicht vorstellen, dass im Gehirn gar nichts passiert, wenn Sie mal Tagträumen. Im Gegenteil. In solchen Ruhemomenten springt – ähnlich wie im Schlaf – ein ganzes Netzwerk von Hirnregionen an. Erlebtes oder Erlerntes werden noch einmal reflektiert und eingeordnet, die Synapsen sortieren sich neu. Diese Aufräumaktion im Gehirn schafft erst wieder Raum für Kreativität. Wer Pausen macht, arbeitet produktiver. Das entdecken zunehmend auch Unternehmen. Firmen kappen inzwischen den Mail-Verkehr am Abend und am Wochenende oder schicken ihre Mitarbeiter zum Abschalten ins Kloster.

Dann braucht sich niemand Sorgen um seine Leistungsfähigkeit machen, wenn er das Bedürfnis nach einer kurzen Auszeit spürt?

Erbguth: Die meisten Menschen bekommen es schon gar nicht mehr intuitiv hin, eine Ruhephase einzulegen. Früher gab es den Mittagsschlaf, den Gottesdienst oder auch Samstag und Sonntag als feste Größen zum Innehalten. Aber inzwischen leben wir in der normierten Zeit des Internets – Mails erreichen uns an sieben Tagen in der Woche rund um die Uhr. Früher war ein Schreiben vom anderen Ende der Welt tagelang unterwegs. Heute dauert das nur einen Mouse-Klick, und fast jeder Geschäftspartner erwartet eine Erledigung innerhalb von 48 Stunden. Die Gnade des Verzugs ist dahin, jeder versucht, dieser Informationsflut noch Herr zu werden.

Liegt demnach im digitalen Fortschritt die Wurzel allen Übels?

Erbguth: Nein, ich bin kein Kulturpessimist. Weder hat die Dampfeisenbahn zu einem gefährlichen Delirium geführt, noch hat das Fahrrad fahren für Gesichtsdeformitäten gesorgt. Wer verantwortungsvoll mit den Möglichkeiten des Internets umgeht, profitiert sicher davon. Für mich ist die Taschen- oder Armbanduhr kulturhistorisch gesehen eine der bedeutendsten Erfindungen, sie ist für die industrielle Entwicklung wichtiger als die Dampfmaschine.

Warum?

Erbguth: Wir verfügen über kein Organ zur Zeiterfassung im Körper, Sinnesreize vermitteln uns nur ein gewisses Zeitgefühl. Schönes vergeht schnell, Unangenehmes dagegen scheint sich in die Länge zu ziehen. Mit der tragbaren Uhr als exaktem Mess-System wurde die Zeit direkt an den Menschen gebracht. Time is money, Zeit ist Geld, heißt es inzwischen nicht mehr nur an der Börse. Was lässt sich alles reinpacken in den Alltag - inzwischen gibt es mehr als 500 Bücher zum Thema Zeitmanagement, in den 70er Jahren haben Sie dazu gerade mal zwei Titel finden können. Wenn Bücher nicht weiterhelfen, dann werfen nicht wenige inzwischen Pillen ein und machen bei Bedarf die Nacht zum Tag. Nur der Mensch kann sich willkürlich dem Schlaf-Wach-Rhythmus entziehen - kein Hund käme auf die Idee, einfach mal durchzumachen. Aber Zeit für Pausen, für Muße, für Tagträume oder auch fürs Warten - übrigens auch ein gesunder Leerlauf fürs Gehirn - will sich niemand mehr nehmen.

Warten Sie denn gerne?

Erbguth: Wenn ich zum Beispiel in einer Telefonhotline hänge, empfinde ich das nicht als Glück des Innehaltens. Aber man sollte sich in solchen Situationen bewusst machen, dass man selbst Opfer wie Treiber ist - ich setzte meine Mitarbeiter auch oft genug zeitlich unter Druck. Auszeiten sind übrigens nicht nur fürs Gehirn gesund: Pausenlose Aktivität sorgt dafür, dass Blutdruck und Blutzuckerspiegel steigen, der Körper vermehrt das Stresshormon Cortisol ausschüttet und das Schlaganfallrisiko um 22 Prozent erhöht wird. Also ruhig mal warten und sich selbst zurücknehmen.

Liegt im Multitasking die Lösung des Problems? Wenn ich mehrere Aufgaben gleichzeitig erledige, bleibt am Ende mehr Zeit für Pausen.

Erbguth: Multitasking ist nur ein Mythos. Im Kernspin haben Gehirnaktivitätsmuster von geübten Probanden gezeigt, dass sich das Gehirn nur auf eine oder maximal zwei komplexe Tätigkeiten gleichzeitig konzentrieren kann. Danach sinkt die Qualität der Aufgabenlösung deutlich. Also besser zwei Aktionen nacheinander bewältigen und trotzdem Pausen nicht vergessen.

Vielleicht helfen Rituale dabei, sich Auszeiten zu schaffen. Nach Feierabend öfters mal Handy und Fernseher ausschalten, einen Spaziergang machen, sich unterhalten oder auf der Couch lesen. Ich höre jetzt die Stimme meiner Frau, die mir sagt, ich soll doch bitteschön erst einmal selbst in der Realität umsetzen, was ich in der Öffentlichkeit so von mir gebe. Sie hat mir übrigens auch nie geglaubt, dass ich gleichzeitig Fußball schauen, mit jemand telefonieren und mit ihr reden kann.

Wie entspannen Sie sich von Alltag, Stress und Job? Zu dieser Frage haben wir ein Leserforum eingerichtet. Eine Auswahl der Einsendungen wird gegebenenfalls auch auf der gedruckten Meinungsseite in den Nürnberger Nachrichten mit Angabe des Namens und des Wohnorts (ohne Straßenangabe) erscheinen. Falls Sie damit nicht einverstanden sein sollten, bitten wir Sie, dies in Ihrem Kommentar zu vermerken.  

Karin Winkler

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