Sonntag, 18.11.2018

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Öde Dörfer: Wie kommt wieder Leben in die Zentren?

Rezepte gegen leere Läden und heruntergekommene Häuser - 22.05.2018 06:00 Uhr

Leerstehende Lokale und Läden kommen auf dem Land nicht selten vor. Es gibt Gemeinden, die dagegen angehen. © Heinz Wraneschitz


Wer einmal Zonenrandgebiet war, wird diesen Makel nicht mehr so schnell los. Als "Bayerisch Sibirien" ist die Region um die Stadt Hof verschrien, in der auch das Städtchen Wallenfels (Kreis Kronach) liegt.

Die Kommune an der Wilden Rodach ist schwer gebeutelt vom demografischen Wandel und vom Wegzug der jungen Menschen in die Metropolen. 4000 Einwohner hatte Wallenfels in den 1970ern, heute sind es nur noch 2750.

"Im Ortskern haben wir rund 50 Komplett- oder Teilleerstände", erzählt Bürgermeister Jens Korn. Am Marktplatz stehen fünf der acht Gebäude leer. "Er hat seine ursprüngliche Funktion als Treffpunkt fast komplett verloren", meint Korn.

Leere Schaufenster im Ortskern

Wo früher die Post, die Quelle-Filiale oder die private SchmidtBank ihre Geschäfte machten, gähnen heute leere Schaufenster die wenigen Passanten an, die sich noch in den Ortskern verirren. Doch die Stadt gibt ihr Zentrum noch nicht verloren. Schon im Jahr 2007 wurde damit begonnen, ein integriertes städtebauliches Entwicklungskonzept (ISEK) zu erarbeiten. "Um die Bürger mitzunehmen, haben wir nicht gleich mit dem Zentrum begonnen, sondern mit der Sanierung des Kirchenumfeldes, das den Bürgern sehr am Herzen lag", erläutert Korn.

Fünf Planungsbüros wurden eingeladen, um parallel drei Tage lang Visionen zu entwickeln. Bürger konnten dabei aktiv mitmischen.
Der Siegerentwurf greift die lange Flößer-Tradition der Stadt auf, die heute eine Touristen-Attraktion ist. Ein Bächlein am Marktplatz wird deshalb wieder an die Oberfläche geholt, ein Wehr soll an die Flößerei erinnern.

Häuser werden abgerissen

Vier der fünf leerstehenden Häuser am Platz hat die Stadt mittlerweile gekauft, zwei von ihnen sollen nun abgerissen werden, um den Platz zur Kirche hin zu öffnen und das Gotteshaus wieder mehr in den Ort zu holen.

Aus der ehemaligen Bankfiliale wird ein Ärztehaus, in der früheren Polizeistation entstehen in den Obergeschossen zwei Mietwohnungen mit jeweils 35 Quadratmetern — etwas, das es sonst in Wallenfels überhaupt nicht gibt. Im Erdgeschoss ist ein Café mit Tourist-Info geplant.

Möglich gemacht hat diesen Kraftakt natürlich auch die Nordostbayern-Initiative des Freistaats, die einen Fördersatz von 90 statt regulär 60 Prozent verspricht.

Einwohnerzahl sinkt um 5,4 Prozent

Im Fränkischen Saaletal ist man einen anderen Weg gegangen. Im Jahr 2015 haben sich im Landkreis Bad Kissingen neun Kommunen zu einer Allianz zusammengeschlossen. Auch sie haben mit leerstehenden Häusern und einer immer älter werdenden Bevölkerung zu kämpfen. Bis zum Jahr 2035 soll die Einwohnerzahl in dieser Region um 5,4 Prozent sinken.

Die Allianz hat derzeit noch ein Angebot von 155 Hektar Bauland, tatsächlich benötigt werden bis zum Jahr 2021 nur zehn Hektar — und trotzdem werden noch vereinzelt Baugebiete ausgewiesen.

Die Allianz will dies so weit wie möglich stoppen und stattdessen die Innenentwicklung fördern. "Die finanziellen Erwartungen in Neubaugebiete erfüllen sich häufig nicht. Dafür hat man langfristige Folgekosten durch den Unterhalt der Infrastruktur", erklärt Allianz-Manager Holger Becker.

Wer im Zentrum investiert, bekommt Zuschüsse

Deshalb hat die Allianz alle Eigentümer von Grundstücken mit Baulücken oder Leerständen in den Ortszentren angeschrieben und sie gefragt, ob sie bereit wären zu verkaufen. Bei immerhin 85 Baulücken und 49 Leerständen war das der Fall. Becker hat Exposés erstellt und auf den Online-Immobilienbörsen der Allianz platziert.

Wer sich für eines der Grundstücke interessiert, bekommt einige Gegenleistungen von der Allianz: eine kostenlose Bauberatung von bis zu fünf Stunden, einen Zuschuss von zehn Prozent der Investitionssumme (insgesamt höchstens 10.000 Euro) und einen Kinderzuschlag von 2,5 Prozent pro Kind. Immerhin 14 Baulücken und zwölf Leerstände wurden bislang verkauft. "Für den kurzen Zeitraum bisher ist das sehr gut", meint Becker.

Markthalle für Spalt?

Eine gewaltige, knapp 8000 Quadratmeter große Baulücke gibt es derzeit auch am Rande der Altstadt in der Hopfenstadt Spalt. Im vergangenen Jahr wurde hier die ehemalige Stadthalle abgerissen.

Momentan läuft ein Gestaltungswettbewerb für das Areal. "Eine Markthalle mit regionalen Produkten würde ich super gerne dort sehen", meint Bürgermeister Udo Weingart, der für einen Mix aus Wohnen, Handel und Dienstleistungen plädiert.

Zwar profitieren Gastronomie, Bäcker und Metzger vom 2015 eröffneten Erlebnismuseum "HopfenBierGut" und seinen Besuchern, doch auch eine touristisch so attraktive Stadt wie Spalt hat zu kämpfen.

"In den Riesenhäusern, in denen früher zwei oder drei Generationen gelebt haben, wohnen heute oft nur noch ein oder zwei Personen", verdeutlicht Weingart. Vor kurzem hat der Stadtrat deshalb ein Leerstandsmanagement beschlossen.

Während die großen Online-Shops vielerorts zum Ladensterben führen, legt Weingart seine Hoffnung in das Internet. Über den Online-Shop der städtischen Brauerei sollen künftig auch lokale Betriebe ihre Waren anbieten können. "Dann könnte man zum Beispiel seine Samstagsbrötchen beim Bäcker online vorbestellen", schwebt Weingart vor. 

Martin Müller Redaktion Metropolregion Nürnberg und Bayern E-Mail

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