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1976 stürmte GSG 9 unter Ulrich Wegener Buchau mit Tränengas

Großangelegte Terror-Übung mit 350 Spezialkräften - Geiselnahme durch das "Kommando Lutz Staufer" - 03.01.2018 22:57 Uhr

GSG-9-Chef Ulrich Wegener (vorne Mitte), beim Training seiner Truppe in Buchau bei Pegnitz. Wegener war von 1972 bis 1979 Kommandeur der Bundesgrenzschutz-Sondereinheit GSG 9. Nach dem Blutbad an der israelischen Olympiamannschaft von 1972 baute er die Sondereinheit auf. 1977 leitete Wegener die Geiselbefreiung der von vier Palästinensern gekaperten Lufthansa-Maschine "Landshut" auf dem Flughafen von Mogadischu. © Kurt Tauber


Der Pegnitzer Ortsteil am Rande der Bundesstraße 2 fristet im normalen Leben ein eher beschauliches Dasein. 1976 allerdings brach die geballte Polizeimacht über den 400-Seelen-Ort herein. 350 Mann aus verschiedenen Spezialeinheiten, allen voran die legendäre GSG 9, stürmten das Dorf, um bei der Großübung „Winterreise“ Bankräuber und Geiselnehmer zu jagen.

Um 12.30 Uhr beendete die GSG 9 die angenommene Geiselnahme in Buchau. © Kurt Tauber


Mehr als drei Hundertschaften von Polizei und Bundesgrenzschutz rückten im frühen Morgengrauen an, darunter etwa 80 Mann speziell für Terroristenbekämpfung ausgebildete Männer des Polizeipräsidiums Nürnberg und die mit Hubschraubern aus Bonn-Hangelar eingeflogene Grenzschutzgruppe 9 (GSG 9).

Die Spezialeinheiten rückten schwer bewaffnet an. © Konrad Raum


Die Bewohner der Ortschaft waren tags zuvor über die zu erwartenden Aktivitäten unterrichtet worden. Die Übungsannahme: Gegen 6.30 Uhr am Morgen überfielen bewaffnete, maskierte Täter des politisch motivierten „Kommando Lutz Staufer" den 36-jährigen Kassenleiter der Raiffeisenkasse in dessen Wohnung und zwangen ihn unter Waffenandrohung, mit zur Kasse zu kommen, den Tresor zu öffnen und etwa 120.000 Mark herauszugeben. Um 6.45 Uhr gelang es einer zur Bank kommenden Angestellten, die Alarmanlage auszulösen, bevor sie zusammen mit dem Kassenleiter in den Tresor gesperrt wurde.

Feuergefecht mit den Gangstern

Die Besatzung eines Funkstreifenwagens der Landespolizei Pegnitz eilte zum "Tatort" und lieferte sich mit der Gangstertruppe. die gerade die Flucht ergreifen wollte, ein Feuergefecht, bei dem ein Polizeibeamter lebensgefährlich verletzt, ein Täter leichter getroffen wurde.

Die Verbrecher verschanzten sich in der "Bank", einem alten Haus, forderten telefonisch bei der Landespolizei in Pegnitz den freien Abzug mit dem Kassenleiter in ihrem Fahrzeug, einen Arzt zur Versorgung ihres Freundes und ein weiteres schnelles Fluchtfahrzeug bis spätestens 9 Uhr. Bei Nichterfüllung der Forderungen wurde mit Erschießen der Geiseln gedroht.

Spezialeinheiten belagerten den "Tatort" in Buchau. © Konrad Raum


Die Polizeibeamten lösten Großalarm aus, der flugs gegründete Einsatzstab in Bayreuth setzte einige hundert Polizisten aus ganz Oberfranken nach Buchau in Trab, das mobile Einsatzkommando (MEK) in Nürnberg und die Grenzschutzgruppe 9 in Bonn, zwei speziell für die Bekämpfung solcher Gewalttaten gedrillte Eliteeinheiten, wurden angefordert.

In der Zwischenzeit führte Polizeiamtmann Rudolf Wirth, der Chef der Pegnitzer Landespolizeistation, die ersten Verhandlungen mit den offenbar politisch motivierten Tätern des "Kommandos Lutz Staufer", bis ein Kriminalbeamter aus dem nach Buchau verlegten Einsatzstab die Gespräche um Fluchtauto und freien Abzug weiterführte. Bürgermeister Konrad Löhr sah sich ebenso vor Ort um, wie Ex-Bürgermeister Lindner, Oberkriminalrat Hans Eckardt vom Bayerischen Innenministerium, Polizeidirektor Karl Pedall aus Bayreuth, hohe Grenzschutzoffiziere und andere Gäste.

Kriminaler in der Rolle des Obergangsters

Ein "Kriminaler" aus Bayreuth spielte die Rolle des Obergangsters brillant, redete so .,lebensnah" und unbekümmert im Polit-Jargon von und mit den "Bullen", seinen Polizeioberen, dass die Szene echt schien. "Die Fragen stelle ich und die Zeit bestimme ich", beschied der Anführer der Täter den Polizisten. Die sich in Hinhaltetaktik übten.

Polizeikräfte verhandelten vergeblich mit den Gangstern. © Konrad Raum


Einige Ultimaten vergingen bis schließlich zwei Täter mit dem Kassenleiter im Täterauto davonrasten und tatsächlich die observierenden Fahrzeuge südlich von Pegnitz "abhängten“. Während diese Gruppe nachmittags in Stierberg dingfest gemacht wurde, gehörte der Vormittag der Großübung ganz den Anstrengungen, die noch verbliebene Geisel zu retten und die Gangster unschädlich zu machen.

"Oberstes Gebot ist die Sicherheit der Geisel", stellte Polizeiamtmann Hacker als Gäste- und Pressebetreuer fest. Doch in den Stunden des Wartens auf den nächsten Schachzug der Polizeimacht oder der mutmaßlichen Terroristen zeigte sich, wie hilflos die Beamten eigentlich sind. Glücklicherweise unternahmen die übrigen Täter mit einem eigens angeforderten Fluchtfahrzeug einen Fluchtversuch, wobei sich die Geisel, eine Polizeiangestellte, programmgemäß befreien konnte, während Polizeibeamte die Gangster unter Beschuss nahmen.

Der Rest war Warten auf die Spezialeinheiten aus Bonn und Nürnberg. Als dann - gegen Mittag - die drei Hubschrauber des Bundesgrenzschutzes endlich da waren - die Nürnberger Truppe wurde erst am Nachmittag in Stierberg gebraucht - benahm man sich so, wie man sich nach neueren Erkenntnissen in dieser Lage nicht verhält: Nach vereinbarungsgemäß abschlägig beschiedenen Aufforderungen der Polizei an die verschanzten Täter, endlich aufzugeben, warfen GSG-Spezialisten aus einem Schützenpanzerwagen Tränengasbomben in das Haus, pirschten sich im Schutz des künstlich erzeugten Nebels an das "Objekt" heran, warfen Übungshandgranaten und sammelten schließlich die desillusionierten Täter auf, die - einer nach dem anderen - mit erhobenen Händen keuchend und hustend aus dem Haus wankten.

Doch auf ein ernstfallmäßiges. psychologisch bis ins letzte motiviertes Agieren und Reagieren war diese Übung ohnehin nicht angelegt. Man wollte in erster Linie die Stabsarbeit erproben, Erfahrungen für Zeitbedarf und Dienstwege ermitteln, auch für den Fall, dass die GSG 9 einmal bei einem wirklichen Verbrechen in Oberfranken anrücken müsste.

Übungszweck war weiter „die Erprobung der Fernmeldemittel, die Umstellung und Absperrung von Objekten, das Eindringen in Objekte, das Ausheben eines Verbrechernestes, die Befreiung von Geiseln und die Festnahme von Störern ", wie die offizielle Pressemitteilung feststellte.

GSG  9 wollte Haus sprengen

Und so wurde aufgefahren was gut und teuer ist: Die GSG 9 wollte sogar mit Sprengstoff an Türen und Fenster des Übungs-Bankgebäudes herangehen, in der irrigen Ansicht, das Gebäude sei abbruchreif. Man wollte so zeigen, was man "drauf hat". Ein Hubschrauber kreiste einige Male über dem "Objekt" in äußerst niedriger Höhe, wobei zwei Grenzschutzbeamte außen auf den Kufen des Helikopters stehend die Lage peilten und von der "Bank" aus heftig beschossen wurden.

Im Ernstfall hätte man - das verhehlte niemand der Verantwortlichen - in dieser speziellen Situation wohl die GSG 9 nicht mehr eingesetzt, sondern schlicht gewartet, bis die Täter von selbst aufgegeben hätten. Der Tränengaseinsatz alleine hätte schon seine Wirkung gezeigt, So geriet die Großübung "Winterreise“ zu einer machtvollen Demonstration, was machbar und verfügbar wäre.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  

KURT TAUBER UND RICHARD REINL

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