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Gräfenberg: "Erhebliche Mängel" im SeniVita-Altersheim

Qualitätsanforderungen nicht mehr gesichert, viele Bewohner in "bedauerlichem Zustand" - 29.05.2017 18:40 Uhr

Von außen hübsch anzusehen: Das im Jahr 1999 eröffnete SeniVita Seniorenhaus Gräfenberg. Doch hinter der Fassade brodelt es seit zwei Wochen gewaltig. © Fotos: Ralf Rödel


"Jeder hat den Wunsch nach einem schönen Lebensabend", steht in großen Lettern auf dem Werbe-Flyer des SeniVita Social Care Seniorenhauses St. Michael, von dem einem gut gelaunte Senioren entgegenlächeln. Doch von dem "Social Care" sei im Moment nichts zu spüren im Seniorenhaus St. Michael, klagt Bernhard Höllerer an. Social Care, was übersetzt so viel heißt wie soziale Sorgfalt und Pflege, das vermisst der Vorsitzende der Bewohner-Vertretung in den vergangenen Wochen gewaltig, wenn er im Gespräch mit den Nordbayerischen Nachrichten von "schlimmen Zuständen im Heim" berichtet.

Was war passiert? Vor knapp zwei Wochen wurden die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus den Sparten Hauswirtschaft, Wäsche und Küche informiert, dass ihr Arbeitsverhältnis zum 1. Juni ende.

Am darauffolgenden Arbeitstag erschienen alle, die die Kündigung erhielten, Höllerer spricht von 30 an der Zahl, nicht mehr zur Arbeit und meldeten sich krank. Die Auswirkungen waren bereits ab diesem Zeitpunkt unmittelbar zu spüren: "Es wurde weder gekocht, geputzt, noch Wäsche gewaschen."

Dass Putzen in einem Seniorenheim nicht nur mit Staubwischen gleichzusetzen ist, darauf macht Höllerer mit Vehemenz aufmerksam: Schmutz, gerade in den Nasszellen, sammle sich an, nicht auszudenken, sagt der Sprecher der Bewohner, wenn sich beispielsweise ein Noro-Keim ausbreite. Schmutzwäsche werde nicht mehr gewaschen, frische Wäsche sei irgendwann keine mehr vorhanden.

Über die Grenzen belastet

Die Arbeitsaufgaben in Hauswirtschaft und Küche würden auf den Schultern der Pflegekräfte verteilt: "Das Pflegepersonal wird weit über die Grenzen belastet, die drehen am Rad." Insgesamt, erzählt Höllerer, verbringen 70 Senioren ihren Lebensabend im SeniVita Heim in Gräfenberg, 59 davon im klassischen Altenheim, elf im eigenen Appartement mit Vollservice. "Die Bewohner sind die Leidtragenden in dieser Tragödie."

In "bedauerlichem Zustand" seien viele Bewohner, oftmals dement und doch "kriegen sie die Unruhe im Heim mit und merken, dass der Service fehlt".

Seitdem mehr als 20 Mitarbeitern aus Hauswirtschaft und Küche gekündigt wurde, muss das Pflegepersonal Essen austeilen und abspülen.


Das kann auch eine Mitarbeiterin, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, bestätigen. "Unsere Bewohner spüren die Unruhe im Haus, wenn deren gewohnte Ansprechpartner auf einmal fehlen." Die ganze Logistik im Haus breche zusammen, das Pflegepersonal sei im Moment angehalten, die "Hauswirtschaft aufrecht zu erhalten", man müsse Frühstück austeilen und zum Beispiel die Tische abwischen.

Doch den alten Bewohnern Sicherheit und Ruhe zu vermitteln, "das kann ich nicht, wenn ich rund um die Uhr mit dem Geschirrwagen hin und her renne", sagt die Mitarbeiterin. Zeit und Raum für Gespräche oder gar Gymnastik gebe es nicht. Und schon gar nicht für eine Grundreinigung der Speisesäle und Toiletten.

Heimaufsicht eingeschaltet

Nahezu zeitgleich wurde die Heimaufsicht am Landratsamt Forchheim als staatliche Aufsichtsbehörde eingeschaltet. Dort kümmert sich die Fachstelle FQA (Fachstelle für Qualitätsentwicklung und Aufsicht) um die Beratung und Überwachung von Seniorenwohn- und -pflegeeinrichtungen im Gebiet des Landkreises Forchheim.

In einer Stellungnahme, die die Pressestelle des Landratsamtes Forchheim in Abstimmung mit der Regierung von Oberfranken der Redaktion der Nordbayerischen Nachrichten übermittelt hat, heißt es: "Aufgrund einer eingegangen Beschwerde am 17.05.2017 wurde bei einer umgehend durchgeführten anlassbezogenen Begehung am 18.05.2017 festgestellt, dass die Qualitätsanforderungen an den Betrieb hinsichtlich der hauswirtschaftlichen Versorgung im SeniVita-Seniorenhaus St. Michael nicht mehr gesichert waren. Den Mitarbeiterinnen aus dem hauswirtschaftlichen Bereich war am 12.05.2017 die Beendigung ihres Arbeitsverhältnisses zum 01.06.2017 mitgeteilt worden. Daraufhin meldeten sich diese am 15.05.2017 geschlossen krank, so dass es zu dieser Notsituation gekommen war. Beim Eintreffen der Fachstelle für Pflege- und Behinderteneinrichtungen, Qualitätsentwicklung und Aufsicht hatten sowohl der Einrichtungsleiter, die Pflegedienstleitung und die Pflegekräfte den Spüldienst und die Essensausgabe bzw. -einnahme übernommen. Das Mittagessen wurde aus einer anderen Einrichtung angeliefert. Mit der Reinigung der Einrichtung war bereits eine externe Firma beauftragt worden. Am Prüftag konnte festgestellt werden, dass zu wenig Fachpersonal im Einsatz war."

Nach dem Termin vor Ort in Gräfenberg habe die FQA "unverzüglich die Abstellung der festgestellten erheblichen Mängel angeordnet", heißt es in dem Schreiben weiter. Außerdem "wurde ein Verwaltungsverfahren nach dem Pflege- und Wohnqualitätsgesetz eröffnet".

Der Träger, SeniVita, habe veranlasst, "ab dem 19. Mai eine Küchenfachkraft aus einer anderen Einrichtung im SeniVita Seniorenhaus Sankt Michael einzusetzen. Diese wird die Zubereitung des Frühstücks und Abendessens für die Bewohner vorerst sicher stellen. Die Essensausgabe bzw. -eingabe werde dabei vorübergehend von den Betreuungskräften übernommen".

Auf die Umstände im Gräfenberger Heim angesprochen, kann SeniVita-Pressesprecher Sebastian Brunner bestätigen, dass 21 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter (davon 20 Teilzeitkräfte und eine Vollzeitkraft) aus Hauswirtschaft, Küche und Reinigung über die anstehende Kündigung informiert wurden. Gekündigt sei noch nicht, schließlich gebe es individuelle Kündigungsfristen, so Brunner. Jedoch hätten alle ein Angebot bekommen, sich intern auf andere Stellen zu bewerben. Überdies habe man den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern auch interne Umschulungen, etwa zur Pflegekraft, angeboten. Die Gründe für die Kündigungen formuliert Brunner so: "Wir konzentrieren uns auf unsere Kernkompetenz", nämlich die Pflege.

Sukzessive, und davon sei nicht nur Gräfenberg betroffen, werde SeniCare in allen seinen Einrichtungen den Bereich Hauswirtschaft ausgliedern. Schließlich müsse man dem Vergleich standhalten, ein externer Dienstleister sei "vor dem Hintergrund der Gemeinnützigkeit" kostengünstiger. Übergangsweise würden Aushilfskräfte aus anderen SeniCare-Einrichtungen sich in Gräfenberg um Küche, Essen und Reinigung kümmern. "Da tritt keine Lücke ein", meint Brunner.

Kein Einzelfall

Dabei sind die Vorkommnisse in Gräfenberg kein Einzelfall: Erst in der vergangenen Woche hatte der Münchner Merkur die Missstände in den Altenheimen in Emmering, Gernlinden und Maisach publik gemacht. "Bewohner und Mitarbeiter erheben Vorwürfe gegen den Betreiber. Sie klagen über unzumutbare Verhältnisse in den Einrichtungen. Demnach habe sich die Qualität des Essens verschlechtert. Zudem fehle Reinigungs- und Küchenpersonal. Auch im Pflegebereich soll es Probleme geben", heißt es da. Alle drei Heime werden ebenfalls von SeniVita geführt.

Doch wie geht es in Gräfenberg weiter? "Der Träger hat gegenüber der FQA umgehend die vertragliche Sicherstellung der hauswirtschaftlichen Versorgung durch eine externe Firma nachzuweisen", heißt es von Seiten des Forchheimer Landratsamtes. Um das sicherzustellen, werde die Einrichtung "engmaschig überprüft". 

Birgit Herrnleben

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