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Im Jahr 1919 war sogar der Fasching verboten

Die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg war auch in Pegnitz von Arbeitslosigkeit und Hunger geprägt - 09.02.2019 09:28 Uhr

Der Aufruf für die Wahlen zur verfassungsgebenden Nationalversammlung. Männer und Frauen mussten getrennt an die Urnen. Die Herren im Schulhaus, die Damen im Rathaus. © Repro: Spätling


Vor 100 Jahren, im Januar 1919, ereigneten sich dagegen Dinge, die sogar das kleine Städtchen Pegnitz erheblich beeinflussten und die Auswirkungen bis heute haben. Der Erste Weltkrieg war im November 1918 zu Ende gegangen. Der Kaiser im Reich und der König in Bayern hatten abgedankt. Völlig ungewiss war die politische und gesellschaftliche Zukunft der Deutschen. Und genau in eine solche Zeit fiel die erste Wahl zu einer demokratischen Einrichtung in Deutschland, die zur Verfassung gebenden Nationalversammlung am 19. Januar.

Bereits am 1. Januar wurden die Wahllokale und Wahlvorstände bekannt gegeben. In Pegnitz gab es bei 2499 Einwohnern zwei Wahllokale: Eines im Schulhaus unter Wahlvorstand Wiesend für Männer und eines im Rathaussaal unter Wahlvorstand Bürgermeister Rixner für Frauen.

Richtig: Es war die erste Wahl in der deutschen Geschichte, bei der Frauen zur Wahl gehen durften, in Pegnitz noch getrennt von den Männern in ein eigenes Wahllokal. Zu wählen waren am 19. November Wahlvorschlagslisten, die man auf den ersten Blick nicht unmittelbar einer Partei zuordnen kann. Mit Gentner findet sich nur ein einziger Pegnitzer auf der Liste 1, die so eindeutig als die der SPD-Kandidaten zu identifizieren ist. Bei 1399 in Pegnitz abgegebenen Stimmen fiel das Ergebnis ziemlich klar aus: 448 Männer und 400 Frauen wählten die erste Wahlvorschlagsliste die SPD konnte rund 60 Prozent Wählerstimmen in Pegnitz verbuchen.

Doch trotz allem – es fanden im Januar auch noch die Landtagswahlen mit ähnlichem Ergebnis statt – waren die Wahlen nicht das beherrschende Problem in Pegnitz. Plötzlich waren nämlich mehr Soldaten hier als während des Ersten Weltkrieges. Pegnitz wurde dem Bayerischen Armierungsbataillon 19 als Abrüstungsort zugewiesen. Die Soldaten mussten auch wegen der Seuchen- und Ansteckungsgefahr in Massenunterkünften untergebracht werden. Dazu kamen ein Trupp eines Minenwerferbataillons sowie eine Abteilung des 7. Infanterieregiments aus Bayreuth. Etwa 400 Soldaten waren zu beherbergen und zu versorgen.

Auch Soldaten der einheimischen Bevölkerung kehrten zurück, oft krank oder verwundet und von den langen Kriegsjahren erschöpft und ausgelaugt. Dazu junge Leute, die in ihren besten Jahren versäumt hatten, einen Beruf außer dem "Soldatenhandwerk" zu lernen.

Ein Aufruf im Amtsblatt sollte ihnen neue Chancen eröffnen: "Ungezählte zurückkehrende Krieger sind arbeits- und erwerbslos. Es wird unmöglich sein, diesen allen in Industrie und Handwerk Unterkunft, Nahrung und Arbeit zu geben. Landwirte, Ihr habt in aufopfernder Weise und unter Einsetzung Eurer ganzen Kraft bisher geholfen. Helft auch jetzt, dass die zurückkehrenden Krieger Arbeit finden! Baut Wege, melioriert Eure Felder und Wiesen, macht Waldarbeiten, kurz, schafft Arbeit!" Dann erfolgte aber auch ein Aufruf an die Arbeiter selbst, sich überall um Arbeitsstellen zu bemühen: "Das Land ruft Euch und braucht Euch!", war die Devise.

Mangel an Nahrung

Doch dies waren noch nicht einmal die drängendsten Probleme. Mangel an Nahrungsmitteln war überall spürbar. Landwirte mussten Milch, Eier, Getreide, Rindersülze, Knochenfett und anderes abgeben und wurden bei Nichtbefolgung mit Strafen bedroht. Für die Bürger waren nicht nur Nahrung, sondern auch Dinge des täglichen Bedarfs – also auch Nähfäden, Strick- oder Stopfgarn – ausschließlich auf Bezugsscheine oder Bezugsmarken zu bekommen.

Und im Februar war doch Faschingszeit. Konnte man sich da nicht ein wenig ablenken? Auch das war nicht möglich, denn einer Verordnung (Bekanntgabe im Amtsblatt) nach "sind alle Tanzlustbarkeiten nur mit besonderer polizeilicher Erlaubnis zulässig". Dies sei notwendig "zur Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung, und um Sicherheit und Sittlichkeit zu gewährleisten. Verboten ist jede Veranstaltung von Maskenfesten sowie das maskierte Erscheinen auf öffentlichen Straßen." 

PETER SPÄTLING

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