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Kleines Riegelstein riesengroß im Aufstand

Mit Kindergarten zum Nürnberger Amprion-Infoabend - BI-Sprecher Uli Strauß als Starredner - 31.01.2014

Betzensteins Bürgermeister Claus Meyer wäre froh, wenn er so junge und unerschrockene Männer wie die Berger zu solchen Versammlungen mitnehmen könnte. Sein Motto bei der Heimfahrt im Bus: „Wir sind alle Riegelsteiner!“


Ein zweites Wackersdorf droht, wie viele Betroffene ins Mikrofon sagten. Ministerpräsident Horst Seehofer habe vor 1,5 Jahren versprochen, dass es in Bayern keine Stromtrasse gibt. Jetzt komme er als Wendehals daher. Das sei ein Paradeexempel für Lobbyarbeit. „Ihr erlebt hier ein neues Wackersdorf“, hieß es in Richtung Amprion. „Fahren Sie nach Berlin und berichten, was Sie hier erleben!“

Mit im Publikum waren als organisierte Bürgerinitiative die Riegelsteiner — und auch ihre Kindergärtnerinnen mit den Kleinen. Denn ihr Haus neben der Autobahn käme direkt an die neue Trasse. Erzieherin Gaby Neupert verteilte deshalb Flugblätter mit dem Aufruf an den Netzbetreiber: „Gehen Sie nicht das kleinste Risiko ein, Kindern gesundheitlich zu schaden!“

Fäuste gegen Rauswurf

Riegelstein war mit Kindergarten, Demo-Sarg und Sensenmann vertreten. Links Ruth Gumpert und Uli Strauß (hinten), weiter Schnabelwaids Bürgermeister Hans-Walter Hofmann. Alle intonierten für die ZDF-Kamera den Schlachtruf „Einen Trassensieg gibt es nie!“. © Knauber


Die Riegelsteiner, Plecher und Betzensteiner waren mit drei Bussen gekommen. Sie hingen ihr Transparent an die Hallenbrüstung und erlebten mit, wie junge Männer aus Berg, fußballgestählt, die Amprion-Sprecher Joelle Bouillon und Roland Meusel mit einem Pfeif- und Rufkonzert soweit brachten, dass sie Saalordner holen wollten für den Rauswurf. Daraufhin standen aber Massen auf, die ihre Fäuste erhoben. Später schaltete Amprion einem alten Mann das Mikrofon ab, als er den Vergleich zur Verführung der Deutschen ins Elend durch die NS zog.

Dies brachte später den Star des Abends, den Riegelsteiner BI-Pressesprecher Uli Strauß aus Illafeld, zu dem Urteil: „Was ich hier erlebe, ist keine Demokratie. Ich hab bis vor zwei Wochen geglaubt, ich lebe in einem Rechtsstaat!“ Seine Ausführungen bekamen den größten Applaus überhaupt. Kameraleute schossen auf ihn zu, Presseinterviews folgten. Ein alter Herr gratulierte ihm: „Die wollen Strom verkaufen ins Ausland, um nichts anderes geht es.“ Uli Strauß griff auch Joelle Bouillon an: „Sie sagten einmal, Sie nehmen den Widerstand sportlich. Aber das ist kein Sport: Da wird Heimat- und Lebensraum zerstört!“ Es gehe um die Art und Weise, „wie uns hier Ergebnisse übergestülpt werden“.

Die besten technischen Informationen seien aus dem Publikum gekommen, nicht von Amprion. Auch wenn Amprion am Ende vielleicht statt einer Milliarde das Vierfache für die Trasse hinlegen müsse, sei dann für die gleiche Summe Privatwert vernichtet — ungeachtet der Gesundheitsschäden. Strauß weiter: „Mir fehlen hier die Politiker. Wo sind sie? Gibt’s hier irgendeinen Abgeordneten?“ Er fand keinen.

Moderator Roland Meusel hatte im Anfangstumult erkannt, dass er die Wut im Saal ablassen muss, sollte es nicht eskalieren. Ihm scholl schon im Stakkato entgegen: „Wir sind das Volk! Wir sind das Volk!“ Deshalb ließ er blitzschnell Fragen zu.

Joelle Bouillon wird am Ende interviewt. Der wütende Protest auch aus Altdorf, Neumarkt, Forchheim und dem Altmühltal hatte sie sichtlich mitgenommen.


Hier meldeten sich viele aus der Riegelsteiner Gruppe. So fragte ein älterer Herr, ob Joelle Bouillon, wenn sie Kinder hätte, diese in den Kindergarten unter der Stromleitung schicken würde? Sie wich aus: „Wir werden keine Einrichtung dieser Art überspannen.“ Der Protestchor aus Berg pochte aber rhythmisch auf einer Antwort: „Ja oder nein? Ja oder nein?“ Sie kurz: „Diese Frage stellt sich nicht.“

Martina Wendler aus Ottenhof fragte: „Wir sollen einen Autohof bekommen, jetzt die Trasse. Was als Nächstes? Dauernd kommen Firmen und meinen, sie könnten unser Land zerstören.“ Sie habe vor Stunden online eine Petition an den Bundestag gestellt, die bald jeder unterstützen könne, wenn sie geprüft ist.

„Da ist nichts erforscht!“

Reinhard Bauernfeind (Ottenhof) betonte, dass bei dieser 500.000-kV-Leitung zwischen den Drähten links und rechts mittig eine Million Volt Spannung herrscht. Die Luft werde damit ionisiert. Feinstaub lädt sich auf und schadet beim Einatmen. „Da ist nichts erforscht, es gibt keine Grenzwerte. Plech muss eine Erdverkabelung haben, sonst brauchen Sie sich in unserer Gemeinde nicht mehr sehen zu lassen!“

Im Jahr 2022, wenn in der Lausitz das neue Braunkohlekraftwerk fertig ist, sei eventuell die Trasse da. Der Zusammenhang sei wohl klar. „Wir brauchen eine große Bürgerinitiative, wenn wir weiterkommen wollen. Wehren wir uns für unsere Kinder!“

Karlheinz Escher, Plechs Bürgermeister, stellte sich hinter seinen Autohof-Kontrahenten Bauernfeind: „In dieser Frage werden wir gemeinsam so weit marschieren, bis die Trasse weg ist.“ Oberfranken habe inzwischen 87 Windräder, Unterfranken 90 und die Oberpfalz auch 90. Aber in Oberbayern sind es nur 30, ebenso in Schwaben. Niederbayern hat nur elf.

Warum solle jetzt Franken bluten, um den Süden mit Strom zu versorgen? Oberbayern spare sich außerdem ein Wasserkraftwerk „und wir sollen das ausbaden?“

Renate van de Gabel-Rüppel (Creußen) forderte 1000 Meter Abstand zu Häusern. „Sollen wir in Oberfranken die Versuchskaninchen sein?“

Betzensteins Bürgermeister Claus Meyer vermisste junge Leute wie bei der Berg-Gruppe hinter sich. Um sie zu motivieren, ging er jüngst extra zur Hauptversammlung der Kirwaburschen. Aber dort erfuhr er verblüfft, dass sie gar nichts von der drohenden Trasse wussten. „Die lesen keine Zeitung. Und bei Facebook steht da nichts drin.“

Die BI Riegelstein verteilte 650 Beitrittsformulare. Sie reichten nicht aus. Online gibt es sie unter http://bürger-gegen-strommonstertrasse.com/ Die Seite ist im Aufbau. Der Beitritt ist kostenlos. 

THOMAS KNAUBER

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