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"Klingeln Sie mal beim Nachbarn"

Plädoyer für den direkten "hyperlokalen Fokus" fernab von elektronischen Netzwerken - 03.08.2018 18:59 Uhr

Hinter solch liebevoll gestalteten kleinen Paradiesen stecken oft interessante Geschichten. © Reinl


"Der hyperlokale Fokus ist die Zukunft im Journalismus", verkündete Christian Vollmann, der Gründer der Nachbarschafts-Plattform nebenan.de, die monatlich 50 000 Neu-Abonnenten registriert.

"Nichts Neues", kontern wir da aus dem "Räuberstübl", wird doch in der laut Alt-Bürgermeister Manfred Thümmler europaweit einzigartigen Medienstadt Pegnitz seit jeher so verfahren. Zunehmend aber fragen wir uns, ob es hierzu zwingend anonyme elektronische Medien braucht.

Wie interessant persönliche Begegnungen sein können, erfuhr diese Woche die Blumenschmuck-Kommission auf ihrer Bewertungstour. Von Vorteil war, dass sich die meisten Hobby-Gärtner bei 37 Grad im Freien aufgehalten haben.

Viele beklagten zwar, dass der Wettbewerb viel zu spät stattfinde, weil alles schon verblüht sei, nicht wenige aber plauderten ohne jede Scheu aus ihrem Leben.

Noch bevor die "Kommissare" ihre Punkte verteilen konnten, bekamen sie Einblick in die große Liebe, die Hobbygärtner in ihre kleinen Refugien investieren. Mehrfach am Tag gießen, Bäume schneiden, Gras mähen, Teichwasser filtern, Fische bei Krankheiten in Salzwasser baden oder große Topfpflanzen in Garagen und Kellern überwintern – die Arbeit scheint kein Ende zu nehmen. Das Erstaunliche: Niemand regt sich darüber auf, alle haben ihre Freude daran.

Der größte Wunsch einer alleinstehenden Frau bei einer lebensbedrohlichen Krankheit war es gar, ihren geliebten Garten noch einmal zu sehen. Er ist ihr erfüllt worden, obwohl es Spitz auf Knopf stand. Heute ist sie wieder wohlauf: "Ich freue mich jeden Tag in meinem Paradies", besonders ein vor Jahrzehnten aus dem Abfall geretteter Kaktus, der bis zu 100 Blüten trägt, ist ihr ganzer
Stolz.

Nicht ganz so groß, aber nicht minder lauschig, präsentierte ein ehemaliger Schützenkönig seine lauschige Laube. "Alles selber gemacht", erzählt er, während im Vorgarten neben Rehlein und Hasen Wasser wie von Geisterhand aus einer Kanne in eine Tasse fließt, die Bienen und Insekten als willkommene Tränke dient. Seine Frau bestätigt, dass er alle Tröge selbst kunstvoll aus Beton gießt und auf alt trimmt.

Damit nicht genug: Zudem malt er jede freie Minute nach dem Vorbild des bereits verstorbenen Fernseh-Künstlers Bob Ross. Wo die Gemälde zu sehen seien, will die Gruppe wissen: "In meinem Keller." Wahrscheinlich würde er sich freuen, wenn er seine Werke einer größeren Öffentlichkeit präsentieren könnte: "Aber die Ausstellungen für Hobby-Künstler gibt es ja nicht mehr."

In den Kleingärten gab es schließlich Hinweise auf ein Fischsterben im ausgetrockneten Mühlbach, was sogleich das Wasserwirtschaftsamt elektrisierte.

Wir geben im Fazit dem nebenan-Gründer Vollmann Recht: "In einer Zeit, in der Spannungen durch anonyme Blasen in den sozialen Netzwerken geschürt werden, wird die Nachbarschaftshilfe immer wichtiger. Die Leute merken, dass man Vieles ohne viel Geld lösen kann. Wir glauben, dass die Vernetzung auf hyperlokaler Ebene den Zusammenhalt der Gesellschaft als Ganzes stärken kann."

Also: Klingeln Sie am Wochenende mal bei Ihrem Nachbarn.

  

RICHARD REINL

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