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Diese Evelyn Auernheimer, ursprünglich Bogisch, vermutet, dass sie ein verkappter Junge ist. „Ich war beim Boxen. Ich wollte Radrennen fahren. Alles Sachen, die eigentlich Jungs machen.“ Mit 13 brach sie einmal von Berlin mit dem Rad nach Straubing auf. Ein Milchwagenfahrer schnallte ihr Stahlross seitlich an den Lkw, als es durch die DDR ging. Dann strampelte sie 255 Kilometer ab, gabelte um zehn vor 18 Uhr auf der Post ihr vorgeschicktes Zelt auf — und es verregnete total. Sie kehrte um.
Evelyn Auernheimer wurde auch für anderthalb Jahre ins bayerische Oberaltaich auf die Schule geschickt, beim Opa. Sie lernte dort nicht nur den Dialekt, sondern auch das Bauernleben. „Danach wollte ich mit Tieren umgeh’n.“
Schon ihre Eltern waren tierlieb. Von ihnen erbte Evelyn Auernheimer den Einsatz für ein würdiges Dasein vor allem der Pferde. Viele Traber, die von ungeduldigen Trainern gefürchtet waren, brachte sie wieder hin. Am Ende stöhnte sie sogar auf: „Kann ich nicht mal ein Pferd kriegen, das keine Macke hat?“ Ihr fielen die richtigen Widerworte ein, wenn ein Pferdebesitzer eine 16-jährige Mutterstute, die nicht mehr gut „funktionierte“, zum Nabbler bringen wollte: „Ich lad’ kein Pferd zum Metzger ein. Wenn du das machst, kündige ich dir die Freundschaft.“ Ihr letztes eigenes Pferd wurde 31.
Evelyn Auernheimer wollte eigentlich eine Bereiter-Lehre machen, landete aber bei der Traber-Trainer-Anstalt in Mariendorf. Dort wurde sie als „Little Frömming“ geneckt und zog 1971, zwei Jahre nach der Gesellenprüfung, nach Hamburg, um diese Trabertrainer-Legende zu erleben: „Es hat geheißen: Der Frömming Hans kommt aus Italien zurück! Da musste ich hin, wenn ich noch was lernen wollte.“
Evelyn Auernheimer fuhr in den nächsten zehn Jahren in ganz Deutschland 13 Siege ein. Sie wohnte aber immer ganz einfach am Rand der Hamburger Rennbahn in Zufallszimmern, nur über rostige Stiegen zu erreichen. Doch die kletterte sie an manchen Abenden im feinsten Anzug hoch, weil sie gerade aus der Oper kam: „Für mich ist die Oper eine Droge.“
Evelyn Auernheimer war nämlich einmal von einem Lehrherrn herrischst gezwungen worden, ein Pferd über Glatteis zu führen. Beide stürzten. Ein in der Luft rudernder Vorderhuf traf ihre Zähne. Damit musste sie zu einem altmodischen Hamburger Zahnarzt, der sehr belächelt war, „weil er noch um seinen Bohrer rennt“. Er war ein Opernfan und gab ihr sein Abo. Sie flitzte jetzt 20 bis 30 Mal in dieselbe Vorstellung, reiste nach London und Verona, Wien und München, Brüssel und Berlin. Und packte manchmal ihre Kamera aus: An der Pforte fragte sie, ob sie nicht die Sänger in ihren prächtigen Kostümen fotografieren könnte. So ein Kostümbild des New Yorker Tenors James McCracken landete im Museum für moderne Kunst in Boston.
Evelyn Auernheimer gewann auf diese Weise berühmte Sängerfreunde, vom Bass Harald Stamm bis zu Tenor Ermano Mauro und US-Sopran Sharon Sweet. „Die hat in Brüssel gesungen — zum Niederknien. Klicken Se mal auf Youtube, da können’Se se hören.“
Sie stand 30 Stunden an für Placido Domingo, mit Schlafsack und erwärmt von einem Tee, den die Kassenfrau gestiftet hatte. „Ein tolles Gefühl, zu so ’nem harten Kern zu gehören. Da kommt mir jetz’ noch die Gänsehaut.“
Dann kamen die extravaganten Neuinszenierungen, zu unverständlich. „Dat die noch alle Hühner aufm Balkon haben!“ Bei so was wendet sich Evelyn Auernheimer ab, genau wie sie sich von der Rennbahn abwandte, als sie sah, wie die jungen Trainer mit den Pferden umgingen: „Das Pferd interessiert kein Mensch. Das wollte ich nicht mitmachen. Schluss.“
So kam sie in den achtziger Jahren, von ihrem Bruder empfohlen, immer öfter im Urlaub in die kleine Pension „Windmühle“ abseits von Betzenstein. Sie wunderte sich: „Mich hat’s da immer hingezogen.“ Dann kam sie drauf, warum: Wegen Gustl. 1986 wurde geheiratet. Mit 86 Jahren starb er. Es bleibt die Erinnerung an einen außergewöhnlichen Menschen und Musiker, dem alle Tiere zugeneigt waren, auch viele Frauen. „Er hatte etwas Besonderes an sich.“
Heute führt Evelyn Auernheimer die Pension, und zwar extra für „Gäste mit Hund“. „Das wird gut angenommen.“ Sie genießt das uralte Haus mit seinen Eigenheiten, die Wiesen rundum — und schimpft über den „Abenteuer-Kletterpark“ nicht weit davon, dessen Lärm an den Wochenenden hochschallt. „Keine Rücksicht für fünf Pfennig! Die wollen nur ihr Ding durchzieh’n. Dass die Jugendlichen mal durch den Wald loofen ohne Geschrei, alles abschalten, mit allen Sinnen genießen — nee.“
Entnervt greift sie zu ihrer Kamera, macht Schappschüsse in der Eremitage („das war so cool!“), und setzt sich an ihre neue Sockenstrickmaschine, die sie endlich beherrscht. „Ich bin so vielfältig!“
Vor allem ist sie aber mitten im Leben. Und erzählt so schön davon. Vom Pferd „Paarl“, ihrem Liebling („ist ein feiner Kerl gewesen“), von „Kurio“ („ein harter Hund, ein Pfurzknoten, aber ein guter Kerl“), vom Fuchshengst „Nizam II“ („ein Traum von einem Pferd“) und von der schnellen „Bulette“ („nur Fliegen ist schöner“).
Sie berichtet von „Jungmann“: „Een vernünftiges Pferd hab ich aus dem gemacht, keen beklopptes.“ Und schließt mit der Erinnerung an eine Quadrille in Berlin: „Da waren wir Lehrlinge eine eingeschworene Gemeinschaft. Ich als einziges Mädchen beim Umkleiden — kein Problem.“



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