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Fuhr Alessandra Sant’Ana nach Sao Paul zur Arbeit, stand sie in 180 Kilometer langen Staus. „Das ist normal.“ Sie wusste auch: In dieser 20 Millionen-Stadt sterben täglich zehn bis 20 Menschen durch Gewalt. Wer zum Beispiel am Bankautomat Geld abhebt, wird von zwei schussbereiten Dieben abgefasst. Wer bei Rot an einer Ampel hält und neben sich einen Rollerfahrer stoppen sieht, weiß, es geht um Geld oder Leben. Er kann sein Auto zwar mit Panzerglas versehen, aber dafür muss er reich sein.
Der Unterschied zwischen arm und reich ist groß. „Es ist nicht wie in Indien. Unsere Favelas sind sauber. Aber es ist schlimm.“
Bevor Alessandra Sant’Ana nach Deutschland kam, hörte sie, was wie ein Märchen klang: „An den Häusern ist kein Unterschied zu sehen, egal ob arm oder reich.“
Jetzt ist sie hier, die Frau mit väterlicherseits indianisch-portugiesischen Wurzeln. Die Frau, die nach Köln ging, um Deutsch zu lernen und damit als Lehrerin an einer deutschen Schule bei Sao Paulo arbeiten zu können. Zuvor unterrichtete sie daheim portugiesische Grammatik und Literatur an einer Fakultät der Universität.
Aber in Köln lernte sie einen KSB-Ingenieur kennen, zog mit ihm her und brachte ihre zweite Seite mit: Seit ihrem fünften Lebensjahr tanzt Alessandra Sant’Ana. Jetzt gibt sie also nicht nur ausgebuchte Portugiesisch-Kurse an der Universität in Bayreuth und ab Februar in Pegnitz bei der VHS, sondern auch VHS-Tanzkurse. Mitte Januar begann „Latino Moves“ und die Kinder sind mit „Videoclip-Dancing“ dabei.
„Die Frau schlägt ein wie eine Bombe“, weiß VHS-Fachleiterin Monika Wolf. Warum? Weil Alessandra Sant’Ana brasilianische Freude mitbringt. Wer bei ihr tanzt, wird verwandelt: „Viele deutsche Frauen sind so geschlossen im Kopf! Sie bringen Sachen in ihr Denken, die nicht stimmen. Aber mit der Musik wachen sie auf, sie verändern was. Ich sag ihnen: Tragt enge Kleider. Spürt euren Körper. Schwebt, wie es auch die dicken alten Brasilianerinnen können. Geht mit in die Welle! Tanz hat mit Seele zu tun.“
Sie versteht auch nicht, warum sich deutsche Frauen im Freibad in langen Badeanzügen einpacken. Brasilianerinnen nehmen ganz knappe Teile („aber nicht nackt“). „Ich möchte Sonne doch in meinen Körper!“
Andererseits stehen Brasilianerinnen auf helle Haut. „Blond, blaue Augen, weiße Haut: das ist für uns eine ,Königin‘. Viele kaufen sich sogar blau oder grün gefärbte Kontaktlinsen!“ Alessandra Sant’Ana rätselt selber über diesen angeborenen
Hang, möglichst schön zu sein. „Mein Freund sagt, wenn ich alles dafür kombiniere: ,Quatsch.‘ Aber ich sage: ,Du verstehst das nicht. Das ist ein Teil von mir.‘“
Zu ihr gehört auch die Lust zu feiern. Alessandra Sant’Ana erzählt mit strahlendem Lachen von den lauten Partys daheim, von der dröhnenden Musik, dem Tanz, dem Sich-Berühren. Und die deutschen Partys? „Das ist ein Treffen, keine Party. Nur sitzen und essen.“ Im „Roten Ochsen“ lud sie schon zweimal zur brasilianischen Fete und motivierte mit dem Mikrofon von der Bühne herab zum Tanzen — aber wer konnte, blieb am Rand sitzen. „Die Leute sind hier mehr Ruhe gewöhnt.“
Obwohl so viele Deutsche aufblühen, wenn sie in Brasilien sind. Es gibt dort ganze Kolonien von Deutschen. „Mit den Sandalen unterm Arm laufen sie über den Strand. Sie integrieren sich sehr gut. Sie wollen überhaupt nicht mehr heim.“ Heim in ein Deutschland, von dem die Brasilianer denken, es ist kalt und distanziert. „Aber das ist es nicht. Die Deutschen sind nur vorsichtig. Hast du Freundschaft, dann sind es wirklich Freunde. Nicht wie bei uns, wo du viele Freunde hast fürs Feiern am Strand, aber nicht weißt, wer dir bei einem Problem hilft.“
Alessandra Sant’Ana bewundert inzwischen die deutsche Ordnung, die Ernsthaftigkeit, den Sinn fürs Praktische. „Ihr habt eine Maschine für jede Sache. Und bestellst du was im Internet, kommt gleich: Wie groß, wie schwer? Alles perfekt. Letztens wollte ich eine Matratze kaufen: Die Frau im Laden war so gut ausgebildet! Für jede Kleinigkeit habt ihr eine Lösung. Eure Kreativität ist zusammengeklebt mit Präzision und Technologie. Bei uns ist sie auch da, aber wir sagen nur: Irgendwie klappt es.“
Alessandra Sant’Ana musste sich auch an exakte Termine gewöhnen. „Du kannst es nicht glauben! Jemand sagt, er kommt um 20 Uhr, und er kommt um 20 Uhr! Als ich zu meinem ersten Dinner hier eingeladen habe, für 19 Uhr, war ich noch am Kochen, als die Gäste kamen...“ So gibt es noch viele Unterschiede: Pünktliche Züge; funktionierende Krankenhäuser (egal, wo sie stehen); lange Kindererziehungszeiten (nicht nur vier Monate); Hilfen für Jugendliche (nicht zahllose „allein-Kinder“); und Ehemänner, die mit einkaufen.
„Als ich das gesehen hab, hab ich gedacht: ,Mein Gott, hier verstehen die Männer die Frauen!‘ Das ist das Ziel, das wir auch haben wollen: Männer, die sich ums Haus kümmern und nicht Machos, die in die Kneipe gehen und zum Fußball.“



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