-1°

Sonntag, 17.02.2019

|

Nitzlbuchs Kampf um eine eigene Wirtschaft

Vor 90 Jahren eröffnete Johann Friedl gegen den Widerstand des Bezirksamts Eschenbach den "Kremer Wirt" - 10.02.2019 08:55 Uhr

Als Versammlungsort ist der „Kremer-Wirt“ bei vielen Gruppen heute wie vor 90 Jahren sehr beliebt. Die Kartel-Runde am Freitagabend hat langjährige Tradition. © Thomas Pickel


Thomas Pickel, der jüngste Sohn der Wirtsfamilie, hat sich in den vergangenen Wochen intensiv mit der Geschichte des Anwesens befasst und ein bebildertes Buch zum 90-jährigen Bestehen drucken lassen.

Pickel weiß, woher der Hausname kommt. Die Vorfahren seiner Großeltern Theres und Johann Friedl hatten einen Krämerladen. So kam es zum Namen "Kremer Wirt". Ihrer Unnachgiebigkeit war es zu verdanken, dass in Nitzlbuch überhaupt eine Wirtschaft eröffnet werden konnte. Das Bezirksamt Eschenbach erteilte die Konzession erst nach umfangreichem Schriftverkehr.

1928 hatte Johann Friedl erstmals die Zulassung einer Bierwirtschaft beantragt. Daraufhin eilten die Beamten in das Dorf und maßen akribisch die Entfernungen zwischen dem Anwesen Nitzlbuch 13 – wo das Wirtshaus eröffnet werden sollte – und den bereits bestehenden, geografisch am nächsten liegenden Gaststätten Kreuzbräu, Glück-Auf, Gottvaterberg und Sackdilling.

Die Amtsvertreter meinten, dass sich eine zusätzliche Wirtschaft wegen der räumlichen Nähe nicht lohne und rieten Johann Friedl, sein Gesuch zurückzuziehen. Doch so schnell wollte der Großvater von Thomas Pickel nicht aufgeben.

Er schickte ein weiteres Schreiben nach Eschenbach. "Unsere Gemeinde Nitzlbuch hat kein Wirtshaus, in dem die Gemeinde-Einwohner auch tatsächlich untereinander verkehren können", argumentiert er. Die Wirtschaft "Glück Auf" sei die Kantine für die Bergleute auf Maffei, ein Besuch der örtlichen Landwirte daher nicht möglich. Das "Kreuzbräu" sei erbaut worden, um die Bewohner der Maxhütten-Kolonie mit Bier zu beliefern. Auch dort sei kein Landwirtverkehr möglich. Am Gottvaterberg werde nur während der Sommermonate und nur an Sonntagen ausgeschenkt. Das Wirtshaus in Sackdilling sei vorrangig für den Fremdenverkehr sowie für Waldarbeiter und Fuhrwerker bestimmt.

Früher seien die Nitzlbucher oft in den Auerbacher Wirtschaften verkehrt. "Durch die politische Umwälzung und die konträren Anschauungen, die man in jeder Auerbacher Wirtschaft antrifft, ist das Beisammensein untereinander – wo die landwirtschaftlichen Nöte etc. besprochen werden können – nicht mehr möglich", machte Johann Friedl den Amtsvertretern deutlich.

Der Nitzlbucher Kremer-Wirt in den 1950er Jahren: Über der Tür des damals schon über 20 Jahre alten Gasthauses ist „Bierwirtschaft Johann Friedl“ zu lesen. © Fotos und Repro: Thomas Pickel


Der Nitzlbucher Gemeinderat unterstützte die Familie Friedl bei diesem Anliegen und wandte sich ebenfalls schriftlich an das Bezirksamt. "Die Ortschaft Nitzlbuch liegt vollständig isoliert." Zum Holen von Bier, das heutzutage auch jedem Dienstboten verabreicht werden müsse, seien alle Wirtschaften zu weit entfernt. "Das eingeführte Flaschenbier kommt zum größten Teil ungenießbar an. Außerdem sind sämtliche Biere zu teuer", machen die Kommunalpolitiker Druck.

Die Nitzlbucher konnten schließlich aufatmen: Am 21. Januar 1929 wurde die "Konzession für eine Bierwirtschaft ohne Ausschank von Branntwein, aber mit Ausschank von nichtalkoholischen Getränken" erteilt. Die Auflagen für den Wirtschaftsbetrieb waren zahlreich. Die Vorschriften gingen von der ausreichenden Belüftung bis zum Anbringen von Tafeln mit Hinweis auf ein Spuckverbot. Die Küche sei zu tünchen und eine nach beiden Geschlechtern getrennte Abortanlage musste errichtet werden.

Die Nitzlbucher freuten sich über das Wirtshaus im Dorf, in dem bis 1948 das Bier der Auerbacher Bürgerbräu ausgeschenkt wurde. Da die Haltbarkeit zu wünschen übrig ließ, wechselte Johann Friedl im Mai 1949 zur Burgbräu nach Neuhaus. Seit 70 Jahren wird das Bier aus der Nachbargemeinde geliefert. Grund für Brauerei-Chef Josef Laus und Verkaufsleiter Norbert Schreg, Wirtin Theresia Pickel zum 80. Geburtstag zu besuchen und mit ihr die langjährige gute Geschäftsbeziehung zu feiern. Die Friedl-Tochter hatte 1969 den Königsteiner Michael Pickel geheiratet.

Auf dem neuesten Stand

Gemeinsam sorgte die Familie, die im Laufe der Jahre um vier Söhne wuchs, dafür, dass die Bierwirtschaft auf den neuesten Stand gebracht wurde. Die Wirtsleute erinnern sich an viele gut besucht Veranstaltungen, die im Buch von Thomas Pickel auch in zahlreichen Fotos festgehalten wurden: Faschings- und Kirchweihfeste, Schafkopf-Runden, Früh- und Dämmerschoppen und vieles mehr sorgten oft dafür, dass die Wirtsstube bis auf den letzten Platz besetzt war.

Einige Gruppen kommen heute noch regelmäßig. Am Montag trifft sich der Stammtisch mit vielen jüngeren und älteren Bewohnern der früheren Gemeinde. Am Freitag wird Karten gespielt. Geöffnet hat das Wirtshaus momentan nur am Freitag, Sonntag und Montag. Während früher auch gekocht und mehrmals jährlich geschlachtet wurde, ist der "Kremer-Wirt" jetzt wie in seiner Anfangszeit vor 90 Jahren eine Bierwirtschaft. 

BRIGITTE GRÜNER

Seite drucken

Seite versenden



Um selbst einen Kommentar abgeben oder empfehlen zu können, müssen Sie sich einloggen oder sich zuvor registrieren

Ihr Kommentar

Ihr Kommentar:

Bitte beachten Sie unsere Netiquette.

weitere Meldungen aus: Nitzlbuch