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Schach-Champion Bobby Fischer als Freund

40 Jahre Lokaljournalismus in Pegnitz sind alles andere als langweilig - 01.11. 11:28 Uhr

Pegnitz  - Lokaljournalisten werden — auch von der eigenen Zunft — oft als Vereinsmeier und „Bauern-Redakteure“ abgetan. Zu Unrecht. Dass der Dienst unmittelbar vor Ort höchst interessant sein kann, beweisen nahezu 40 abwechslungsreiche Jahre in Pegnitz und Umgebung. Redaktionsleiter Richard Reinl erinnert sich.

Redaktionsleiter Richard Reinl bei einer schöpferischen Pause.
Redaktionsleiter Richard Reinl bei einer schöpferischen Pause.
Foto: Irene Lenk
Redaktionsleiter Richard Reinl bei einer schöpferischen Pause.
Redaktionsleiter Richard Reinl bei einer schöpferischen Pause.
Foto: Irene Lenk

„Hier ist es langweilig, lass’ uns heim in die Pulvermühle gehen, da könnte jetzt bald der Bobby Fischer aufstehen“, stupste mich Kaspar Bezold 1990 nachts um 22 Uhr bei einer Veranstaltung in Aufseß an. Gesagt, getan. Wir waren kaum da, als auch schon die Türe aufging und sich der legendäre Schachweltmeister zu uns an den Tisch setzte. Ich wurde als Freund des Hauses vorgestellt und war sogleich auch Freund des Mannes, der – in aller Welt gesucht – inkognito in Waischenfeld untergetaucht war. Bobby, der auch hier nach amerikanischer Zeit lebte, erzählte bis in den frühen Morgen von seinen WM-Kämpfen, von seiner panischen Angst vor dem KGB und von den Machenschaften seiner Gegner, bei denen er sogar Kameras in den Zahnplomben vermutete.



Möglich war diese Begegnung der besonderen Art nur, weil sich der „Pulvermüller“ darauf verlassen konnte, dass die NN solange nichts veröffentlichen, solange der berühmte Gast in Waischenfeld wohnt. Wenn Fischer gewusst hätte, dass ich Journalist bin, wäre er sofort abgereist, so wie er es ein Vierteljahr später gemacht hat, als ihm Stern-Reporter nach langer Suche endlich auf die Schliche gekommen waren. Ihnen erzählte er nichts, die Geschichte stand exklusiv in den Nordbayerischen Nachrichten.

Waischenfeld hat sich aber auch anderweitig in die beruflichen Erinnerungen eingebrannt, schien doch dort nach einem der schwersten Unwetter im hiesigen Raum die Welt unterzugehen. Punktuell hat es so heftig geregnet, dass die gesamte Zufahrt hinauf zur Burg in das Tal hinabgerissen wurde.

War es schon schwierig, zu mitternächtlicher Stunde über verschüttete Straßen und vorbei an umgestürzten Bäumen in das Wiesentstädtchen vorzudringen, so übertraf das Ausmaß der Schäden alles, was ich bisher gesehen hatte. Unmengen von Schotter und Schlamm hatten sich durch das Hotel „Post“ auf den Marktplatz hinabgewälzt, an den Hauswänden türmten sich die Autowracks und an Stelle der Straße klaffte rund um den freigelegten Kanal ein Riesenloch. 16 Stunden dauerte damals mein Reportereinsatz, bis alles im Kasten war.

 Wie durch ein Wunder ging die Katastrophe ohne Schwerverletzte oder Tote ab. Das war nicht immer so: Zahlreiche schwere Unfälle und Brände haben sich tief ins Gedächtnis eingegraben. Ohne Vorwarnung zu einem Bahnunfall am Pegnitzer Wasserberg gerufen, wurde ich vom Anblick eines völlig zerfetzten Körpers geschockt. Es war einer meiner besten Schulfreunde. In Betzenstein wurde bei einem Wohnungsbrand ein Kleinkind in höchster Not aus dem Dachfenster geworfen und dabei schwer verletzt.  Bei Hohenmirsberg kamen gleich drei junge Leute bei einem Unfall ums Leben, allesamt Bekannte.  Auch ein schwer verletztes Mädchen, neben dem ich als „BRK-Ersatzhelfer“ im Straßengraben kniete, geht mir nicht aus dem Sinn, weil letztendlich alle Bemühungen erfolglos geblieben sind.

 Aber wenden wir uns erfreulicheren Erlebnissen zu. Das Pflaums Posthotel sorgte hier stets für viel Abwechslung im Redakteursalltag, nicht nur zu den Wagner-Festspielen. Viele schöne Erinnerungen sind geblieben. Einige Schlaglichter: Maestro James Levine etwa hat auf die Frage, wie denn nun sein Name richtig ausgesprochen würde, geantwortet: „Call me James“. Fats Domino hat mich zu einem Auftritt nach Hof mitgenommen, die Frau des Schriftstellers Herbert Rosendorfer hat mitten im Restaurant nackt für ein Foto posiert — ihr Mann hat mir zum Dank für einen Abzug einen handsignierten Gedichtband zugeschickt —, und bei einer der ersten Gourmet-Opern ging es so wild zu, dass das Bayerische Fernsehen die Aufnahmen, in die das Team nicht weniger als drei Tage investiert hatte, schlichtweg für nicht sendefähig erklärt hat. Die NN haben trotzdem berichtet, genauso wie von der Hochzeitsfeier, die griechische Reeder parallel zur Vermählung von Lady Di und Prinz Charles originalgetreu im PPP nachvollzogen haben.

Pegnitz-Connection beim Boxen

Unvergesslich sind auch eine ganze Reihe von Box-Europa- und Weltmeisterschaften. Drei Tage in Frankfurt mit dem Clan von „Paradiesvogel“ Renè Weller,  dem damals unter anderem auch Ebby Thust angehörte, der später wegen der Erpressung des Vaters von Steffi Graf angeklagt war, sorgten für ganz neue Einblicke ins Leben.

Zahlreiche weitere Events — auch in Bayreuth — folgten, möglich gemacht durch die Pegnitz-Connection im Boxsport, vertreten durch Ringarzt Dr. Walter Wagner, Sauerland-Pressesprecherin Andrea Loebb, geborene Elßmann, und nicht zuletzt dem aus Trockau stammenden Fernsehmoderator Waldemar Hartmann. Hier war für den NN-Reporter nichts unmöglich: In München genügte ein Handy-Hilferuf  aus dem schier unübersehbaren Medienwirrwarr und ich war – geleitet von Security-Chef Peter Althoff – in der Kabine von „Gentleman“ Henry Maske,  in Bayreuth reichte bei einem Abendessen die Andeutung eines „RR“-Kinnhakens für ein Foto dafür, dass Schwergewichtler Axel Schulz anschließend seinen Comeback-Kampf verlor.

Unspektakulärer gestaltete sich da schon die Berichterstattung aus dem Landkreis, besonders in den früheren Jahren, als nach den drögen Sitzungen auch noch die Geselligkeit gepflegt wurde. Einmal sorgte die NN-Nachfrage, was denn nun mit dem Schwarzbau des Kreistags-Oppositionsführers passiere, schon für die fristlose nächtliche „Entlassung“ des zuständigen Regierungsrats, als dieser unvorsichtigerweise mit dem Abbruch gedroht hatte. Zur Beruhigung: Der Bau steht heute noch und auch der Beamte ist noch im Dienst.

Auch als Landratsfahrer musste ich einmal aushelfen: Als der Chef-Chauffeur auf dem Weg durch die DDR zu einem Messebesuch in Berlin von den Vopos aus dem Verkehr gezogen worden ist, musste ich ans Steuer, weil sonst niemand einen Führerschein dabei hatte.

 Teures Raketenfoto

Selbstverständlich bereichert auch eine Einrichtung wie ein Truppenübungsplatz die Arbeit einer Lokalredaktion. Kaum mehr vorstellbar, dass zu Zeiten des „Kalten Kriegs“ für ein Pressefoto schon einmal eine Honest-John-Rakete für 100 000 Dollar abgefeuert worden ist. Auch bei Panzervorführungen im Gelände wurde nicht gespart. Zum Vergleich: Heute ist bei Besuchen am Übungsplatz oft kein einziges Kettenfahrzeug zu sehen.

Ab und zu geht ein NN-Redakteur auch in die Luft. Unvergesslich bleibt, wie Pegnitzer Flieger den Kunstflug-Weltmeister Manfred Strößenreuther nach seinem Titelgewinn abgeholt haben. Je nach Fingerzeig positionierte der Speichersdorfer seinen Doppeldecker fotogen nur wenige Meter neben dem Begleitflugzeug, kopfüber oder im „Messerflug“.

Nach einer Einsatzübung in Grafenwöhr wurde ich gar zum Ehrenmitglied des 435. taktischen Luftlandegeschwaders ernannt. Die Vorführung war spektakulär: Hoch über dem Truppenübungsplatz ging plötzlich die Heckklappe der Herkules auf. Mit einem lauten Knall wurde ein Jeep hinauskatapultiert und alle Soldaten sprangen hinterher, bis ich mutterseelenallein im Frachtraum saß.

 Vieles könnte man noch erzählen, was die Redaktionsarbeit in beinahe 40 Jahren keine Minute hat langweilig erscheinen lassen. Viele nette Begegnungen bleiben in der Erinnerung wach, einige weniger schöne treten in den Hintergrund.

Eine Erfahrung aber überragt alles: Nichts wird vom Leser mehr gewürdigt als der Einsatz für Menschen, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen. Die alljährlich steigende Spendensumme bei der von den NN ins Leben gerufenen Weihnachtsaktion „Schmücken & Helfen“ beweist es. Mehr noch: Die größte Resonanz fanden ausgerechnet die Nachrufe auf Außenseiter wie Gerhard Raps oder „Drei-Finger Joe“ Heinz Peter Wolf. Das macht mich stolz.  



VON RICHARD REINL

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