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"Schöner feuchter Bahnsteig"

Herbert Scherer sieht Bürgerinitiative auf Pegnitz zukommen - 25.01.2012 17:29 Uhr

„Pegnitz birgt ein besonderes, allerdings unauffälliges Bauwerk in seinem Wegenetz. Wer mit dem Zug in Pegnitz ankommt, kann sich dank Weganzeigern rasch orientieren, so dass er, nach rechts gewendet, sich dem nicht sichtbaren Zentrum annähert.

Nach zwei Minuten Fußweg entlang der Bahnhofstraße kann er, den Weg verkürzend, rechts abschwenken in einen halbfinsteren Durchlass unter dem Bahnkörper, der größere Menschen zum leicht gebückten Gang, Radfahrer zum Absteigen und bedachte Männer in besserer Kleidung bei starkem Regen zum Hosenbeinhochziehen zwingt. Mütter beugen sich über ihre Kleinkinder, wenn gerade ein Güterzug wie ein Weltkriegsstahlgewitter über den Durchlass donnert.

Wer einmal das Mauseloch durchschritten hat und glaubt, zornig sein zu müssen, dass in Jahrzehnten da noch keine Änderung eingetreten ist, den überfällt beim Austritt aus dem Loch vielleicht plötzlich ein Sonnenstrahl, der das Kaufhaus und das Amtsgericht auf der anderen Seite des Durchlasses in heitere Farben tüncht. Das Dunkel liegt hinter uns. Mit wenigen Schritten steht man im Pegnitzer Bankenviertel, wo Millionen in dunklen Tresoren ruhen. Bald hat man das markanteste Pegnitzer Denkmal, den Schweinehändler mit seinen Ferkeln vor sich, und dann ist man beglückt über den heiteren Glanz des gelegentlich belebten Marktplatzes.

Doch zurück zum Bahnsteig, jenem Schlupfloch in die Innenstadt. Keiner weiß, wie lange wir dort noch durchschleichen. Sollte nicht wenigstens zur Weihnachtszeit dort eine Lichterkette mit Sparbirnen und ein paar grünen Zweigen gezogen werden? Billig und bescheiden, wie es uns ziemt, vielleicht auch ein Straßenmusikant am Ein- oder Ausgang des Tunnels. Vielleicht könnte man auch eine Maut für soziale Zwecke erheben, denn wie viel Zeit und wie viel Schuhsohle verliert ein Fußgänger, der den weiten Umweg über die Brücke nimmt?

Aber es könnte auch sein, dass sich demnächst eine Bürgerinitiative bildet: Erhaltet uns diesen heimeligen Durchschlupf, dieses historische Denkmal des Eisenbahn- und Städtebaus, unseren schönen feuchten Bahnsteig!“ 

Herbert Scherer

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