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"Vernichtung durch Arbeit" auch in Pottenstein

Details zum KZ-Außenlager: Wissenschaftler Ulrich Fritz berichtet über die schwere Lage der Häftlinge im Krieg - 18.09.2015 17:48 Uhr

Dieses Bild hing lange im Rathaus, aber unbeschriftet. Interessant ist der Plan, im kleinen Tal vor dem Felsenbad noch ein SS-Erholungsheim zu bauen. Rechts die Bernitz-Baracken. © Foto: Bundesarchiv Berlin/Stiftung Bayerische Gedenkstätten


Wissenschaftler Ulrich Fritz aus München, dessen Spezialgebiet die Außenlager von Flossenbürg sind, stellte bei einem Vortrag von Fränkische Schweiz-Museum und „Historischem Verein“ die Forschung dazu vor.

Im kleinen Dorf Flossenbürg bei Weiden wollte die SS ab 1938 ins Geschäft mit Baumaterial einsteigen und von Häftlingen den Granit für Hitlers Projekte abbauen lassen (Ziel: „Vernichtung durch Arbeit“). Die SS blieb bis Ende 1943 zuständig und sorgte auch für Außenlager, gelenkt vom Wirtschaftsverwaltungshauptamt Berlin.

In Pottenstein waren die ersten 40 Gefangenen zunächst in der Jugendherberge untergebracht, ab März 1943 in einer Scheune des Brauers Georg Mager. Im Dezember 1942 waren es 80 Gefangene und Mitte 1943 um die 180 (die Stadt hatte damals rund 900 Einwohner). Damit war das Lager das zweitgrößte der Außenstellen.

Die SS hatte in Flossenbürg immer darauf geachtet, Häftlinge mit den passenden Berufen für die Steinarbeiten zu bekommen. Aber in Pottenstein, wo SS-Standartenführer Hans Brand ein Ausbildungszentrum für Soldaten aufbauen wollte, die für den Einsatz im adriatischen Karstgebirge trainiert wurden, kamen auch ein Pelzmacher und die Kutscher, ein Hirte und ein Maler, wie eine Liste von 1943 zeigt, zum Einsatz.

Es waren Männer aus Russland, Polen, Serbien und Deutschland. Alle hatten vom Lagerarzt Noten bekommen, wie ihr körperlicher Zustand war. Keiner hatte eine Eins, viele eine Vier.

Schwerste Fron

Das ungenügende Essen und die fehlende Hygiene schwächten sie weiter. 18-mal am Tag mussten sie zum Beispiel Fertigbauteile vom Übungssee (heute Schöngrundsee) auf den Bernitz tragen, für den Bau der SS-Baracken.

Häftlingsnummernbücher, die heute in Washington liegen, belegen 40 Gefangenentransporte nach Pottenstein (mit rund 700 Männern) und auch einige zurück nach Flossenbürg. Denn rund 340 Häftlinge traten zwischen Februar 1942 und dem Frühjahr 1945 geschwächt diesen Weg an. 60 starben noch in der Ankunftswoche in Flossenbürg oder im ersten Monat. Die SS erschoss zudem in Pottenstein einige flüchtende Männer.

Firmen, die Häftlinge für Arbeiten ausliehen, mussten einen „Forderungsnachweis“ ausfüllen. Eine solche Liste zeigt, dass auch am Sonntag halbtags gearbeitet wurde und dass es in Pottenstein 21 Fachkräfte gab sowie 100 Arbeiter. Ein Fachmann musste mit sechs Mark pro Tag bezahlt werden, ein Helfer mit vier.

Der erste Entwurf für einen Gedenkstein. © F.: Stiftung Bay. Gedenkstätten


1945 stieg die Zahl der Häftlinge an, so Ulrich Fritz, weil der Rückzug der Fronten zur Auflösung von Lagern zwang und zur Verlegung. So hatte Pottenstein im März 1945 plötzlich 359 Häftlinge, darunter je 140 Polen und Russen, 40 Deutsche, 20 Tschechen und sieben Juden. „Diese hoffnungslose Überfüllung war ein Phänomen des Kriegsendes“, so Fritz. Im KZ Flossenbürg drängten sich im März zum Beispiel Gefangene (seit Beginn waren über 85 000 inhaftiert).

Nach den Bombenangriffen auf Nürnberg mussten immer 40 bis 60 Pottensteiner Häftlinge dort aufräumen. Aber am Kriegsende forderte die Pottensteiner SS rigoros deren Rücksendung, ergänzte Museumsleiter Rainer Hofmann den Vortrag, weil noch der Bau von großen Baracken neben der Teufelshöhle geplant war, als Rückzugsort der Nürnberger Martin-Einheiten. Benno Martin war Polizeipräsident in Nürnberg und General der Waffen-SS.

Um dem Nachdruck zu verleihen, drohte man damit, keine „Kartoffelholer“ mehr ausschicken zu können, wenn die Gefangenen fehlten. Denn zwei SS-Leute begleiteten immer einen Häftling. Was er bei Bauern erbetteln konnte, nahmen sie ihm ab.

Wie sich die SS-Soldaten in Pottenstein verhielten, ob sie — wie in Flossenbürg — mit den jungen Frauen verkehrten, „das ist ein bissl ein blinder Fleck“, sagte Fritz. Öfter belegt als anderswo ist aber, dass die Pottensteiner gegenüber den Gefangenen oft hilfreich waren, vielleicht wegen ihrer katholischen Konfession. Nach Kriegsende sollte es auch sofort einen großen Gedenkstein für die Häftlinge im Friedhof geben, von einem Nürnberger Architekten entworfen.

Aber eine kleine Gedenktafel kam erst nach der Diskussion über Hans Brand in den neunziger Jahren. Ihr Text deutet auch nicht das KZ-Außenlager an, sondern spricht allgemein von den Opfern des Krieges. „Das ebnet die Unterschiede ein“, so Fritz. „Es federt die Erinnerung an das Außenlager ab.“

Die acht Gräber von KZ-Häftlingen am Friedhof wurden 1956 bei einer Begehung durch die kurioserweise zuständige Bayerische Schlösser- und Seenverwaltung als „lieblos“ gepflegt kritisiert. Doch weil Geld für eine bessere Betreuung fehlte, gab man die Gebeine nach Flossenbürg, wo heute rund 5000 Tote begraben sind. Seitdem gibt es in Bayern nur noch 75 Friedhöfe, die Gefangenengräber haben. Früher waren es 500.

Der Flugzeugabsturz

Zwei Zeitzeugen meldeten sich übrigens in der Diskussion nach dem Vortrag zu Wort. So berichtete ein älterer Herr, dass sein Onkel, ein Arzt in Neuhof bei Fulda, mit Hans Brand „speziell“ war und oft von ihm erzählte, „aber nie Negatives“.

Ein anderer Senior aus Gößweinstein erlebte einmal einen Einsatz der Pottensteiner SS-Karstwehr, und zwar im Jahr 1943.

Der Drittklässler hörte damals ein lautes Brummen am Himmel und sah eine brennende He 111 abstürzen. Das Heinkel-Verkehrsflugzeug, gebaut für zehn Passagiere, durchschnitt Baumwipfel und zerbarst auf dem Müllplatz bei Sachsendorf. Alle Schulkinder rannten durch den Regen hin. „Es war ein furchtbares Erlebnis.“ Denn Fallschirme hingen in den Bäumen und zahllose Leichenteile lagen überall verstreut. Die SS musste dann das Gebiet absperren. 

THOMAS KNAUBER

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