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Waischenfelder Erinnerungen an Schachlegende Kortschnoi

"Viktor der Schreckliche" spielte 2006 Turnier in der Pulvermühle - Jetzt im Alter von 85 Jahren gestorben - 07.06.2016 19:27 Uhr

Viktor Kortschnoi hatte seine aparte Frau zum Turnier in Waischenfeld mitgebracht. © Hans-Jochen Schauer


Der Mann hat dem Imperium die Stirn geboten. Zwei Mal kämpfte er gegen Anatoli Karpow um die Krone des Schachsports. Beide Male besiegte der Vertreter der Supermacht den Dissidenten Viktor Kortschnoi, der 1976 aus der Sowjetunion in die Schweiz emigriert war und in den Zeiten des Kalten Krieges seinem Heimatland wie ein Stachel im Fleisch saß.

Weltmeister wurde der 85-Jährige nie, aber dennoch stieg er zum Schachtitanen auf. Gefürchtet von seinen Gegnern, bewundert von den Schachfans in aller Welt. "Viktor der Schreckliche“ wurde er wegen seiner kämpferischen Spielweise ehrfurchtsvoll genannt. Das klang nach Schlachtfeld, nach Raserei, nach Dschingis Khan.

Organisator Thomas Bezold (Mitte) überreichte an den berühmten Teilnehmer des Großmeister-Turniers in der elterlichen Pulvermühle einen Bildband über die Fränkische Schweiz. © NN-Archiv


Und wie der Anführer der Mongolen, die im 13. Jahrhundert die Völker in Angst und Schrecken versetzten, fegte Viktor Kortschnoi über die Schachbretter aller Herren Länder. Er eilte von Turnier zu Turnier, als wäre er alterslos, scheute kein Risiko, griff kompromisslos an, taktierte, entriss seinen Gegnern die Figuren, um das so oft erlebte Gefühl des Sieges stets aufs Neue zu genießen. Seine noch vorhandene Spielstärke mit der ELO-Zahl 2608 nötigte in Waischenfeld auch seinen jungen Kontrahenten Respekt ab: "Kortschnoi verstößt gegen alle Naturgesetze, es ist unfassbar“, sagte etwa Großmeister Michael Prusikin.

Viktor Kortschnoi (rechts) im Spiel gegen den von den NN ins Rennen geschickten Patenspieler Michael Prusikin. © NN-Archiv


Viktor Kortschnoi betrat den Saal der Pulvermühle beim Turnierauftakt im Jahr 2006 mit leicht nach vorn gebeugtem Oberkörper. Er hätte auch ein Urlauber sein können: Jackett, Krawatte, schütteres Haar. Hinter seiner Brille huschten zwei wache Augen unscheinbar hin und her. Er orientierte sich, scannte mit wenigen Blicken den Raum. An seiner Seite Ehefrau Petra. Eine aparte Erscheinung.

Das Paar ließ sich an einem Tisch nieder. Es war der unbestrittene Mittelpunkt. Alle Augen waren auf die zwei gerichtet. Fotografen stürmten heran, nahmen das Paar mit einem Blitzlichtgewitter in die Zange. Mit stoischer Ruhe ließ Kortschnoi das hektische Treiben über sich ergehen; den alten Fahrensmann störte so etwas nicht mehr. Er wusste, was es heißt, wenn Meuten von Fotografen über einen herfallen, um das beste Bild, die beste Pose zu erhaschen.

Nur zwei Meter entfernt übers Eck waren seine Konkurrenten platziert — Großmeister wie Kortschnoi, aber alle Jahrzehnte jünger als der zweifache Vizeweltmeister. Wie Schulbuben saßen sie da und wussten nicht so recht, wie sie sich verhalten sollten, in einem Moment, in dem sie nur die zweite Reihe bildeten, während ihnen die Schachlegende ohne viel Zutun die Schau stahl.

In Waischenfeld musste sich der hoch betagte Kortschnoi, der trotzdem 17 Partien in 17 Tagen absolvierte, geschlagen geben. Doch trotz eines späteren Schlaganfalls, der ihn in den Rollstuhl zwang, blieb er bis zuletzt dem Schachsport treu. Bei einer Ausstellung zu seinem 85. Geburtstag Ende vergangenen Jahres bestritt er seinen letzten Turnierauftritt.

"Es war nicht einfach, Viktor Kortschnoi zu verpflichten“, sagte Professor Dr. Thomas Bezold, der das hochkarätige Turnier 2006 in der Pulvermühle organisiert hat. Schon vor zwei Jahren habe dieser auf der Wunschliste gestanden, doch wegen vielfältiger Verpflichtungen sagte Viktor Kortschnoi ab.

Beim zweiten Anlauf sei man früher auf ihn zugegangen — und es hat geklappt. Dass mit Bruder Michael ein Großmeister aus der Pulvermühle stammt, habe die Verpflichtung natürlich ein wenig einfacher gemacht. Und auch der legendäre Ruf der Pulvermühle als Schachhochburg habe geholfen. Schließlich habe sich hier in der Abgeschiedenheit der Fränkischen Schweiz im Jahre 1990 Weltmeister Bobby Fischer drei Monate im Hause des Pulvermüllers Kaspar Bezold versteckt, bis ihn Journalisten aufstöberten. Aber das ist alles Geschichte. 

hjs/rr

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