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Was steckt hinter dem Plan für die Stromtrasse?

Hans-Peter Beck erklärt die Folgen einer fehlenden Trasse für Polen und Tschechien - 11.07.2015 08:55 Uhr

Die Stromtrasse ist ein Dauerthema.

Die Stromtrasse ist ein Dauerthema. © dpa


Professor Hans-Peter Beck und Jens-Peter Springmann, beide Wissenschaftler im Dienst des Energie-Forschungszentrums Niedersachsen und fürs Gutachten zuständig, beantworteten Fragen. Beck bedankte sich hier bei den Bürgerinitiativen für ihren Einsatz gegen die Trasse. Sie bauten nämlich den Druck auf, der bewirkte, dass jetzt mehr in Speichertechnologie geforscht wird. Sie verursachten, dass doppelt so viel Geld für Erdverkabelung da ist. "Das hat der Bundeswirtschaftsminister verstanden, das ist ein Erfolg der Bürgerinitiativen."

Springmann beklagte, dass Deutschland heute in einer widersprüchlichen Strom-Technologie steckt. Denn die Photovoltaik sei zu früh auf den Markt gepresst worden; die Energiewende stehe gegen Braunkohle -"das System passt nicht. Und wir bauen eine Trasse, die wir in 20 Jahren nicht mehr brauchen." Beck ergänzte, dass seine Varianten (ohne Trasse und mit Stromspeichern) im Jahr 2020 Realität sein werden, nicht erst 2030. "Unser Szenario kommt."

Das Gutachten setzt auf "power-to-gas", das heißt in Wasserstoff umgewandelter Strom wird durch Erdgasleitungen verschickt. Berlin hatte früher 50 Prozent Wasserstoff im Stadtgas - ohne Problem, so Beck. Heute klappt es garantiert mit fünf bis zehn Prozent Wasserstoff. Ein höherer Prozentsatz werde nur deshalb von der Gasindustrie abgelehnt, "weil sie Erdgas verkaufen will".

Im NN-Gespräch ergänzt Beck, dass der Bau der Süd-Ost-Trasse momentan vernünftig ist, weil sie effizienter Strom weiterleitet, als es bei gespeichertem Strom der Fall ist. Dies aber nur, so lange nur 30 Prozent regenerative Energie im Strom mitfließen. Schon bei 35 Prozent und erst recht bei 70 oder 80 Prozent, so Beck, kommt es zu Überschüssen, die eine Speicherung erfordern. "Wir müssen in der Speichertechnologie forschen, damit dann Speicher da sind."

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Handelt man nicht, gibt es Ärger im europäischen Stromverbund. Denn speisen die Deutschen zu viel Strom ein, "sucht der sich den Weg des geringsten Widerstands und fließt nach Polen oder Tschechien. Und macht dort dicht, so dass zum Beispiel die Polen ihre Kohlekraftwerke herunterfahren müssen. Wir nötigen also unsere Nachbarn." Deshalb sei der Suedlink so wichtig, anschließend der Westlink. Dann käme die Süd-Ost-Trasse. Doch weil sie so spät geplant ist, könnte schon Speichertechnologie existieren. "Dann könnte man es sich mit dem Bau noch überlegen."

Aber um Polen und Tschechien nicht zu ärgern, so Beck, braucht man schnell einen Entlastungslink (sprich die bayerische Süd-Ost-Trasse). Ist der nicht durchsetzbar, muss Deutschland den Polen einen Schadensausgleich zahlen. "Und über Speicher nachdenken. Aber Speicher haben hohe Verluste. Außerdem muss man in ihrer Nähe Gaskraftwerke bauen. Ob die dann schon da sind?"

All das sei zu beachten und zu berechnen. "Unsere Politiker wollen zügig sagen können: Wir Deutsche bringen das in Ordnung."

Beck weiter: "Unser europäisches Energiesystem ist wie ein Mobile: zieht man an der einen Seite, wackelt es an der anderen. Wir haben mit einem Verbundnetz zu tun, das gut funktioniert, aber von der Solidarität lebt. Wir helfen uns gegenseitig. Und wir Deutsche wollen nicht in die Ecke gestellt werden mit unserer Energiewende, dass es heißt, wir sind nicht solidarisch. Wir müssten die Energiewende anhalten, aber dann lachen die anderen über uns."

Zu diesem Geflecht von Abhängigkeiten komme, so Beck, dass die Stromspeicherung und -verschickung als Gas den Gaskonzernen nicht gefällt. Sie beziehen lieber billiges Gas aus Russland für ihre Gaskraftwerke, als dass sie teures Speichergas verwenden. Das Gas, das sie an der Grenze einkaufen, verkaufen sie in Deutschland zum vierfachen Preis. 

Thomas Knauber

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