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Dienstag, 25.09.2018

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Plakat mit Sophia L. bei rechter Demo: Familie wehrt sich

"Wer sich Fall für nationalistischen Zwecke missbraucht, hat Anstand verloren" - 12.09.2018 17:14 Uhr

Mit Transparenten protestierten Familie und Freunde von Sophia L. gegen rechte Vereinnahmung. © Jens Oellermann


Sie kommen nicht zur Ruhe. Tagelang suchten Familie und Freunde nach Sophia L., vergeblich. Die junge Studentin wollte eigentlich von ihrer Heimatstadt Leipzig nach Franken trampen, doch dort kam sie nie an. Ein marokkanischer Fernfahrer, zu dem sie an der Raststätte Schkeuditz in den Lastwagen stieg, tötete die 28-Jährige, das ist noch immer die wahrscheinlichste Theorie der Ermittler. Ihren Leichnahm fand die spanische Polizei an einer Raststätte im Baskenland. 

Seitdem müssen sich die Familie, Verwandte und Freunde immer wieder gegen die Instrumentalisierung von Rechts wehren, gegen Rassismus und die Verbindung zur Flüchtlings-Politik. Beim sogenannten "Trauermarsch", den die Partei Alternative für Deutschland (AfD) und Pegida nach dem Mord an einem 35-Jährigen in Chemnitz inszenierten, trugen Demonstranten Fotos durch die Straßen der sächsischen Stadt. Fotos von Opfern des, in ihren Augen, "Messer-Tourismus", für den sie Flüchtlinge verantwortlich machen. Für die Rechten ist Sophia L. eines dieser Opfer. 


Fall Sophia: "Polizei hat die Lage falsch eingeschätzt"


"Das ist eine perverse Verdrehung", sagen Angehörige von Sophia L. jetzt in einem offenen Brief. Sie wollen nicht zulassen, dass das Andenken an die junge Frau für ausländerfeindliche Zwecke missbraucht wird. "Wir sind diejenigen, die wirklich trauern", schreiben Familie und Freunde. "Wir sind diejenigen, die ihre Liebe spüren. Wir halten Sophias Andenken hoch für Mitmenschlichkeit unabhängig von der Herkunft des Gegenübers." 

Debatte um "Hetzjagden" 

Es ist ein klares Zeichen in einer ohnehin schon aufgeladenen Debatte. Vor gut zwei Wochen wurde in Chemnitz der 35-jährige Daniel H. getötet, als dringend tatverdächtig gelten ein Iraker und ein Syrer. Sie sitzen derzeit in Untersuchungshaft. Tagelang zogen Demonstranten durch die sächsische Stadt, Videos zeigen Hitlergrüße und Übergriffe auf Ausländer. Bundeskanzlerin Angela Merkel sprach von "Hetzjagden", für die kein Platz in Deutschland sei - der Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen widersprach, relativierte seine Aussagen mittlerweile aber.

Fakt ist: Inmitten von rechten Parolen und Hitlergrüßen trug ein Demonstrant ein Foto von Sophia L. durch Chemnitz. Das Bild gab die Polizei Leipzig zur Fahndung nach der jungen Frau heraus - und genau deshalb will die Familie der Getöteten jetzt gegen den Träger vorgehen. Es sei ohne Einwilligung der Hinterbliebenen verwendet worden. Deshalb habe man jetzt Anzeige erstattet, bestätigt der Bruder von Sophia L. auf nordbayern.de-Nachfrage. Auch gegen Menschen, die das Foto im Netz verbreiten, wolle man rechtlich vorgehen. "Wer sich Ermordeter in dieser Weise bedient und sie für ihre widerlichen nationalistischen Zwecke missbraucht, hat jedweden Anstand verloren und zeigt keinerlei Respekt vor den Toten und ihren Angehörigen", sagt er. 

"Sophia ist ein Opfer von Gewalt gegen Frauen"

Doch es geht um mehr, das betonen die Angehörigen in dem offenen Brief. "Weil sich Sophia selbst nicht mehr wehren kann, sehen wir es als ihre Freund*innen und Familie als unsere dringende Pflicht an, gegen diese Instrumentalisierung ihrer Person vorzugehen." Auch deshalb trafen sich am vergangenen Dienstag 20 Menschen in einer Berliner WG, in der Sophia L. eine Zeit lang wohnte, um dort Transparente aufzuhängen. "Gegen die Instrumentalisierung unserer Trauer durch AfD, Pegida & Co.", stand etwa auf einem, "Still loving Sophia - still hating fascism" auf einem anderen. 

"Sophia ist kein Opfer von irgendeiner Einwanderungspolitik - nicht nur, weil der Tatverdächtige gar kein in Deutschland lebender Immigrant war. Sophia ist ein Opfer von Gewalt gegen Frauen."

- Ausschnitt aus dem offenen Brief

 

Juristisch wird der Fall derzeit aufgearbeitet. Nach mehreren Wochen lieferte die spanische Justiz den Verdächtigen an die Bayreuther Staatsanwaltschaft aus, die die Ermittlungen auf deutscher Seite übernommen hat. Sie vermutet den Tatort in Oberfranken. Auch die Leiche wurde mittlerweile zur Bestattung freigegeben - wann die Beerdigung stattfinden soll, darüber schweigt sich die Familie bislang aber aus. Sie haben genug von dem Medienrummel, der spätestens zum Prozessbeginn wieder aufflammen wird.  

Tobi Lang Online-Redakteur E-Mail

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