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Deutliche Worte

Röttenbach: Schneider legte Finger in Wunden - 08.01. 18:09 Uhr

RÖTTENBACH  - Mit ihren Märchenwesen haben die Gebrüder Grimm archetypische Allegorien erschaffen, die als solche in unseren modernen Tagen gerne die Medienlandschaften bevölkern. Aktuelles Beispiel hierfür ist das Rumpelstilzchen, das seit geraumer Zeit nicht nur erneut durch den Blätterwald tobt, sondern von dem nun auch beim Neujahrsempfang der Gemeinde Röttenbach zu hören war.

Bemühte in seiner Rede nicht nur das „Rumpelstilzchen“ als Allegorie, sondern empfahl den Zeitgenossen, nicht mit zweierlei Maß zu messen: Röttenbachs Bürgermeister Thomas Schneider.
Bemühte in seiner Rede nicht nur das „Rumpelstilzchen“ als Allegorie, sondern empfahl den Zeitgenossen, nicht mit zweierlei Maß zu messen: Röttenbachs Bürgermeister Thomas Schneider.
Foto: Leykamm
Bemühte in seiner Rede nicht nur das „Rumpelstilzchen“ als Allegorie, sondern empfahl den Zeitgenossen, nicht mit zweierlei Maß zu messen: Röttenbachs Bürgermeister Thomas Schneider.
Bemühte in seiner Rede nicht nur das „Rumpelstilzchen“ als Allegorie, sondern empfahl den Zeitgenossen, nicht mit zweierlei Maß zu messen: Röttenbachs Bürgermeister Thomas Schneider.
Foto: Leykamm

Schon der einstige Verteidigungsminister zu Guttenberg war angeblich mit dieser Figur verglichen worden. Und seit der letzten Finanzkrise taucht der Name, aus dem das kratzbürstige Kerlchen im Märchen selbst ein Geheimnis macht, des Öfteren als Bezeichnung für Investmentbanker auf — unter anderem in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“. Auf diesen Zug sprang in seiner Ansprache in der Grundschulaula Röttenbachs auch Bürgermeister Thomas Schneider auf. Allerdings seien die einst so hoch geschätzten Geldexperten dem Grimm’schen Unhold sogar noch überlegen. Denn sie benötigten nicht einmal mehr Stroh, um daraus Gold zu spinnen. Sondern schafften es sogar, „aus Nichts Geld zu machen“.



Die Spekulanten verlangten zwar als Gegenleistung für ihre Geschäfte keine königlichen Kinder für den heimischen Backofen, dafür aber die Preisgabe moralischer Werte bei ihren Partnern. Und auch „Arbeitsplätze, menschliche Existenzen oder Unternehmen können schon mal auf der Strecke bleiben,“ wie Schneider monierte, der sich nach dem seit Jahren in der Öffentlichkeit kursierenden Dauerthema „Finanzkrise“ dem aktuellen Tagesgeschehen widmete.

Um Bundespräsident Christian Wulff führte hier kein Weg vorbei - und auch er war in einer der letzten Ausgaben der „Neuen Zürcher Zeitung“ als Rumpelstilzchen bezeichnet worden. Allerdings nicht aufgrund alchemistischer Fähigkeiten, sondern wegen seines Gebarens gegenüber diversen Presseorganen.

Auf diesen Zug aber sprang Schneider bei seiner Ansprache nicht auf, sondern legte seinen Finger in eine andere gesellschaftliche Wunde, die der Fall Wulff in den Augen des Bürgermeisters offenbare. Er habe „das Gefühl, dass die Gesellschaft mit sehr unterschiedlichen Maßstäben misst“, konstatierte Schneider. Häufig seien die an andere gestellten Anforderungen „nicht ganz kompatibel mit denen, denen man selbst zu genügen bereit sei“.

Zweierlei Maß

Er zeigte sich ebenso verwundert über die großzügige Bereitschaft, andere Zeitgenossen wohlwollender zu betrachten als den Bundespräsidenten. Er gelte in vielen Augen als unredlich, weil er seine Privatsphäre habe schützen wollen. Fußballtrainer und Künstler, die ehedem Drogen nahmen, würden kurz nach ihren Eskapaden hingegen wieder gefeiert. „Da scheint mir einiges aus dem Gefüge gekommen zu sein“, so der Rathaus-Chef, der das Messen mit zweierlei Maß und die daraus resultierenden Widersprüche symptomatisch für unsere Gesellschaft ansah. Jeder wolle Windkrafträder statt Atomstrom - aber vorzugsweise vor dem Haus des Nachbarn. Der Forderung nach fairen Milchpreisen für die Bauern stehe der Billigeinkauf der Kunden beim Discounter gegenüber.

Solches Denken mache auch vor den Toren der Kommunen nicht halt, wie Schneider durchblicken ließ: Zum einen herrsche in Röttenbach der gemeinsame Wunsch nach einer lebenswerten Gemeinde mit guten Immobilienwerten, andererseits aber gäbe es bei jedem Projekt, in dessen Rahmen eine Straße ausgebaut werde, Beschwerden über die Erhebung von Beiträgen. „Wir wollen Einkaufsmöglichkeiten vor Ort. Aber die Bereitschaft, auch nur 200 Euro in die Hand zu nehmen um einen Dorfladen zu ermöglichen, ist überschaubar“, spielte der Bürgermeister auf die nur zögerlich in Gang kommende Bürgerbeteiligung des ehrgeizigen Projekts (wir berichteten mehrfach) an. Aber: „Hier haben Sie schon die erste Gelegenheit, das Ruder herumzureißen!“ gab er zu verstehen. Ob die gut 100 Gäste des Empfangs den Wink mit dem Ladenschild verstanden haben, wird das Jahr 2012 weisen.

Spendenfreudig zeigten sich die Besucher indes gleich zu Beginn des Empfangs, als die Sternsinger mit ihren sich schnell füllenden Büchsen die Runde durch die Aula drehten, in der die Gemeindeglieder mit den Ehrengästen (unter ihnen die Landratstellvertreterriege mit Hannedore Nowotny, Max Netter und Walter Schnell) bei Brezen, Bier und Sekt sich (nicht nur) über die Worte Schneiders austauschten.

Musik dazu erklang von der Empore, auf der eine improvisierte Kapelle ihren gelungenen Einstand feierte. Diese war spontan zusammengetrommelt worden, nachdem das ursprünglich geplante Ensemble kurzfristig abgesagt hatte. Ein Engagement, das für 2012 Gutes erhoffen lässt. 



ley

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