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Der Boden ist mit Blut getränkt, der Häuser Meer auf Knochen gebaut. Und doch umfängt die Sonne das urbane Band entlang der Wolga mit einem weichen, warmen Dämmerlicht. So, als wäre nichts gewesen...
„Ein wunderschöner Empfang“, erinnert sich Silvia Bernlocher an diesen ersten Eindruck von Wolgograd, dem früheren Stalingrad. Dabei war sie hierher gekommen, um ein Kapitel zu schließen und Abschied zu nehmen. „In mir haben die Emotionen getobt“, entsinnt sich die 46-Jährige noch gut.
Denn in Perelasowski, unweit dieser abendlich blühenden Großstadt Wolgograd, starb am 8. September 1942 ihr Großvater Christian Hölzel. 33 Jahre jung, Vater zweier kleiner Söhne.
Der „Kessel“ sei ihm zwar erspart geblieben (die berühmt-berüchtigte Schlacht erreichte erst ab November 1942 ihren tragischen Höhepunkt), nicht aber der physische Schmerz infolge einer Granatenverletzung. Und auch nicht der psychische – wohlwissend, dass er weder Heimat, Ehefrau, noch Kinder je wiedersehen werde. „Er hat das geahnt, als er in den Krieg gezogen ist“, wähnt sich Silvia Bernlocher überzeugt.
Geahnt hatte sie selbst aber längste Zeit nicht, dass sie dereinst den Flieger in diese fremd-vertraute Weite („Irgendwie bin ich ja mit Stalingrad aufgewachsen“) besteigen würde, um eine Mission zu erfüllen: an ihres Vaters Stelle am Grab des Großvaters zu stehen. „Ein stilles Versprechen zwischen uns“.
Intuitiv hatte Leonhard Hölzel die Vorbereitungen dazu bereits getroffen, indem er den Kontakt zum Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge in Kassel suchte. Denn auf Betreiben dieser Institution waren in den 90er Jahren nach Zusammenbruch der Sowjetunion eine groß angelegte Identifizierungsaktion und damit verbundene Umbettungen deutscher Soldatengebeine in und rund um Stalingrad angelaufen. Diese sterblichen Überreste ruhen nun auf einem Sammelfriedhof, einem der größten Friedhofsprojekte des Volksbundes, wie es heißt.
Silvia Bernlocher kann das nur bestätigen. Denn sie war dort, in „Rossoschka“. Hier haben inzwischen mehr als 55000 deutsche Soldaten ein Grab erhalten – und ihre Identität zurück bekommen. So wie Christian Hölzel. Denn 2003 wurde von Seiten des Volksbundes beglaubigt: Ja, es gebe den Ort, wo er im Jahr 1998 endgültig bestattet worden sei, wo nun Abschied genommen werden könne und sich eine Lebenslücke bei den Angehörigen schließen dürfe. Dem Sohn Leonhard sollte das nicht mehr vergönnt sein...
September 2012, Rossoschka im Spätsommer. Noch immer spürt Silvia Bernlocher ihr Herzklopfen und die Hitze der Steppe, in die der Soldatenfriedhof sich fügt. Aber vor allem die „friedliche Stille des Ortes“ soll es sein, die später das Erinnern prägt.
Rossoschka. Das sind auch diese 107 kühlen Granitwürfel, in die Einsamkeit der Natur geworfen – dicht beschrieben mit den Namen der vermissten deutschen Soldaten, um die etliche Tränen vergossen wurden.
Der Friedhof sei zum Symbol geworden, „wie wertvoll der Frieden ist“, insistiert der Volksbund. Deshalb umfasst das Areal neben der großen Anlage mit den Gräbern der Deutschen, auch die Ruhestätten russischer Kämpfer auf der gegenüberliegenden Straßenseite.
„Es war sehr aufregend, bewegend“, resümiert Silvia Bernlocher eine Zeit großer Gefühle. Dass sie am Grab des Großvaters die Tränen geweint habe, „die die anderen nie weinen konnten“ - nein, dessen schäme sie sich nicht. Warum auch? Wen hätte es wohl nicht berührt, für den Vater an ein solches Ziel gelangt zu sein? „Es wäre schließlich so wichtig für ihn gewesen...“
Also hat Silvia Bernlocher das getan, was sie posthum noch tun konnte: Sie hat „dem Opa seine Kinder gebracht“. Das heißt: Sie ließ eine alte Fotografie seiner beiden Söhne in Rossoschka zurück und Erde vom Grab ihres 2005 verstorbenen Vaters.
Im Gegenzug hat sie auch ein wenig russischen Steppenboden und Sand vom Wolgastrand auf den Thalmässinger Friedhof getragen und so den Vater mit dem Sohn im Tode vereint.
„Seit dieser Reise ist das dunkle Kapitel Russland heller für mich geworden“, meint Silvia Bernlocher erleichtert - auch wenn sich Wolgograd dazu bestimmt fühle „ein einziges Denkmal des großen vaterländischen Krieges“ zu repräsentieren.
„Schlaflose Nächte“ habe ihr das Vorhaben demnach allemal bereitet, zugegeben. Doch nun, da es vorbei ist, kann sie anderen Menschen mit einer ähnlichen Geschichte nur raten: „Man muss solche Dinge, die ganze Generationen belasten, aufarbeiten“. Und das sei im Rückblick gar nicht so schwer, versichert sie, denn: „Es führt ein Weg des inneren Friedens nach Stalingrad“.PETRA BITTNER

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