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Fachkräftemangel bei den Erziehern: Die Ausbildung verkürzen

Dialogforum zum Thema "Kinderbetreuung" in Hilpoltstein — Mehr tun gegen Fachkräftemangel - 30.03.2017 15:52 Uhr

Die Nachfrage nach Betreuungsplätzen für die Kleinen steigt ungebremst. In den Kitas wird es immer enger, und es werden viele Erzieherinnen gesucht. © Foto: dpa


Steffen Vogel ist 42 Jahre alt, hat drei Kinder und ist Berichterstatter der CSU-Fraktion im Landtag für das Thema "Kindergärten". Er arbeitet im Sozialausschuss im Münchner Landtag mit. Seit sechs Jahren ist er auch Vorsitzender eines Kindergarten-Trägers im unterfränkischen Ort Theres. "Kindertagesstätten und Kindergärten finden keine Erzieher", wies Volker Bauer auf ein brennendes aktuelles Thema hin, "die Herausforderungen sind groß". Man müsse in erzieherischer Hinsicht im Kindergarten oft das reparieren, was von den Eltern versäumt worden sei.

Volker Bauer bedankte sich bei Steffen Vogel (r.) mit einem Präsent. © F.: un


"Das Problem ist altbekannt und sehr wichtig", sagte Bürgermeister Markus Mahl, "die Kinderbetreuung ist uns sehr viel wert." So gebe die Stadt Hilpoltstein jährlich 1,8 Millionen Euro für Kindergärten aus. "Wir arbeiten in Hilpoltstein viel mit freien Trägern zusammen und haben sechs bis sieben freie Träger", so Mahl weiter, "bei den Regelkindern zwischen drei und sechs Jahren können wir allen Kindern einen Kindergartenplatz anbieten." In Hilpoltstein gebe es 250 bis 260 Regelkinderplätze.

"Wenn jemand ausfällt im Kindergartenbereich, dann ist es relativ schwierig, einen gleichwertigen Ersatz zu bekommen", berichtete der Bürgermeister. "Heute müssen die Erzieherinnen sehr flexibel sein." Für ihn sei es nicht nachvollziehbar, dass man für die Ausbildung zur Kindergärtnerin fünf Jahre brauche, kritisierte Mahl: "Das ist aus meiner Sicht eine unmögliche Situation, die man so nicht stehen lassen kann."

Mahl verwies darauf, dass man im Grundschulbereich einen gebundenen Ganztageszug habe. "Das ist ein riesiger Verwaltungsaufwand", so Mahl, "der Eigenanteil, den die Kommune tragen muss, ist hoch." Es sei auch schwierig, wenn sich alle zwei Jahre etwas ändere.

"Den Wechsel vom Personenkostenzuschuss zum Betriebskostenzuschuss gab es früher nicht und es hat trotzdem funktioniert", kritisierte Markus Mahl weiter, "von Entbürokratisierung ist nichts zu sehen." Das Ganze sei "ein Fass ohne Boden". Mahl: "Wir in der Stadt Hilpoltstein machen alles, dass die Kinder gut betreut werden, aber man sollte nicht alle zwei Jahre etwas ändern." Das sei ähnlich wie in der Altenpflege: Dort hätten die Betreuer keine Zeit mehr für die zu Betreuenden. Der studierte Jurist Steffen Vogel wurde im März 2008 mit der Kooperation von Maßnahmen beauftragt, die Situation von Kindergärten zu verbessern. Er zitierte eine Schlagzeile aus der Presse: "Ohne Kindergärten gehen auf dem Land die Lichter aus".

Vogel berichtete von der sogenannten "Fünf-Tage-Regelung": Man habe die Anwesenheitsanforderung der Erzieherinnen von einem Tag auf fünf Tage am Stück erhöht. "Wir wehrten uns dagegen und wollten diese Regelung aufheben", so Vogel. "Wir setzten die Fünf-Tage-Regelung aus, jetzt hat man diese Regelung zum 1. Januar ganz ausgesetzt."

Eine Verbesserung des Anstellungsschlüssels würde automatisch zu einer Verbesserung der Personalsituation führen, sagte Vogel. Im Landkreis Roth gebe es 902 bewilligte Krippenplätze. An bewilligten Mitteln habe der Bund 7336 Euro und das Land Bayern 13 165 Euro zur Verfügung gestellt. Die Kommune entscheide über die Anstellung von Personal für Krippenplätze. Diese "werden zu 80 Prozent vom Staat bezahlt", erläuterte der Kindergarten-Experte, "die Förderung wurde deutlich verschlechtert, die Fördergelder wurden nicht abgerufen." Heute habe man eine bessere Situation als früher. 23 800 Erzieherinnen habe es 2016 in Bayern in Kindertageseinrichtungen gegeben.

Unglaubliche Nachfrage

Der Fachkräftemangel liege an der unglaublichen Nachfrage der Eltern nach Betreuungsplätzen. "In Mittelfranken hat sich die Zahl der Einrichtungen erhöht, im Landkreis Roth verzeichnen wir eine Steigerung um 27 Prozent", erklärte Vogel. Zudem gebe es eine hohe Anzahl an Mitarbeiterinnen, die gar keine Vollzeit haben, sondern in Teilzeit arbeiten wollten.

Es sei eine kommunale Pflichtaufgabe, Kindergärtenplätze zu schaffen, sagte Vogel, der Staat habe aber keinen Einfluss darauf, was eine Gemeinde konkret unternehme. "Wir sind derzeit nicht in der Lage, den Personalbedarf zu decken."

In der regen Diskussion wurde gefordert, dass sozial schwächere Eltern mehr Unterstützung bräuchten, denn manche könnten den Kindergartenbeitrag nicht bezahlen. Die Verwaltung und die Bürokratie würden immer größer, kritisierten viele Kindergartenleiterinnen. "Wir wollen einheitliche Kindergartenbeiträge auf einem angemessenen Niveau, vor allem bei uns im ländlichen Raum", unterstrich Steffen Vogel. Die Diskussion entbrannte auch an der Frage der Höhe der Beiträge: Müssen sozial schwache Familien genauso viel bezahlen wie Akademiker?

Der Landtagsabgeordnete Vogel wies darauf hin, dass die Anzahl der bayerischen Fachakademien für Sozialpädagogik erhöht worden sei. Die Anzahl der Absolventen an den Fachakademien sei so hoch wie nie. Was die Dauer der Ausbildung zur Erzieherin betrifft, plädierte Steffen Vogel, diese von fünf auf vier Jahre zu reduzieren.

Einige Kindergartenleiterinnen forderten, die Praktika besser zu vergüten. "Praktikanten sind immer ein Gewinn, weil sie die Erzieherinnen unterstützen", entgegnete Vogel, "Qualität geht vor Kostenfreiheit". In vielen Bereichen brauche man Regelungen, die einfacher, durchsichtiger und unbürokratischer sind, forderten die Erzieherinnen unisono. Dadurch erhöhe man die Planungs- und Finanzierungssicherheit der Träger und spare Verwaltungskosten ein. Der Erzieherberuf verdiene bessere Rahmenbedingungen. Eine Absage erteilte Steffen Vogel der Forderung nach einem kostenfreien Kindergartenplatz. "Eine Kostenfreiheit wäre total ungerecht, weil ein Kindergartenplatz in einer Großstadt wie München um das Vielfache teurer ist als ein Kindergartenplatz auf dem Land", hob er hervor. "Ich würde vielmehr einen Beitragszuschuss befürworten." 

ROBERT UNTERBURGER

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