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Lachen über die Tragödien des Lebens

Wladimir Kaminer erzählt in Roth von Touristen, Flüchtlingen und seiner Mutter - 19.03.2017 16:05 Uhr

Lesen, erzählen, Völker verständigen: Wladimir Kaminer in der Kulturfabrik.

Lesen, erzählen, Völker verständigen: Wladimir Kaminer in der Kulturfabrik. © Foto: Scherbel


Eigentlich will Wladimir Kaminer endlich ein Buch über Flüchtlinge schreiben. Aber sein Verlag sagt: Nein, bloß nicht, das liest doch keiner. "Also schreibe ich ein Buch über meine Frau." Vorher aber schreibt er eines über Kreuzfahrt-Touristen, die ja viel mit Flüchtlingen gemeinsam haben. Alle sind unterwegs – freiwillig oder unfreiwillig – "viele auf dem Wasser". Und er legt los mit einer noch unveröffentlichten Kostprobe über deutsche Aida-Touristen, die auf griechischem Boden mit Sirtaki vertraut gemacht werden – von Sizilianern, Rumänen oder Ukrainern, die fürchten, dass ihnen die Syrer bald die Arbeitsplätze wegnehmen. Schon nach fünf Minuten ist klar: Bei Kaminer hängt alles mit allem zusammen. Aber es löst sich auch alles in leichten Pointen auf.

"Es ist die Tragödie des Lebens", die er überall sieht, sagt Kaminer. Der will er begegnen, durch Lachen etwa oder indem er sie von der Seite anschaut. Oder auch von hinten: "Von hinten sieht eine Tragödie gar nicht tragisch aus."

1000 Kühe und eine Tochter

Dann scheint er kurz nachzudenken, um sofort ein Beispiel – natürlich aus seinem Leben – zu erzählen: Der Nachbar seiner Datsche außerhalb von Berlin ist Bauer mit 1000 Kühen "und einer Tochter". Aber die Tochter will keine einzige Kuh haben — "eine Tragödie". Wie sich diese Tragödie löst, erzählt er nicht, denn im nächsten Moment ist er gedanklich schon wieder bei einer anderen tragischen Geschichte: Dass seine Mutter (der auch das jüngste seiner mehr als 20 Bücher gewidmet ist: "Meine Mutter, ihre Katze und der Staubsauger") seit 23 Jahren Englisch lernt, immer im selben Kurs, immer mit denselben Hausaufgaben, ordnet Kaminer liebevoll in eine Erzählung, in der auch der Nebel auf russischen Flughäfen eine Rolle spielt.

Die Mutter schwimmt auch gern, kommt dabei aber nicht voran. Das sortiert sich zu einer wundervollen Anekdote über die Rettung unzähliger syrischer Flüchtlinge aus dem Becken eines Berliner Hallenbads. Und der Sowjet-Kühlschrank im Haus seiner kaukasischen Schwiegermutter hortet neben eingelegten Gurken anscheinend auch die Geräusche der siegreichen Sowjet-Armee.

Wladimir Kaminer ist zum ersten Mal in Roth. Was schon bemerkenswert ist angesichts des Reisepensums, das der "privat Russe, beruflich deutscher Schriftsteller" im Dauereinsatz absolviert. Aber weil er nun erstmals hier aus seinen Geschichten vorliest und aus seinem Leben erzählt, muss er ganz viel hineinpacken in diese zwei Stunden, damit die Zuhörer im nicht ganz gefüllten Saal auch möglichst viel mitbekommen von dem, was er alles sieht und erlebt.

Seit dem ersten Bucherfolg "Russendisko" vor 17 Jahren quillt Kaminer sozusagen über vor Geschichten und teilt wunderbare Beobachtungen aus seinem "Leben im Schrebergarten" ebenso inspiriert mit wie seine Erlebnisse beim Erziehungsversuch ("Coole Eltern leben länger"). Nebenbei variiert er mit deutlichem Akzent Klischees über Russen ("Interesse an Pelzprodukten?") und sorgt mit schelmischen Pointen für Völkerverständigung. Ergebnis: "Die Russen sind schon in Ordnung, sie haben nur mit ihrer politischen Führung Probleme. Und damit sind sie nicht allein."

Sein drittes Versprechen an dem Abend löst er hoffentlich ebenfalls ein: "Ich komme wieder, dann machen wir an der Stelle weiter, an der wir aufgehört haben." 

CAROLA SCHERBEL

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