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Mirjam Schall hat den Bodensee durchschwommen I

n 14,5 Stunden durchs Dreiländereck gekrault — Verpflegung über einen Kescher erhalten - 31.07.2014 17:13 Uhr

Trotz ihrer Erkrankung lässt sich die gebürtige Rotherin nicht aus der Bahn bringen. Nach ihrem Rekordschwimmen im Bodensee will sie beim 48-Stunden-Schwimmen teilnehmen. Foto: Halder

Trotz ihrer Erkrankung lässt sich die gebürtige Rotherin nicht aus der Bahn bringen. Nach ihrem Rekordschwimmen im Bodensee will sie beim 48-Stunden-Schwimmen teilnehmen. Foto: Halder


„Als ich am Ziel war und mir Selina entgegen kam, habe ich nur noch geheult“, erzählt Mirjam Schall einen Tag nach ihrem Rekordschwimmen. Ein Rekordschwimmen war es tatsächlich. Den Bodensee haben schon viele durchschwommen, im Drei-Länder-Eck war sie allerdings die Erste. „Ich wollte einmal in meinem sportlichen Leben etwas als Erste machen“, sagt sie. Das ist ihr jetzt gelungen und sie kann es am Tag danach noch kaum fassen, dass sie es tatsächlich geschafft hat. Am Telefon klingt ihre Stimme immer noch ungläubig und ein wenig rau von der Anstrengung.

Einen zeitlichen Rekord hat sie dabei auch aufgestellt, angepeilt waren 16 bis 17 Stunden für die 35 Kilometer lange Strecke, die sie nun in unter 15 Stunden gekrault ist. „Ich konnte mein schnelles Tempo gut aufrechterhalten und später noch zulegen, weil ein Gewitter im Anmarsch war“, erklärt sie ihre gute Zeit. Bei Gewitter hätte sie ihren Versuch nämlich abbrechen müssen und das wollte sie unter keinen Umständen. Der Veranstalter ist da strikt.

Denn natürlich ist Mirjam Schall nicht auf eigene Faust ins Wasser gestiegen, sondern hat sich mit Oliver Halder und Björn Aicher von der „Bodenseequerung“ zwei erfahrene Männer in ihr Begleitboot geholt, die schon viele Schwimmer bei Breiten- und Längsquerungen begleitet haben und als Wettkampfrichter für die Zeitnahme verantwortlich waren. Auch drei Mitglieder ihres eigenen Teams waren an Bord und mussten sie teils „mit liebevoller Härte“, wie sie sagt, zum Weiterschwimmen motivieren.

Einmal auch, indem jemand ein Stück mit ihr geschwommen ist. Ein zusätzlicher Ansporn war für Schall auch, dass der Veranstalter ihren Fortschritt ständig auf der Facebook-Seite „Bodenseequerung“ veröffentlichte. Viele Freunde kommentierten, ließen gute Wünsche da oder riefen sogar an, dann „telefonierte“ Schall mit ihnen im Wasser per Zuruf vom Boot.

So überwand sie auch einen kleinen Durchhänger. „Man fragt sich dann schon mal: ,Warum mache ich das überhaupt?‘“, gibt sie zu. Aber das sei normal. Andere Probleme hatte sie kaum, nur in der Schweiz wurde ihr ein wenig übel. Probleme, die das Schwimmen in einem See mit sich bringt, konnte sie durch eine freie Zeiteinteilung vermeiden. Sie hatte vom Veranstalter aus ein Zeitfenster von einer Woche. Da es am Sonntag geregnet hatte, konnte sie erst am Montagmorgen um 3 Uhr in die Fluten steigen, ankommen wollte sie bei Tageslicht. Denn in den Bodensee münden zwei Arme des Rheins, deren Wassermassen nach heftigem Gewitterregen Treibholz mit sich führen können — nicht ungefährlich, wenn man dort schwimmt.

Während ihres Rekordversuchs musste sie natürlich auch essen und trinken. Das bekam sie mit dem Kescher vom Boot gereicht, denn Kontakt mit dem Boot erlaubt das Reglement der „Bodenseequerung“ nicht. Mit Gel, Riegeln, Breze und Keksen konnte sie sich stärken und kurz im Wasser treibend Pause machen, um den Rücken zu entlasten.

Dass Mirjam Schall heute wieder Hochleistungssport betreiben kann, grenzt an ein Wunder. In ihrer Jugend machte die Wolkersdorferin Triathlon und tanzte in der Garde. 2002 wurde bei ihr das Ehlers-Danlos-Syndrom diagnostiziert, einer seltenen Bindegewebsschwäche, die sich bei ihr in extremer Beweglichkeit und mehreren Bandscheibenvorfällen über die Jahre geäußert hatte. „Nach der Diagnose habe ich drei Jahre lang gar nix mehr gemacht“, berichtet sie heute. Ihr Physiotherapeut sagte ihr immer wieder, dass sie nicht zulassen dürfe, dass die Krankheit sie kontrolliere, sie müsse ihre Krankheit unter Kontrolle bringen. Das schaffte sie durch hartes Training und den Challenge 2006. In der Staffel schwamm sie und läuft seither jedes Jahr beim Challenge mit durchs Ziel. „Es war ein harter Kampf dorthin, aber ich habe heute keine Symptome mehr“, sagt sie. Der Sport brachte sie zurück ins Leben. 3,8 Kilometer am Challenge sind für sie inzwischen eine Kleinigkeit und reichen ihr längst nicht mehr. Höhere Hürden wollen gerissen werden.

20 Stunden pro Woche

Ihr Tagesablauf ist daher streng getaktet, für das Projekt schraubte sie soziale Kontakte zurück, um 20 Stunden pro Woche im Wasser zu trainiren. Ihre Freunde hätten dafür aber Verständnis, sagt sie. Kein Wunder, viele sind Triathleten und vor einem Wettkampf in einer ähnlichen Situation. Schall ist Mitglied der Triathlon-Abteilung der TSG 08 Roth.

Bei ihrem Drei-Länder-Schwimmen wollte Schall testen: „Wo liegen meine körperlichen Grenzen und wie kann ich sie ausbauen?“ Für sie dürfte das Bodensee-Schwimmen auch ein sichtbares Zeichen des Sieges über ihre Erkrankung sein.

Am Tag danach fühlt sich ihre Haut noch immer komisch an, aufgeweicht vom Wasser, verbrannt von der Sonne, die Arme schmerzen, aber das Herz ist übervoll der Freude und jubelt. Jetzt muss sie sich erst einmal erholen „und viel cremen“.

Doch auf Mirjam Schall warten neue sportliche Herausforderungen. In wenigen Wochen schwimmt sie mit Freunden durch den Donaudurchbruch, und im Oktober tritt sie bei einem 48-Stunden-Schwimmen an.  

VIOLA BERNLOCHER

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