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Mit dem Rad auf den Spuren der eigenen Jugend

Gerhard Wendler aus Roth wiederholte als Pensionist eine Reise aus Studienzeiten — Durch Wind und Wetter - 18.03.2017 07:00 Uhr

Gerhard Wendler in Dunbeg Fort auf der Halbinsel Dingle, dem Ziel seiner Reise, eher er wieder den Rückweg nach Roth antrat. Interessant, eindrucksvoll und oft auch anstrengend war der Trip auf die grüne Insel.

Gerhard Wendler in Dunbeg Fort auf der Halbinsel Dingle, dem Ziel seiner Reise, eher er wieder den Rückweg nach Roth antrat. Interessant, eindrucksvoll und oft auch anstrengend war der Trip auf die grüne Insel. © Foto: privat


Gerhard Wendler ist Wiederholungstäter. Der 63-jährige Rother verbringt jedes Jahr zig Kilometer auf dem Fahrrad. 2014, kurz nach seiner Pensionierung, zog es ihn mit dem Rad von Roth an den Inari-See im Norden Finnlands. Die Irland-Reise im vergangenen Jahr war sein zweites großes Radl-Projekt. Auch wenn sie statt 9052 Kilometer und 115 Tagen "nur" 4064 Kilometer und 51 Tage dauerte – und laut Wendler damit sportlich "nicht die Herausforderung" darstellte –, so war sie "vom Erlebnis her dennoch sehr intensiv", verrät der Weltenbummler.

Als Student war der Sozialpädagoge bereits einige Wochen durch England getrampt. Jahrzehnte später setzte sich die Idee im Kopf fest, den britischen Inseln erneut einen Besuch abzustatten – diesmal mit dem Rad.

Am 25. Juli 2016 fiel der Startschuss. Symbolischer Beginn der Reise war der sogenannte Wasserscheide-Brunnen in Graben bei Treuchtlingen. Sein Wasser fließt entweder nach Süden ins Schwarzes Meer oder nach Norden; das ist Wendlers Richtung.

Dem Lauf des Wassers folgt Wendler hunderte Kilometer bis zur Nordsee. Von Roth geht es — dem Main-Donau-Kanal folgend — in fünf Tagen über den Main nach Mainz; dabei kommt Wendler auch am mit 102 Metern tiefsten Punkt Bayerns in Kahl vorbei.

Am Rhein entlang strampelte Gerhard Wendler weiter. Über Arnheim und vorbei an Amsterdam erreicht der Rother am 16. Reisetag nach 1192 Kilometern schließlich die Nordseeküste; von dort nimmt er die Nachtfähre nach England.

In Newcastle upon Tyne angekommen, führt ihn sein Weg am Hadrianswall entlang gen Westen. Typisch britisches Regenwetter, viel Wind und zahllose Hügel kosten Kraft und bringen den gut überlegten Zeitplan ein wenig durcheinander.

Wendler pfeift auf das schlechte Wetter und tritt weiter kräftig in die Pedale bis zur Fähre in Cairnryan; in Nordirland heißt sein Ziel Larne. In einem weiten Bogen radelte Wendler — zunächst noch bei gutem Wetter — durch den britischen Teil der Insel. Anschließend geht es durch die Republik Irland weiter, wo im äußersten Südwesten das eigentliche Ziel seiner Reise wartet.

Das Wetter schlägt in dieser Zeit um; es folgt fast eine Woche Dauerregen. Gerhard Wendler notiert in sein Online-Reisetagebuch Sätze wie: "Fürchterlicher Tag! Wieder nass, abends 30 km Regenfahrt wegen Quartiersuche". Der passionierte Radfahrer übernachtet normalerweise meist im Zelt, zwischendurch auch mal in einem Bed & Breakfast oder einer Pension.

Während des Vortrags in Georgensgmünd zitiert Wendler an dieser Stelle aus Heinrich Bölls irischem Tagebuch. Die Passage beginnt mit den Worten: "Der Regen ist absolut, großartig und erschreckend." Trocken stellt Wendler dazu fest: "Ich kann nur sagen — Böll hat Recht."

Doch der 63-Jährige kämpft sich durch und am 31. Reisetag, nach 2382 schweißtreibenden, schön-anstrengenden Kilometern notiert er: "Ich stehe am Atlantik! Ich bin am Ziel! Tolles Gefühl!"

Zeit für die Rückkehr: Endlich zeigt sich auch das irische Wetter von seiner sonnigeren Seite. Aus privaten Gründen muss Wendler die Reiseroute abkürzen. Um Zeit zu gewinnen steigt der Rother in Irland und England streckenweise in die Bahn. Der englischen Kanalküste folgend, gelangt er nach Dover und über den Ärmelkanal zurück auf den Kontinent nach Dünkirchen.

Dort muss sich der 63-Jährige erst einmal wieder auf den mittlerweile ungewohnten Rechtsverkehr einstellen. Ypern, Langemark, Waterloo, Bastogne – die nächsten Etappen führen vorbei an belgischen Ortschaften, die zu trauriger Berühmtheit gelangt sind. Durch Luxemburg – inklusive eines Besuchs der kleinen, aber umso bekannteren Gemeinde Schengen ("Schengen-Flüchtlingsabkommen") – radelte Gerhard Wendler weiter Richtung Osten.

Bald hat er wieder deutschen Boden unter den Reifen, sodass er wenig später in seinem Reise-Logbuch festhalten kann: "Die Heimat naht, bin schon wieder im Gebiet von Aldi-Süd." Als die Quartiersuche im ausgebuchten Heilbronn scheitert, nimmt er kurzerhand den Zug nach Roth.

Was bleibt von dieser Reise? Zum einen natürlich die Erlebnisse in sieben Ländern. Geschichtsträchtige Orte, unterschiedlichste Museen, Landschaften – Gerhard Wendler legte seine Route so, dass er immer wieder Sehenswürdigkeiten und interessante Orte besuchen konnte.

Besonders in Erinnerung werde ihm die Kathedrale von Chichester bleiben, sagt er. Sie beherbergt ein berühmtes, von Marc Chagall gestaltetes Glasfenster, das den 150. Psalm darstellt. Ein solches Kunstwerk "live erleben zu können", das sei zugleich "geistlicher und kultureller Höhepunkt" der Reise gewesen.

Aber natürlich blickt er auch gerne zurück auf die vielen zufälligen Begegnungen. Der Brite etwa, der ihm mit einer Leiter die wichtige Kartentasche, die ihm just davor ins Hafenbecken gefallen war, wieder heraus fischte. Oder Bianca Schubert, die er unterwegs zweimal traf. Die an einer Muskelkrankheit leidende Frau strampelte mit dem Rad den Rhein entlang und sammelte Geld für die Deutsche Gesellschaft für Muskelkranke.

Bevor es ab Mai erneut auf eine lange Radreise – diesmal nach Nordamerika – geht, hält Wendler noch an verschiedenen Orten im Landkreis Vorträge, bei denen er um Spenden für Regens Wagner in Zell bittet.

Nähere Informationen zur Reise und den Vorträgen sind unter www.gerhard-wendler.de zu finden.  

ANDREAS REGLER

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