Sonntag, 18.11.2018

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Sumpfboot hilft Wasserwacht bei Rettung aus dem Eis

Kreiswasserwacht Südfranken verfügt jetzt über einen Eisgleiter - 27.03.2018 19:00 Uhr

Strategisch stationiert wird der neue Eisgleiter bei der Wasserwacht Georgensgmünd. Hier ist das Fahrzeug der Wasserwacht Rosenheim zu sehen. © Wasserwacht Rosenheim


Helmut Köhler könnte sich aufregen, wenn er im Winter auf die Seen schaut. Heuer sah er am Brombachsee eine Familie mit Kindern auf dem Eis von Allmannsdorf nach Pleinfeld laufen. Das sind gute eineinhalb Kilometer. Auf den anderen Seen im Bereich des Kreisverbandes Südfranken sind ebenfalls immer wieder Spaziergänger weit draußen unterwegs. "Unvernünftig", sagt Köhler.

Vergangenes Jahr blieb ein junger Mann im Igelsbachsee stecken und konnte gerettet werden. Heuer, Anfang März, brach ein 75-Jähriger im Altmühlsee ein und verschwand unter der Eisdecke. Seine Leiche fanden die Wasserwacht-Taucher erst am nächsten Tag. Das war für Köhler das i-Tüpfelchen. "Ich hatte die Idee schön länger, aber das hat den Ausschlag gegeben. Wenn jemand 300 Meter vom Ufer entfernt einbricht, dauert es einfach, um an ihn ranzukommen. Wir brauchen ein Mittel, um da schnell hinzufahren." Und auch gefahrlos, das ist ein weiterer Aspekt.

Vor Jahren hatte sich Köhler schon einmal den Eisgleiter der Wasserwacht in Rosenheim angesehen. "Der einzige in Bayern", sagt Köhler. Weil er vom Hersteller Ficht ein Ausstellungsstück ergattern konnte, gibt es nun auch im Fränkischen Seenland einen. Am vergangenen Montag holte Köhler den Eisgleiter in Kirchseeon ab – der war auf der Autobahn schon mal ein Hingucker. Auf dem Schlauchboot-Rumpf ist ein großer Propeller montiert, davor sitzt der Fahrer und lenkt per Leitwerk – man kennt das Prinzip als Sumpfboot oder Airboat. Bis zu 100 Kilometer pro Stunde schnell könnten die Retter der Wasserwacht damit fahren – aus Platzgründen aber wohl eher langsamer.

Der große Vorteil ist, dass das Boot bis in das Eisloch fahren kann, die Retter so gleich an der Unfallstelle arbeiten können und die Taucher ihre recht schwere Ausrüstung nicht erst dorthin schleppen müssen. Zeit und Strömung arbeiten gegen die Retter.

Schnell und praktisch

"Der Gleiter ist sehr schnell und mit etwas Übung gut zu händeln und nicht nur bei Eis einsetzbar", sagt Franz Maier, Vorsitzender der Wasserwacht-Ortsgruppe Rosenheim. "Der Rumpf ist zwei Millimeter dick mit Teflon beschichtet", sagt Köhler. Weil das Boot auch kaum Tiefgang hat und so über Hindernisse gleitet, macht es bei Hochwasser eine gute Figur. Die Rosenheimer nutzten ihr Boot 2013, um auf dem überschwemmten Chiemsee den Rettungsdienst auf Frauen- und Herreninsel sicherzustellen – andere Schiffe fuhren nicht mehr.

Der Gleiter wird bei der Wasserwacht Georgensgmünd stationiert. Eine strategische Entscheidung aus mehreren Gründen, so Köhler: Gmünd liegt zentral, die Seen sind gut zu erreichen. Außerdem ist dort schon eine Sonargruppe mit Unterwasserkamera stationiert, das ergänzt sich. Und schließlich ist in der Georgensgmünder Halle noch Platz für das Boot. Die Rosenheimer Wasserwacht bekam ihr Boot damals vom Landratsamt, die Kreiswasserwacht Südfranken bestreitet den Kauf aus Eigenmitteln. 80 000 Euro würde der Gleiter neu kosten, sagt Köhler, wie viel er bezahlt hat, behält er für sich.

Üben außerhalb der Badesaison

Mit 98 Dezibel gab Köhler den von Motor und Luftschraube erzeugten Lärm an, geübt werden soll deshalb möglichst außerhalb der Badesaison auf Roth- und Brombachsee. Köhler muss allerdings noch mit den Zweckverbänden reden.

"Das ist ein Zusatzmittel, kein Allheilmittel", betont Köhler. Wenn jemand einbricht oder gerettet werden muss, sind Schnelleinsatzgruppen (SEG) an den Seen stationiert. Stufe zwei: Mehrmals im Jahr übt die Wasserwacht die Luftrettung, bei den Helfer aus einem Hubschrauber ins Wasser – oder das Eisloch – abgelassen wird.

Klappt das nicht, weil der Helikopter beispielsweise nicht zur Verfügung steht, soll der Gleiter herangefahren werden und zum Beispiel Taucher absetzen. Auch längere Zeit könnten Personen im eiskalten Wasser unter der Eisdecke ohne Folgeschäden überleben, so Köhler. Aber sie müssen eben gefunden werden.

Nach Ostern soll der Gleiter offiziell vor- und in Dienst gestellt werden. Dann beginnen auch die Probefahrten. Im nächsten Winter wird die Wasserwacht wieder vor zu dünnem Eis warnen – und mit dem Gleiter bereitstehen. 

STEFAN BERGAUER E-Mail

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