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Trotz Baujahr 1963: Beerbacher "Bulli" läuft und läuft ...

55 Jahre altes Fahrzeug der Freiwilligen Feuerwehr steht immer noch im Einsatzdienst - 24.08.2018 05:59 Uhr

Weit über 50 Jahre auf dem Buckel und immer noch fit: Der „Bulli“ der Beerbacher Feuerwehr. © Martin Regner


Wenn einem jemand etwas über das Tragkraftspritzenfahrzeug (TSF) sagen kann, dann Karl Lang. Der heute 76-Jährige trat vor 60 Jahren im Alter von gerade einmal 16 seiner Feuerwehr bei, war später 20 Jahre lang ihr Kommandant und dann noch einmal 20 Jahre Vorsitzender des Feuerwehrvereins. An die Anschaffung des TSF vor 55 Jahren kann er sich noch gut erinnern: Die damals noch selbstständige Gemeinde Beerbach hatte 1962 gerade eine neue Tragkraftspritze beschafft. Die passte allerdings nicht in den vorhandenen Anhänger rein.

Auto statt Anhänger gekauft

Also musste man sich in Beerbach entscheiden: Einen neuen Anhänger für rund 6000 DM kaufen oder gleich ein motorisiertes Fahrzeug für rund 8500 DM? Weil es für das Fahrzeug einen Zuschuss vom Staat gab, für den Anhänger aber nicht, war die Entscheidung relativ leicht: Es wird ein Feuerwehrauto gekauft.

Die Wahl fiel auf einen VW "Bulli", der 1963 nach Beerbach ausgeliefert und erstzugelassen wurde. In einem braunen Umschlag liegt heute noch der damals ausgestellte Fahrzeugschein im Auto. Das grüne Formular ist mit Schreibmaschine ausgefüllt worden, ein Stempel dokumentiert das Datum der Zulassung, den 23. August 1963. Ausgestellt wurde das Papier vom Landratsamt des bei der kommunalen Gebietsreform aufgelösten Landkreises Schwabach, in dessen Territorium sich Beerbach damals befand.

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Dass im Jahr 2018 noch ein VW „Bulli“ der ersten Baureihe mit geteilter Windschutzscheibe Dienst bei einer Feuerwehr tut, ist fast ein kleines Wunder. Erstzulassung anno 1963 und seit 55 Jahren im Abenberger Ortsteil Beerbach zu Hause - das sind die wichtigsten Rahmendaten des seltenen Stücks. Auf das die ganze Mannschaft mächtig stolz ist.


Mit Füller und blauer Tinte ist das vergebene Kennzeichen eingetragen worden, es lautet "SC-2055". Dieses Nummernschild trägt der alte VW heute noch. Doch nicht nur deswegen wirkt der Beerbacher "Bulli" heute ein wenig wie aus der Zeit gefallen: Seine Windschutzscheibe ist in der Mitte durch einen Steg geteilt. In den Fußraum von Fahrer und Beifahrer ragen voluminös die Gehäuse der runden Scheinwerfer hinein. Eine Servolenkung hat der VW nicht, deswegen muss man "beim Rangieren ganz schön kurbeln", erklärt Lang. Auch sonst verlangt die betagte Technik einen besonnenen Fahrstil: "Da muss man mit Bedacht fahren und mit Köpfchen."

Von hinten ertönt ein heute außerordentlich selten gewordener Klang, wenn Karl Lang den Anlasser betätigt hat: So hell und klar nagelt halt nur ein VW-Boxermotor. Der ist luftgekühlt, selbstverständlich. Und, wie es sich für Jahrzehnte im Hause Volkswagen gehört hat, eingebaut im Fahrzeugheck.

Ehrenplatz im Spritzenhaus

Über fünf Jahrzehnte tut der Wagen nun schon Dienst in Beerbach. In dieser Zeit hat manche andere Feuerwehr schon drei Autos verschlissen. Ein Blick auf die Straßen zeigt, dass mit der dritten Generation des VW Transporters sogar das Nachfolgemodell des Nachfolgemodells inzwischen fast aus dem Alltag verschwunden ist. Was lief in Beerbach anders als anderswo, dass der "Bulli" so lang erhalten blieb? "Wir haben immer gute Maschinisten gehabt, die sich immer gut darum gekümmert haben", sagt Karl Lang und lächelt. Einen Nachteil will er nicht darin erkennen, dass es im Dorf nie ein neues Feuerwehrauto gab: "Wir waren damit immer schnell genug beim Einsatz, wenn es drauf ankam."

Irgendwann in den nächsten zwei bis drei Jahren könnte aber doch einmal ein moderneres Gebrauchtfahrzeug als Ersatz angeschafft werden: Die Beerbacher Floriansjünger planen den Bau eines neuen Feuerwehrhauses. Wenn das einmal steht, soll auch der Fuhrpark modernisiert werden, so Lang. Und der alte VW? "Der bleibt dann als Oldtimer im alten Spritzenhaus stehen. Da bekommt der einen Ehrenplatz."

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So will es auch der aktuelle Kommandant Roland Oeder: "Da identifizieren sich die Leute im Dorf damit. Das Auto ist mal mit viel eigenem Schweiß erarbeitet worden." Was er damit meint? Dass es Anfang der 1960er Jahre, als der VW gekauft wurde, eine große Herausforderung für die Dorfgemeinschaft war, die Summe für den Kaufpreis zusammenzubekommen. Jede Familie im Dorf habe damals ihren Beitrag dazu geleistet, erklärt Oeder.

Diese Investition hat sich nicht nur für den örtlichen Brandschutz gelohnt: Inzwischen bieten Sammler mittlere fünfstellige Beträge in Euro für gut erhaltene VW Transporter der ersten Generation. So ändern sich die Zeiten. Und sogar das Fahrgefühl hat sich aus Sicht von Karl Lang im Laufe der Jahrzehnte durchaus gewandelt: "Früher war das ein erhebendes Gefühl, damit zu fahren. Heute ist das eher ein etwas beengtes Gefühl — und ein nostalgisches." 

MARTIN REGNER E-Mail

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