Mittwoch, 14.11.2018

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Von Roth bis Venedig: Per Pedes auf dem Traumpfad

Daniel Matulla hat die 700 Kilometer in 32 Tagen zu Fuß hinter sich gebracht - 27.08.2018 16:34 Uhr


"Es war eine Prüfung für meinen Willen und meinen Körper", resümiert er. "Denn auf dem Weg habe ich viele getroffen, die abgebrochen haben." Daniel Matulla war elf Jahre alt, als er mit Vater und Bruder zum ersten Mal Deutschlands höchsten Berg eroberte. Die Erlebnisse auf dem Weg zur Zugspitze haben ihn geprägt. "Höllental, Gletscher und Klettersteig bei Regen, das war toll."

Bis ans Meer

In der Jugendgruppe der Rother Alpenvereinssektion hat er weitere Bergerfahrungen gesammelt. So ist in ihm ein Wunsch gewachsen: "Ich will was besonderes machen und dachte mir: Ich lauf bis ans Meer." Dabei hat er sich an einer bereits beschriebenen Route orientiert. "Traumpfad", heißt der Alpen-Wanderweg, über den Daniel Matulla zwei Reiseführer studiert hat. Körperlich fit für einen solchen Gewaltmarsch fühlte er sich ohnehin. Schließlich hat Matulla in diesem Jahr bereits zwei Marathons und den Rothsee-Triathlon absolviert.

Eigentlich beginnt der "Traumpfad" in München. Doch Matulla hatte einen besonderen Antrieb. "Ich wollte in Roth meine Haustüre schließen und sofort auf dem Weg nach Venedig sein", sagt er. Das erste Teilstück waren 39 Kilometer von Roth nach Greding. Dann weiter nach Ingolstadt und über den Münchener Marienplatz ins Isartal Richtung Tölz. Bis Venedig hat Matulla an 20 Hütten Station gemacht, in vier Hotels übernachtet, ein Mal "Airbnb" genützt und war zu Gast in zwei Klöstern. Das Reisegepäck immer auf dem Rücken.

"Morgens mit Wasser wog der Rucksack 13,5 Kilo", sagt Matulla. Etwas leichter wurde es, als er Überflüssiges per Post nach Hause geschickt hatte. Unterwäsche, die zweite lange Hose, zwei Paar Socken, eine dicke Wollmütze und die Doktorarbeit gingen zurück nach Roth. "Ich dachte, ich könne sie abends Korrektur lesen", begründet Matulla die Mitnahme seiner Promotion. Eines aber war von Beginn an noch wichtiger: Das Smartphone. Eine "coole App" hat gut geholfen. "Ich hatte alle Karten offline, denn ohne Karte dazustehen wäre der Supergau." Wichtig ist freilich auch GPS. Doch das Ortungssystem funktioniert selbst ohne Netz.

"Ich habe fast jeden Berg mitgenommen, den es auf der Strecke gab", beschreibt Matulla ganz grob seine Leitlinie auf der Route. Dabei wechselten sich traumhafte Landschaften und erstaunliche Naturerlebnisse mit durchaus bedrohlichen Szenarien ab.

Vom Blick auf den Tuxer Hauptkamm kann er sich kaum lösen. Edelweiß und Enzian sind oft in Reichweite. Als unmittelbar neben seinem Weg vier Steinböcke auftauchen, muss Matulla sein Handy erst umständlich aus dem Rucksack kramen. Doch die sonst so scheuen Tiere scheinen das Posieren zu lieben. Sie verharren. Das Foto gelingt.

Mitten auf dem Weg

Ein anderer Vierbeiner hätte Matulla fast gestoppt. Eine Kuh blockierte einen schmalen Pfad. "Sie stand mitten auf dem Weg", zeigt er ein Foto, das seine Ratlosigkeit verständlich macht. "Ich konnte hinten nicht vorbei, weil sie mich gegen den Berg vielleicht erdrückt hätte, und vorn ging es auch nicht: Bei ihrem Versuch, an mir zu lecken, wäre ich möglicherweise abgestürzt." Er entschied sich für einen weiten Umweg durchs Unterholz. "Das war am sichersten."

Auf Sicherheit hat er auch gesetzt, wenn ein Gipfel in Sichtweite war. Nur wenn die Bedingungen optimal schienen, wagte er den Aufstieg. "Man riskiert nicht sein Leben für ein tolles Foto." Einen Dreitausender hat er dennoch bewältigt. Der Piz Boè ist der höchste Berg der Sellagruppe in den Dolomiten. Sein Gipfel liegt auf 3152 Metern. "Er war so greifbar, da habe ich mir gedacht: Da gehst Du jetzt rauf."

Schwierig waren mitunter die Wetterbedingungen. "Ich habe ein Gewitter erlebt, zum Glück ohne Blitze", blickt Matulla zurück. Einmal sind sogar seine Schuhe vollgelaufen, so stark hat es geschüttet. Meist aber hat er jede Hütte rechtzeitig erreicht. Gebucht hat er immer erst per Mobiltelefon, wenn er seine Ankunft einschätzen konnte, was nicht ohne Risiko war. Denn wenn alle Acht-Bett-Zimmer bereits belegt sind, dann muss man mit dem "Lager" vorlieb nehmen. So nennt man die Gemeinschaftsschlafsäle auf den Hütten, in denen bis zu 100 Bergsteiger nebeneinander übernachten und echte Erholung schwerfällt. "Ich hatte Ohropax und Schlafbrille dabei, musste aber nur zwei Mal ins Lager mit 20 bis 30 anderen", erzählt Matulla.

Auf den Hütten komme man allerdings mit vielen interessanten Menschen in Kontakt. "Manche waren schon in Nepal oder am Mont Blanc", schildert er die Erzählungen seiner Wanderbekanntschaften. Enorm erstaunt war er über einen besonders fitten 70-Jährigen. "Er hat mich beim Abstieg eingeholt."

Noch mehr aber als die Sorge um ein ruhiges Nachtlager haben ihn seine empfindsamen Füße gequält. "Schon im Inntal hatte ich Blasen, das kann man sich nicht vorstellen." Geholfen hat nichts. "Keine neuen Einlagen und keine neuen Socken." Erst die Radikalkur brachte Linderung. "Mit einer sterilen Nadel habe ich sie aufgestochen und mit einem Föhn getrocknet."

Puder statt Spray

Den hilfreichsten Tipp hat Matulla von einer Stadtratskollegin erhalten. Ärztin Daniela von Schlenk empfahl ihm telefonisch Wundpuder. "Viel besser als Desinfektionsspray, mit dem alles feucht geblieben ist." Nach einem Tag Pause ging es weiter. Abgebrochen hätte Matulla nur nach zweierlei: "Absturz oder Vipernbiss." Die giftigen Schlangen sind in Oberitalien sehr verbreitet.

Wenn man die Alpen vollständig überquert hat, sind es noch knapp 100 Kilometer bis Venedig. Auf dem letzten Stück erlebte er ein Kontrastprogramm zur widrigen Natur zuvor. Daniel Matulla erreichte die Lagunenstadt vom Festlandstadtteil Mestre aus über die 3850 Meter lange Brücke der Freiheit. "Eine Autobahn, vier Eisenbahngleise daneben und der Fußweg. Das ist nicht schön", stellt er fest. Gattin Nadine erwartete ihn am Markusplatz. "Frische Wäsche, das war ein Hammergefühl", erinnert er sich, als fast fünf Wochen Anstrengung und auch Einsamkeit zu Ende gingen. Denn selbst wenn man auf den Hütten ins Gespräch komme: "Am Morgen beim Aufbruch bleibt wieder jeder für sich." Eine Einsamkeit, die viel Raum bietet nachzudenken. "Über alles Mögliche: die Arbeit, die Familie, die Politik", zählt Matulla auf. Ergebnis dieser intensiven Selbstreflektion: "Ich bin in meinem Lebensweg bestätigt worden: Das, was ich mache ist gut. Was will ich mehr?" 

ROBERT SCHMITT

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