Mittwoch, 26.09.2018

|

Zumindest ein bisschen was vom Sportwagen

Hilpoltsteiner THW entdeckt mit dem Mercedes-Benz 911er die Langsamkeit - 05.07.2018 06:00 Uhr

Der älteste Gerätewagen im Fuhrpark des Technischen Hilfswerks in Hilpoltstein wurde anno 1978 gebaut. Wenn es nach Alexander Regensburger geht, dann bleibt der Oldie dem Ortsverband noch lange erhalten. © Martin Reger


911? Bei dieser magischen Ziffernkombination denken Autofans eigentlich zuerst an eine zum Kult avancierte Sportwagenbaureihe von Porsche. Aber auch in den Lastwagenwerken von Daimler-Benz baute man einst einen Typ 911. Dessen Daten beeindrucken im Gegensatz zum gleichnamigen Porsche weniger durch PS-Leistung und Beschleunigungsvermögen, dafür mehr mit Tonnage und Geländegängigkeit. Stolze 9,5 Tonnen bringt der in einem kräftigen Dunkelblau lackierte Gerätewagen voll beladen auf die Waage und dank Allradantrieb erscheint kein Hindernis mehr unüberwindbar. 

Am dringendsten gebraucht wird der blaue Einsatzwagen im tiefsten Winter: Dann werden ihm Schneeketten aufgezogen und die Helfer vom THW rücken zum Abschleppen aus, "wenn mal wieder ein Lastzug auf der Autobahn im Schnee stecken geblieben ist", wie Alexander Regensburger erzählt. In solchen Fällen kann der 40 Jahre alte Lkw mit seinen gerade einmal 131 PS beweisen, dass er seinen modernen und geradezu vor Pferdestärken strotzenden Nachfolgern halt doch noch überlegen ist.

"Standheizung echt was wert"

Im Winter ist es mitunter bitterkalt. Dann bewährt sich die ab Werk eingebaute Standheizung: "Das ist der schöne Luxus, den es beim THW immer gab. Und die ist auch echt was wert", lobt Regensburger. Die überschaubare Kraft des Dieselmotors ist ein Grund dafür, dass das Fahrzeug auch beim THW-Nachwuchs sehr beliebt ist: "Die meisten lernen auf dem Auto das Fahren. Der ist gutmütig und es geht gemütlich dahin." Zum Rasen ist der alte Daimler jedenfalls völlig ungeeignet, was Regensburger mit einem genüsslichen und wissenden Lächeln folgendermaßen in Worte fasst: "Entdecke die Langsamkeit".

Bilderstrecke zum Thema

Gemütlich zum Ziel: Mercedes-Benz 911 vom THW Hilpoltstein

Der Mercedes-Benz 911 beeindruckt im Gegensatz zum gleichnamigen Porsche weniger durch PS-Leistung und Beschleunigungsvermögen, dafür mehr mit Tonnage und Geländegängigkeit. Stolze 9,5 Tonnen bringt der in einem kräftigen Dunkelblau lackierte Gerätewagen aus Hilpoltstein voll beladen auf die Waage und dank des Allradantriebs erscheint kein Hindernis mehr unüberwindbar zu sein. Am dringendsten gebraucht wird der blaue Einsatzwagen im tiefsten Winter: Dann werden ihm Schneeketten aufgezogen und die Helfer vom THW rücken zum Abschleppen aus, wenn mal wieder ein Lastzug auf der Autobahn im Schnee stecken geblieben ist.


Wobei, ein ganz kleines bisschen Sportwagen steckt doch im Mercedes-Benz 911: Als der Stuttgarter Nutzfahrzeughersteller im Jahre 1959 seine neue Kurzhauber-Lastwagen-Baureihe auf den Markt brachte, verpassten die Designer dem Kühlergrill die gleiche ovale Form wie bei dem 1954 erschienenen Sportcoupé 300 SL, dem legendären "Flügeltürer".

Als der Hilpoltsteiner Gerätewagen 1978 gebaut wurde, waren diese Kurzhauber-Lkw schon fast 20 Jahre auf dem Markt und bewährten sich als robuste Arbeitstiere rund um die ganze Welt. Und es sollten noch unzählige Exemplare folgen: Erst Mitte der 1990er Jahre endete die Produktion in Deutschland. In Südamerika wurde die Fertigung sogar über die Jahrtausendwende hinaus fortgesetzt.

Einfach nur der "AÖ"

In den vier Jahrzehnten seit der Erstzulassung im Juli 1978 hat das Hilpolsteiner Exemplar seine gesamte Dienstzeit am selben Ort verbracht. Zuerst als Teil des Bergungszuges, beladen mit Brecheisen, Hydraulikhebern und Elektrowerkzeug. Seit der Umstrukturierung des Technischen Hilfswerks im Jahre 1995 dient der blaue Wagen zur "Örtlichen Gefahrenabwehr Ölschaden" und ist etwa mit Auffangbehältern für umweltschädliche Flüssigkeiten, Dichtkissen und einer Pumpe beladen.

Bilderstrecke zum Thema

"Die großen Sieben": Laster-Legenden aus Deutschland

Nach dem Zweiten Weltkrieg und in der Zeit des Wirtschaftswunders war der Markt für schwere Lastwagen in Deutschland noch wesentlich vielfältiger als heute. "Die großen Sieben" der Nutzfahrzeugbranche trugen die Namen Büssing, Faun, Henschel, Krupp, Magirus-Deutz, MAN und Mercedes-Benz. Fünf davon sind heute vom Markt verschwunden. Dafür genießen die imposanten Laster der 1950er bis 1980er-Jahre heute Kultstatus, nicht nur bei Oldtimerfreunden.


Von der Abwehr von Ölschäden kommt auch der THW-interne Spitzname des Oldtimers: "Für uns ist das einfach nur der AÖ", erklärt Regensburger. An Bord verladen ist alles, was man braucht, wenn bei einem Unfall der Tank eines Fahrzeugs leckschlägt und Diesel ausläuft oder wenn Hochwasser Heizöltanks in privaten Kellern aufschwemmt.

"Wahnsinnig zuverlässig"

Viel gebraucht worden ist das betagte Fahrzeug noch nicht: Auf dem Tacho sind gerade einmal rund 25 200 Kilometer zusammengekommen, das meiste davon bei Übungen und Ausbildungsgängen. Alexander Regensburger, Ortsbeauftragter des Hilpoltsteiner THW, ist aber auch noch aus einem ganz anderen Grund sehr vom Oldie im Fuhrpark angetan: "Der ist wahnsinnig zuverlässig." Wenn doch einmal etwas kaputt geht, "bekommt man auch noch alle Ersatzteile her", freut sich Regensburger.

Und deswegen dürfte es noch eine Weile gemütlich weiter gehen, der Ortsbeauftragte jedenfalls wünscht sich so schnell keinen modernen Ersatz für den bewährten 911er: "Wir versuchen, den so lange wie möglich am Leben zu halten." 

MARTIN REGNER E-Mail

Seite drucken

Seite versenden



Um selbst einen Kommentar abgeben oder empfehlen zu können, müssen Sie sich einloggen oder sich zuvor registrieren

Ihr Kommentar

Ihr Kommentar:

Bitte beachten Sie unsere Netiquette.

weitere Meldungen aus: Hilpoltstein