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Bald wird man niemand mehr fragen können, der in der Weimarer Republik aufgewachsen ist. Allein schon Försters Familiengeschichte würde einen Band mit interessanten Geschichten füllen.
Beim Blättern in den zahlreichen Fotoalben gibt ein Stichwort das andere und sofort sprudelt es aus dem sympathischen Rothenburger nur so heraus: es sind Episoden aus einem reichen Leben wie es die heutige Generation bald nur noch vom Hörensagen oder aus Filmen kennt. Es müssen nicht immer die ganz spektakulären Ereignisse sein, sondern es hat gerade seinen Reiz etwas vom Alltag einer Generation zu erfahren, die im ersten Drittel des letzten Jahrhunderts geboren wurden.
„Interessiert des denn überhaupt jemand?“ fragt er skeptisch und bezweifelt, dass seine Lebensgeschichte für die Lokalzeitung taugt. Dabei zeigt sich schon nach kurzem Gespräch wie spannend und wertvoll die Geschichte dieses Rothenburgers aus der Kriegs-Generation ist. Die amerikanischen Gäste des English Conversation Clubs, den er jeden Mittwoch besucht, können ihr Glück gar nicht fassen, wenn sie seine authentischen Berichte hören und das auch noch in einwandfreiem Englisch!
Hineingeboren in die Weimarer Republik hat Robert Förster die Jugendjahre im Nationalsozialismus verbracht, den Krieg auf europäischen Schlachtfeldern erlebt und schließlich in der entbehrungsreichen Nachkriegszeit neu angefangen. Die Währungsreform, das Wirtschaftswunder, die Wiedervereinigung Deutschlands und die Europa-Union folgten.
Man hört fasziniert zu, wenn Robert Förster in seinem Haus am Schrannenplatz 5 beim Album-Sichten begeistert erzählt, Namen und Zahlen zu jedem Bild ebenso sofort parat hat wie viele Begebenheiten. Manche Rothenburger erinnern sich vielleicht an den Lehrer Wolfgang Meyer. Bei ihm in der Jakobsschule wurde der kleine Robert 1929 angemeldet, Montag bis Samstag war Unterricht.
„Nach den Hausaufgaben warteten die Kameraden auf dem Judenkirchhof und je nach Jahreszeit ging es zum Stachern ins Gelände oder auf die überdachte Stadtmauer. Im Sommer tobte man sich bei Fußballturnieren zwischen den Stadtmannschaften „Judenkirchhof“ gegen den „Sterngarten“ oder gegen „die Eich“ aus.
Die Winter waren damals noch schneereicher und Robert Förster schwärmt von den Schlittenfahrten, die vom Kellermann am Weißen Turm über den Judenkirchhof bis in die Klingengasse führten. Mit einem flachen Eisschlitten, den seine Großeltern 1889 von Amerika mitgebracht hatten, konnte er bei der Rasselbande ganz schön auftrumpfen.
Die vielversprechende neue politische Zeitrechnung begann 1933 und Robert trat zum Leidwesen seines Lehrers Ernst Keller, der ein Hitler-Gegner war, dem Deutschen Jungvolk als Pimpf bei. Uniform, Kameradschaftsgeist, Sport und Spiel kamen an bei der Jugend.
In seinen schriftlichen Aufzeichnungen ist die Rede von Lehrer Eugen Haas, der in der 7. und 8. Klasse das NS-Gedankengut nahebrachte und gegen die Pfarrer und noch in Rothenburg lebenden Juden hetzte. Die Klasse habe damals den Pfarrer Stahl so provoziert, dass der einen vorlauten Schüler zu Boden warf, was die Polizei auf den Plan rief und sogar Dekan Schober schaltete sich ein. Lehrer Haas aber, so weiß Robert Förster, „hat alle Lumpereien gegen die geistlichen Herrn gutgeheißen“.
Im Farbengeschäft von Georg Schopf fand Robert nach der Volksschulzeit 1937 eine kaufmännische Lehrstelle. Täglich elf Stunden Arbeitszeit waren normal, drei Abende in der Woche galt es Dienst in der Hitlerjugend zu leisten. Förster: „Dieses HJ-Theater hat uns ziemlich genervt, wir hatten mit 16 und 17 Jahren andere Sachen im Kopf“.
Da hieß es anzutreten zur Enthüllung einer Gedenktafel in der Röderbastei mit einem antijüdischen Spruch des Gauleiters Julius Streicher, der in Rothenburg öfter auftauchte. Das Mahnmal im Burggarten war einzuweihen, wo SA, SS und HJ aufmarschierten. „Trommelwirbel, Fanfaren, Reden und gespenstische Fackelbeleuchtung, die Hitlerbewegung liebte das Mystische“ erzählt Robert Förster und spricht von der Zeit, als einen an den Stadttoren jüdische Hetzkarikaturen empfingen.
Und an den Fußgängertürchen hingen Tafeln mit dem Hinweis, dass Rothenburg „judenfrei“ sei. Schon damals sind dem Hitlerjungen zunehmend Bedenken gekommen, wohin das alles führen soll. Immerhin gab es fünf Jungen in der Klasse, die nicht in der HJ waren.
Als dann 1938 Österreich „heim ins Reich“ geholt wurde, radelten Robert Förster und sein Freund Helmut Reichel nach Salzburg und Innsbruck. Und 1939 ging es mit seinem Arbeitskollegen Ernst Grombach per Rad ins Rheinland. Aber die noch unbeschwerte und sicher auch schöne Jugendzeit fand abrupt ein Ende.
Im September 1939 brach mit dem Einmarsch nach Polen der Zweite Weltkrieg aus. „Deshalb wurde die Gehilfenprüfung vorgezogen, die ich mit 1,7 bestand“, erfahren wir von Robert Förster, der noch ein weiteres Jahr für 64 Reichsmark monatlich bei bis zu 75 Wochenstunden arbeiten konnte, ehe er sich dann freiwillig zur Wehrmacht meldete:
„Ich war damals nicht der einzige, der befürchtete, der Krieg könne sonst vielleicht ohne einen schnell zu Ende gehen“, gibt der Rothenburger ehrlich zu. Zunächst ging es aber im Oktober 1940 zum Arbeitsdienst nach Zeilitzheim, wo das Schicksal es fügte, dass er dort seine spätere Frau Lina kennenlernte.
Nach einer Funker-Ausbildung rollten die Reichsbahnräder „für den Sieg“ im Mai 1941 vom Schweinfurter Güterbahnhof aus mit unbekanntem Ziel gen Osten. Robert Förster weiß noch genau: „Wir landeten an der polnisch-russischen Grenze und am 22. Juni 1941 hörten wir gegen 5 Uhr früh Artilleriefeuer, da war uns klar, dass der Krieg gegen Russland begonnen hat!“
Die Anfangserfolge waren groß, der Endsieg schien denkbar, in der Ukraine begrüßten viele die Soldaten als Befreier. Die schlimmsten Verbrechen wurden später hinter der Front unter anderem durch nachrückende SS-Einheiten, die das Gebiet „säuberten“, verübt und so für Hass sorgten.
Als junger Soldat war der Rothenburger in der Infanterie-Division 99 an der Einnahme von Kiew beteiligt, er setzte den Funkspruch „Kiew eingenommen“ ab. Die Wehrmachtseinheit gehörte zum Verband der 6. Armee, die später in Stalingrad unterging. Für den Funker Förster war es ein schicksalhafter Glücksfall, dass die Division aus dem Armeeverband herausgelöst und zu einer Gebirgsdivision umfunktioniert wurde.
So kam er unter anderem nach Hall in Tirol und es folgte sogar ein Heimaturlaub für den 19-Jährigen: „Da zeigte ich mich bei den jüngeren HJ-Kameraden als Gebirgsjäger-Gefreiter, der mit dem EK 2 dekoriert war!“ Später wurde er Unteroffizier. „Auf den Einsatz in Finnland habe ich mich dann sogar gefreut“, erinnert er sich.
„Spätestens seit Stalingrad ging es stets bergab, das Kriegsglück hatte sich gewendet und Hitlers Stern war am Untergehen“, heißt es in der Aufzeichnung. Die Truppe zog sich nach Narvik zurück, von wo die Soldaten nach der Kapitulation im Mai 1945 mit dem deutschen Frachtdampfer „Leuna“ über Trondheim Bremerhaven erreichten. Förster: „Der Kapitän hielt eine kurze Ansprache und ließ die Hakenkreuzfahne einholen“.
Auf Kohlewaggons erfolgte der Transport an den Rhein ins französische Gefangenlager Dietersheim. Manche dem Hungertod nahe Waffen-SS’ler retteten sich dadurch, dass sie sich zur Fremdenlegion anwerben ließen, viele kamen nie zurück. Andere zogen die Arbeit in einem lothringischen Bergwerk vor.
Noch in Norwegen hatte der Unteroffzier durch einen deutschen Piloten von der Bombardierung Rothenburgs gehört und war voller Sorge. Als er dann ins Lager nach Singen kam, konnte ihn dort seine Schwester Anneliese ausfindig machen und mitteilen, dass die Familie am Judenkirchhof wohlauf und das Haus unbeschädigt ist.
Nach einer abenteuerlichen Flucht, die ihn über das total ausgebombte Pforzheim (18.000 Tote) und Crailsheim führte (Förster: „Ein trostloser Anblick, Ruinen soweit das Auge reichte“) fuhr der entflohene Kriegsgefangene schließlich mit dem Bähnle von Dombühl kommend im Januar 1946 in Rothenburg ein. Alle Angehörigen waren zum Empfang anwesend und die Freude riesengroß.
Ironie der Geschichte, dass der amerikanische Entlassungsoffizier in Ansbach ein ehemals deutscher Jude namens Lewi gewesen ist. Im November 1946 heiratete der Kriegsheimkehrer seine Verlobte Lina. „Zum Festmahl haben wir einen US-Wintermantel beim Schäfer aus Kreuth gegen einen Hammel getauscht“, schmunzelt Robert Förster.
Sein Großvater war mit der Familie 1870 in die USA ausgewandert und als Lithograph tätig, aber schon 1889 zurückgekehrt, Vater Georg (Mitbegründer der Hans Sachser) ist 1883 in New York geboren. Die Idee, in der Heimatstadt eine Lithografieanstalt zu betreiben, scheiterte am frühen Tod Georg Försters. Die Großmutter heiratete dann Leonhard Kraft aus Leuzenbronn und man startete 1896 den Kutschereibetrieb, aus dem sich das Mietauto- und später das Taxigeschäft entwickelte.
„Mit einem alten Ford Eifel fing ich an und fuhr bis 1948 für Ämter und Doktoren, weil die Benzin-Bezugsscheine hatten. Nach der Währungsreform kaufte ich einen Mercedes 170 und die Flotte wuchs langsam“, berichtet Förster. Ohne die Kontakte zu einem US-Reisebüroagenten und die betuchten amerikanischen Gäste hätte es schlecht ausgesehen mit dem Aufschwung. Der US-Soldat John Cravens allerdings, der mit einem „Rothenburger Fräulein“ befreundet war, lieh sich einen Förster-Wagen und verschwand damit auf Nimmerwiedersehen!
Sein Kunde Mr. Ruegg dagegen ermöglichte ihm 1954 die Reise nach Amerika auf einem Frachter von Hamburg nach Boston, wo ihn seine Schwester Betty und ihr Mann Harry erwarteten. 1955 kam er an Bord des Luxusdampfers „SS United Staates“zurück, der heute noch als Museumsschiff existiert. Viel wäre noch zu erzählen, z.B. von interessanten Fahrgästen, darunter Luigi Malipiero vom Torturmtheater oder US-Präsidentschaftskandidat Barry Goldwater.
Der Neunzigjährige blickt dankbar auf sein reiches Leben zurück. „Wir hatten Angst gehabt, vielleicht noch zwanzig Jahre als Kriegsgefangene schmachten zu müssen, nach dem was wir als Deutsche alles angerichtet hatten!“, betont er und gibt an die Jugend den Rat, die lange Friedenszeit zu schätzen. Das Kriegserlebnis habe einen geläutert, sagt Robert Förster, der immer noch gerne hinterm Steuer sitzt und der die Geselligkeit im English-Conversation-Club genießt, wo schon viele staunende Amerikaner Zeit-Geschichte von ihm aus erster Hand erfahren haben.
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