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Burghausen: 500 Quadratmeter große Fläche wird zum Biotop

"Artenvielfalt in Abbaustellen": Projekt schafft neuen Lebensraum für seltene Tierarten - 25.11.2013 10:43 Uhr

Schäfer Rietz mit sechs seiner Gotland-Schafe.

Schäfer Rietz mit sechs seiner Gotland-Schafe. © Weber


"Artenvielfalt in Abbaustellen" nennt sich dieses Programm, bei dem landkreisweit etwas über 30 ehemalige Sand- und Mergelgruben, darunter in einem nächs­ten Schritt eine in Hornau, eine in Leutershausen und eine in Mönchsroth, zur neuen Heimat dieser speziellen Pflanzen- und Tierarten entwickelt werden sollen, bevor in weiteren Schritten die Zahl auf über 30 ausgebaut wird. "Sie meiden Humus und Dünger wie der Teufel das Weihwasser", betont Ulrich Meßlinger vom Büro für Naturschutzplanung und ökologische Studien und spielt damit auf diese spezielle Spezies an, die Bedingungen sucht, wie sie jetzt bei dem Projekt künstlich geschaffen werden.

Die ersten Schritte zur Biotopverbesserung in der Mergelgrube Burghausen sind jetzt unter Absprache mit ihm als Biologen, mit der Gemeinde Windelsbach und mit der Regierung von Mittelfranken unter Anleitung von Michael Körber vom Landschaftspflegeverband vollzogen worden. Ein Bagger war im Einsatz beim Anlegen kleiner Flachmulden. Sie sollen im Frühjahr Amphibien wie Fröschen, Kröten und Lurchen als Laichgewässer dienen und für neuen Artenreichtum sorgen.

Außerdem wurde Erde abgeschoben, um sogenannte Rohbodenstellen zu schaffen. Sie können zum Lebensraum seltener und bedrohter Arten aus Fauna und Flora werden wie etwa für Neuntöter, Zauneidechse und Bergzikade, Fuchs-Segge, wollköpfiger Kratzdistel und Großblütige Braunelle.

Ideale Bedingungen für Uferschwalben

An den Hängen der Mergelgrube tritt das Abbaumaterial zutage und darüber liegt – unterhalb der anstehenden Grasnarbe – ein festsandiger Streifen. Dieser Gürtel böte für die Uferschwalbe ideale Bedingungen. Der Vogel baut in solchen Bereichen gern Höhlen und staffiert sie mit seinen Nestern für die Nachwuchspflege aus. Früher waren diese und andere Pionierarten in naturnahen, ungestörten Flussauen zuhause, die heute bei uns kaum noch zu finden sind. Sand- und Mergelgruben sind in solchen Abschnitten in der Struktur sehr ähnlich. Nur muss eben ein bisschen nachgeholfen werden, um Bedingungen zu schaffen wie sie früher durch die reißende Strömung und durch die Dynamik von Flüssen und Bächen entstanden.

Unsere Eltern und Großeltern holten sich aus solchen Gruben Auffüllstoffe wie Sand, Mergel oder Lehm. Das geschah in solch kleinen Mengen und war mit so geringem Störpotenzial verbunden, dass sich hier viele seltene und bedrohte Arten ansiedeln konnten. Ein Großteil dieser Abbaustellen ist vor dem Hintergrund ihrer Bedeutung als Biotop unter Schutz gestellt und als „geschützter Land­schaftsbestandteil“ ausgewiesen worden.

Erhalt der biologischen Vielfalt

Zum Start des Programms kamen jetzt der Windelsbacher Bürgermeister Alfred Wolz, Andrea Kerskes und Dr. Stefan Böger von der Regierung von Mittelfranken, Biologe Meßlinger sowie vom Landschaftspflegeverband Projektzuständiger Michael Körber und Praktikantin Anna Schön in der nur noch rudimentär genutzten Burghausener Mergelgrube zusammen. Dies sei ein überaus wichtiger Baustein zum Erhalt der biologischen Vielfalt waren sich die fünf Sprecher einig. Das Projekt wird aus dem ELER-Fonds der Europäischen Union (Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raums) sowie vom Freistaat Bayern und vom Bezirk Mittelfranken gefördert. Der Landschaftspflegeverband hat die organisatorische Abwicklung übernommen.

Eine wichtige Funktion beim Artenvielfalt-Projekt in und an der Burghausener Mergelgrube hat Schäfer Matthias Rietz aus Habelsee mit seinen Gotland-Schafen. Die angrenzende Hutung ist relativ verwildert, muss gründlich vom Filz befreit und danach regelmäßig beweidet werden, damit sich dort die typische Fauna und Flora einer Magerrasenfläche wieder entwickeln kann.

Dafür sollen die Tiere von Schäfer Rietz sorgen. Gotland-Schafe sind klein bis mittelgroß. Sie gelten als genügsam, robust und wetterhart und stellen nur geringe Ansprüche an Fütterung und Haltung. Die Wolle dieser Pelzschafe ist silbergrau bis dunkelbraun. Sie wird vor allem für dicke Pullover und zur Filzherstellung verwendet.

Schäfer Rietz, von Hauptberuf Dekra-Mitarbeiter in Würzburg, ist einer von wenigen Gotlandschaf-Haltern in Deutschland. 300 Tiere mit dem typischen schwarzen Kopf und schwarzen Läufen gibt es insgesamt in unserem Land. 30 davon hat allein der Schäfer von Habelsee.

Vor Ort konnte Bürgermeister Alfred Wolz den Projektstart nutzen, um die Behörden- und Verbandsvertreter für ein besonderes Problem an der Mergelgrube zu sensibilisieren. Die Fläche oberhalb des Geländeabbruchs ist in Privatbesitz. Speziell nach Abbau von Mergel rutscht Material nach unten und es geht „Land verloren“. Die Eigentümer ärgert das verständlicherweise. Bisher war es für die Gemeinde nicht möglich, besagten Bereich in einem Dorferneuerungsverfahren unterzubringen und auf diesem Weg die Basis für einen Grundstückstausch oder einen Grundstückskauf zu schaffen, weil das Amt für ländliche Entwicklung sich in diesem Außenbereich für nicht zuständig erklärte.

Landschaftspflegeverband und Regierung von Mittelfranken signalisierten nun, es sei in diesem Fall durchaus vorstellbar, dass der Erwerb der Fläche durch die Gemeinde für ein solches Artenvielfaltprojekt mit einem Zuschuss gefördert werden könne. Bürgermeister Wolz, der sich dafür stark gemacht hat, dass die Gemeinde ihren Beitrag zum Biotop-Projekt leistet, würde sich freuen, wenn sich bei dem Projekt eine solche Lösung erzielen ließe: „Damit wäre uns sehr geholfen.“ 

ww

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