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Burgschauspiel: Chance auf große Bühne verpasst

Archiv-Artikel: Rothenburg hätte mit seinem Theater international durchstarten können - 12.10.2012 15:29 Uhr

Die älteren Rothenburger werden sich noch daran erinnern, dass ab 1953 im Burggarten und im Klosterareal schon einmal professionell Theater gespielt wurde. Damals war es der Regisseur und Schauspieler Erich Krempin, der sich in der Tauberstadt niederließ und mit einer Truppe junger Schauspieler aus den Schauspielschulen Hamburg und Bremen das Theaterprojekt mit idealistischer Gesinnung und aus Begeisterung für die mittelalterliche Stadt startete.

Priorats- und Klostergarten waren nach dem Krieg für Theater, Oper und Chöre genutzt.

Priorats- und Klostergarten waren nach dem Krieg für Theater, Oper und Chöre genutzt.


Über das Online-Archiv der Zeit fand sich nun ein Zeitschriftenartikel vom 4. August 1955 über die Gründung des „Kleinen Burgschauspiels in Rothenburg, der zeigt welche Wellen man damit geschlagen hatte. Sogar den damaligen US-Botschafter Conant habe die kleine Bühne mit ihren klassischen Schauspielen begeistert, heißt es.

„Über alle Maßen zierte sich jedoch der Rat der Stadt, den Burghof als Schauplatz freizugeben, so dass die erste Aufführung durch ein Verbot gefährdet schien“, erfährt man weiter aus dem Zeit-Artikel.

Achtköpfiges Ensemble

Ohne Anfangskapital, mit selbstgeschneiderten Kostümen und improvisierter Beleuchtung erarbeitete sich das achtköpfige Ensemble ein Repertoire von 25 meist klassischen Stücken, darunter auch Shakespeare und Kleist. Die Einnahmen teilte man sich, wobei die Anfangsgage bei monatlich 80 bis 100 Mark lag. Die Startbedingungen waren wohl noch deutlich schlechter als rund 53 Jahre später bei der Gründung des Topplertheaters, das ja ebenfalls im Klosterbereich spielt. Die Stadtoberen und der Rat sahen es damals wohl als ausreichend an mit den folkloristischen und traditionellen Angeboten versorgt zu sein, für ein Profi-Theater hatten nicht alle den Sinn.

Der Zeit-Autor von 1955 formulierte es so: „Während manch andere Stadt ein solches Theater mit Freuden gefördert hätte, wurden Krempin und sein Ensemble vom Rothenburger Stadtrat nur geduldet; nicht ein Pfennig von dem rund 48000 Mark-Etat, den Rothenburg für Fremdenverkehrswerbung ausgibt, wurde dem Burgschauspiel zuteil!“ Da hat sich der heutige Stadtrat erfreulich klar zum Topplertheater bekannt und nicht nur die Sanierung des Museumsnordhofes ermöglicht, sondern auch mit Zuschüssen und anderen Hilfen den nun ins sechste Jahr gehenden Spielbetrieb mit ermöglicht.

Auch die Sponsorensituation ist heute eine ganz andere, denn damals in der Nachkriegs- und Aufbauzeit hatten die Firmen und Privatleute noch ganz andere Sorgen. Aus dem Zeit-Artikel erfahren wir, dass im Sommer 1955 Goethes „Urfaust“ im Klosterhof aufgeführt wurde und das Ganze ein großer Erfolg war. Erst danach habe der Stadtrat dann überlegt, „ob es sich lohnt, vorerst einmalig 1500 Mark für Krempin auszuschütten“. Und sogar die Landesstiftung erkannte den Wert der Theater-Neugründung und trug 3000 Mark als Zuschuss bei, sofern die Stadt bereit ist ihren Obulus zu leisten.

Auch hier die Parallelität zur heutigen Situation: die Stadt sorgt mit einem entsprechenden Zuschuss für die Voraussetzung zur Aufnahme in die staatliche Theaterförderung, die für nächstes Jahr vom Topplertheater beantragt wird. Allerdings ging damals die Geschichte für Rothenburg und sein Kulturleben nicht gut aus. Schon die Zeit orakelte: „Vielleicht kommt die Unterstützung zu spät, denn gerade haben einflussreiche amerikanische Touristen sich erboten, für Krempin Verbindungen zu Theateragenturen in Amerika herzustellen, wo Darbietungen dieser Art – wenn auch nicht vor natürlichen Kulissen – gewiß ein dankbares Publikum finden würden.“

Wie bekannt fühlten sich die engagierten Theatermacher letztlich zu wenig unterstützt und geliebt, so dass sie ein gutes Angebot der Nachbar-Reichsstadt Dinkelsbühl annahmen und schon 1956 dorthin übersiedelten. Daraus entwickelte sich letztlich über Jahrzehnte das heutige Landestheater mit über 50 000 Besuchern und einem Jahresetat von mehr als 900 000 Euro. Den Grundstein dafür hatte Erich Krempin gelegt, den die Rothenburger in ihrer kurzsichtigen Betrachtungsweise ziehen ließen. Kurzsichtig auch deshalb, weil die Stadt damals schon bundesweit als Theaterort im Gespräch war, denn kein Geringerer als der große Regisseur und Schauspieler Paul Verhoeven hatte sich dafür stark gemacht in Rothenburg eine zentrale Bildungsstätte des Deutschen Schauspiels zu etablieren. Darüber berichtete 1948/49 die Zeitung (Verhoeven war bis 1948 Intendant des Bayerischen Staatsschauspiels München).

Rothenburg im Wiener Fresko

Dazu diskutierte man ernsthaft den Ausbau der Zehntscheune im Spitalviertel, Anfang der fünfziger Jahre kam dann sogar ein Neubau ins Gespräch. Das Projekt verlief mangels Geld und Fürsprecher wieder im Sande. Der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt, dass im Wiener Burgtheater als metergroßes Deckenfresko ein Werk von Ernst Klimt auf Rothenburg als Theaterort hinweist: es zeigt den Hanswurst, die derb-komische Gestalt der deutschsprachigen Stehgreifkomödie des 16. Jahrhunderts, auf dem St. Georgs-Brunnen am Markt. Das bunte Gemälde mit dem Rathaus im Hintergrund und Bürgern in prächtigen Kostümen davor (wir berichteten bereits ausführlich) dürfte um 1888 entstanden sein.

Dass Theater über die Jahrhunderte immer ein Thema war zeigen die Wanderbühnen oder die Gaukler, aber vor allem die Hans-Sachs-Spiele, die in Rothenburg neben dem Volksschauspiel „Der Meistertrunk“ das heutige Theaterangebot abrunden. Zu dem gehört ebenso die Winterspielsaison der Dinkelsbühler Landesbühne im Musiksaal. Vielleicht erinnert sich auch manch älterer Leser noch an die Burgschauspieler von damals. Auf dem Spielplan 1956 stand „Was ihr wollt“ von Shakes­peare, besetzt mit zwölf Schauspielern.

Die Darsteller in dieser Spielzeit: Herbert Leonhardt aus Hannover, Karl Günther Nöring aus Berlin, Heinz Horst Hofmann vom Schauspielhaus Hamburg, Wolfgang Rose von der Rendsburger Landesbühne, Wolfgang Werthenbach (Essener Folkwang-Schüler), Gerd Eichen vom Hebbeltheater Berlin und Jutta Maria Wolter aus Hamburg, die auch Requisiteuse war; ferner Gisela Korsholm vom Hamburger Schauspielhaus. Der Schlesier Ulrich Radke war ebenfalls in Hamburg ausgebildet worden und zeichnete auch für Technik und Bühnenbau verantwortlich.

Zwei Namen aber dürften den Rothenburgern noch besonders geläufig sein: zum einen der Gastronom Ernst Neupert, der nebenberuflich auf der Bühne stand und zum andern Eiju Koch, der damals schon als „einer der Veteranen des Burgschauspiels“ bezeichnet wurde. Er spielte jedes Rollenfach, vor allem auch Kabarett und war zugleich Werbeleiter und Oberbeleuchter wie es im Programmheft hieß.

Aber auch Regieambitionen hatte der vom Rundfunk Bremen kommende Schauspieler. Was Regisseur und Theatergründer Erich Krempin (der leider erkrankte und schon 1959 viel zu früh in einer Nürnberger Klinik starb, wie sogar das „Hamburger Abendblatt“ damals meldete) in seinem Vorwort ausdrückte, gilt auch heute für die Intendanz des Topplertheaters: Man zähle, so sagte der begnadete am Mannheimer Nationaltheater ausgebildete Regisseur, „allabendlich die Häupter der ins Haus strömenden Besucher“ und habe langsam Erfahrung, „welche Stücke ausverkaufte Häuser bringen und bei welchen die Schauspieler auf der Bühne in der Überzahl sind“.

Die Leute hätten genug Sorgen und wollten keine problematischen Stücke, Klassiker aber brächten fast nur Lehrer ins Theater. Letztlich aber gehe „nur derjenige zufrieden aus dem Theater, dessen Geschmack (oder Verdauung) gerade mit dem jeweiligen Theaterstück übereinstimmt“. Je größer die Theatergemeinde, desto spezieller dürfen auch die Bühnenangebote sein. Das was damals galt, trifft auch heute noch zu. 

diba

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