Dienstag, 25.09.2018

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Der springende Punkt

Konzeption "RothenburgMuseum" wirft Fragen auf - 10.09.2018 12:15 Uhr

Museumspfleger Dr. Karl-Heinz Schneider: "Fachlich fundiert vorgehen". © Schäfer


Sie wäre der über 80-jährigen Tradition der kulturellen Einrichtung geschuldet. Aber er wurde von der Mehrheitsentscheidung des Stadtrats überstimmt – auch von Mitgliedern seiner eigenen Fraktion.

Dr. Karl-Heinz Schneider hat nichts gegen Neuerungen. Im Gegenteil. Im Museumswesen kennt er sich  bestens aus. Viele Jahre hat er das von einer Stiftung getragene Mittelalterliche Kriminalmuseum geleitet, das größte Rechtskundemuseum in Deutschland, mit jährlich rund hunderttausend Besuchern. Von einer solchen Zahl kann der Leiter des Reichsstadtmuseums, Dr. Hellmuth Möhring, seit 1995 im Amt und seit 1990 Mitarbeiter, nur träumen. Dort beläuft sich das Aufkommen zwischen 16000 und 18000 Besuchern im Jahr.

Das Reichsstadtmuseum liegt in der Verantwortung der Stadt – seit Ende der 1930er Jahre die Bestände des Vereins Alt-Rothenburg "zwangsenteignet" wurden im Zuge der Gleichschaltung während der NS-Zeit. Das Museum ist hochdefizitär. Dieses Minus gibt es nicht erst seit jetzt und wird es auch in Zukunft geben. Der Verlust ist heuer mit 415000 Euro angesetzt und beinhaltet auch alle Kosten für Bau und Unterhalt. Er lag auch schon bei über 500000 Euro, was mit  einem hohen Investitionsbedarf zusammenhing, für den es jedoch Städ­te­baufördermittel gab.

Seit Jahresbeginn 2016 ist das Reichsstadtmuseum  dem Tourismus Service zugeordnet Die Mehrarbeit wurde Tourismusdirektor Dr. Jörg Christöphler versüßt mit einer Höhergruppierung in die nächste Gehaltsstufe. In seinem Einflussbereich hat er begonnen, den Problemfall Reichsstadtmuseum beherzt anzugehen durch eine inhaltliche Konzeption, die mehr Lebensnähe herstellen soll. Um mehr Besucher ins Haus zu holen, die sonst nicht kommen. Das ist grundsätzlich ein gutes Ansinnen. Die saisonale Reduzierung der Öffnungszeiten  aus Kostengründen ist kein Ausweg aus dem Dilemma, sondern lediglich "Schadensbegrenzung".

Auf jeden Fall bringt die "Frischzellenkur" wieder frischen Wind in die alten Gemäuer. "Dies ist zu begrüßen", sagt der Museumspfleger, der selbst Vorschläge zur Verbesserung der Qualität macht und sein Engagement einbringt. Seine Kritik entzündet sich an der Neubenennung des Museums im jetzigen Stadium. "Erst die Konzeption und dann der Begriff", wäre für ihn die richtige Reihenfolge gewesen.

In Sachen Priorität hätte er sich im Kulturausschuss und im Stadtrat gewünscht, dem er selbst angehört, "dass wir uns zunächst mit Inhalten intensiv auseinandersetzen", denn mit Visionen allein sei es nicht getan. Ihre volle Kraft entwickeln sie erst durch die Unterfütterung mit Fakten aus der qualitativen Forschungsarbeit, sagt er. "Das beinhaltet fachlich fundiertes Vorgehen und nicht nur Verkaufsgerede". Schlagworte müssen einer kritischen Betrachtung standhalten mit fundierter Fachkenntnis.

Die Argumentation, dass der Name Reichsstadtmuseum deutschen und ausländischen Gästen schwer zu vermitteln sei und mit dem Dritten Reich negativ in Verbindung gebracht werde, hält Dr. Karl-Heinz Schneider für "einen Krampf" und meint: "Selbst wenn dem so ist, besteht die ureigens­te Aufgabe eines Museums darin, Hintergründe herauszuarbeiten". Eine Aufarbeitung des Dritten Reiches habe er schon lange gefordert, "sie ist aber nie zustande gekommen".

Die Änderung des eingeführten Museumsnamens mache einen außerordentlichen Zeit- und Kostenaufwand nötig, kritisiert der Museumspfleger. „Die Summe von 10000 Euro ist viel zu niedrig angesetzt. Prospekte, Reiseführer, Internetplattformen, Anzeigen  müssen geändert werden – und zieht einen Rattenschwanz an Folgekosten nach sich, befürchtet er. In kunsthistorischen Büchern und anderen internationalen Publikationen ist das Reichsstadtmuseum als gut eingeführte Marke vertreten und werde mit der nun beschlossenen Namensänderung durchkreuzt. "Ich kann darüber nur den Kopf schütteln", sagt Dr. Karl-Heinz Schneider und fügt an: "Ein Museum hat andere Aufgaben als medienkonform und touristisch ausgerichtet zu sein". 

sis

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