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Dienstag, 23.10.2018

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Ein musikalischer Hochgenuss

Junge Meisterpianistin Dina Ivanova mit denkwürdigem Konzert auf Schloss Schillingsfürst - 09.10.2018 13:16 Uhr

Dina Ivanova begeistert am Flügel. © Grüber


Im Gepäck dabei immer eine Auswahl der hochkarätigsten Werke der Piano-Literatur. Neben höchstem, technischem Können und interpretorischem Anspruch runden die Räumlichkeiten im Schloss und der erst kürzlich beschaffte, hochwertige Flügel den Kunstgenuss ab. Das hat das Konzert des russischen Nachwuchstalents Dina Ivanova (24) bewiesen.

Der Abend begann magisch-romantisch. Hausherr Fürst Constantin zu Hohenlohe-Schillingsfürst begrüßte und Ruth Reuter überraschte die Zuhörer mit ihrem Vortrag des Gedichts "Auf dem Wasser zu singen" aus der Feder des Grafen Friedrich Leopold zu Stolberg-Stolberg (1750-1819).

Passend zu den Worten des Dichters "Über den Wipfeln des westlichen Haines/Winket uns freundlich der rötliche Schein" durchflutete ein in allen Farben glühender Sonnenuntergang das Musikzimmer. Dieses Gedicht hatte einst Franz Schubert so beeindruckt, dass er es als Kunstlied (D774) vertonte. Franz Liszt wiederum fertigte daraus eine seiner zahlreichen Transkriptionen (S.558), welche Dina Ivanova an den Anfang ihres Programms setzte. 

Große Verneigung

Derweil Stolberg-Schubert-Liszt unter den Händen von Dina Ivanova schicksalsergeben und schnörkellos das Haupt neigte vor dem unausweichlichen Gang der "wechselnden Zeit", senkte sich die Dämmerung über das Land vor den großen Fenstern des Schlosses.Tatsächlich sollten Stolbergs "wiegende Wellen" das heimliche Thema des Konzertabends werden.

Dina Ivanova führte ihre Zuhörer durch alle Frequenzen der Zeitenwellen: die Tageszeiten, die Jahreszeiten und den Kreislauf aus Entstehung und Entschwinden von Geistesepochen. Im Anschluss an den Sonnenuntergang wandte die Künstlerin sich hingebungsvoll den Geheimnissen und Zaubern der Nacht zu, welche Frédéric Chopin mit seinen beiden Nocturnes Op.27 Nr. 1 und 2 in der ersten Hälfte des 19. Jh. den geschickten Händen zukünftiger Interpreten anvertraut hatte.

Es wechselten Zeitalter und Jahreszeit. Mit Claude Debussy hielt der Impressionismus Einzug und mit seinem Prélude Le vent dans la plaine („Der Wind in der Ebene“, 3. Werk des ersten Präludienbandes) löste der frühe Herbst die lauen Sommernächte ab. Dina Ivanova ließ in glockenheller Brillanz erst den Wind leise warnend durchs Windspiel plänkeln, um mit eindrucksvoller Kraft den Herbststurm zu entfachen und zu guter Letzt wieder einschlafen zu lassen.

Flott den Jahreslauf durchmessend, schloss Dina Ivanova gewissermaßen das Silvesterfeuerwerk in Gestalt von Debussys Feux d’Artifice ("Feuerwerk", 12. Werk des zweiten Präludienbandes) an. Wieder lebte die junge Pianistin ihre Musik und wer wollte, durfte das Pfeifen und Knallen der Feuerwerkskörper aus ihrem Schwindel erregend virtuosen Vortrag heraushören.

Das Zeitenspiel des Konzerts erreichte seinen Höhepunkt. Die nächste Sequenz entführte in den Karneval, und zwar in ein Puppentheater auf dem Sankt Petersburger Fastnachtsjahrmarkt. Es treten keine gewöhnlichen Puppen auf, sondern lebendige, regelrechte Maschinenwesen, die ein Zauberer für sich arbeiten lässt. Eine dieser Puppen heißt "Petruschka", ebenso wie das folgende, expressionistische Werk Igor Strawinskys.

Die "Trois mouvements de Petrouchka" von Igor Strawinsky gelten als eines der schwierigsten Stücke der Klavierliteratur. Allerdings ließ Dina Ivanova den hohen Schwierigkeitsgrad des Stückes zu keinem Augenblick spüren. Über die drei Sätze des Werkes hinweg lieferten sich der Jahrmarkt und die Puppen einen sich zu aberwitzigen Tastensprüngen steigernden, hämmernden Reigen.

Die Zuhörer wurden förmlich hineingezogen in Überschwang und Leid des künstlichen Wesens Petruschka, das ganz offensichtlich hadert mit seinem Dasein und seiner Umwelt. Mit dem Schlussakkord brach das Puppenspiel zusammen und ließ den Zuhörer verstört zurück. Es ist nicht von der Hand zu weisen: mit diesem Stück spannte Dina Ivanova den Bogen bis in unsere Zeit und darüber hinaus.

Was zu Strawinskys Zeiten noch die künstlerische Idee für ein Klavierkonzert, eine Klaviersuite und ein surreales Ballett lieferte, ist heute bereits in den Horizont der technischen Möglichkeiten gerückt. Ein denkender und mit Bewusstsein ausgestatteter Roboter, dessen binäre Datenseele außerhalb seiner selbst, in der Cloud, den mechanischen Tod der Kreatur zu überleben im Stande ist.

Entfesselte Interpretation 

Nach der Pause zeigte Dina Ivanova den Zuhörern mit jeder Faser, wie nahe sie Tschaikowsky steht und welch vielschichtige Empfindungen sie auf Basis ihres technischen Könnens auf dem Klavier darzustellen weiß. Aus vier Sätzen baut sich die Große Sonate in G-Dur op. 37 auf. Die Interpretin begann das Stück selbstbewusst und elegant, um dann vom inneren Schmerz erst übermannt zu werden und anschließend in sanfter Ruhe wieder zu genesen.

Nach einem neckischem inneren Zwiegespräch im Scherzo entfesselte Dina Ivanova im Finale einen verblüffenden Wechsel von Stimmungen, die von kraftvoll stampfend, heiter singend, nachdenklich in sich gehend bis zu erschöpft niedersinkend reichten.

Als Zugabe erhielten die Gäste für ihren dankbaren Applaus eine ausgewachsene und mit unerhörter Spielfreude vorgetragene Ungarische Rhapsodie – die Nr. 10 – von Franz Liszt. Was wiederum mit stehenden Ovationen gefeiert wurde. Zu diesem Leckerbissen von einem Konzert war leider nur eine Handvoll Zuhörer versammelt. Schade. 

ug

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