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Handwerker mit Herz: Georg Krauß und die Klöppelkunst

Gebürtiger Schillingsfürster widmet seine Freizeit einer langen Tradition - 28.12.2017 15:11 Uhr

Georg Krauß an seiner Drehbank in der heimischen Werkstatt, wo er Klöppel mit Hülsen und Vierkantklöppel drechselt, die von den Lohrer Klöppel-Damen mit Freude für ihre Spitzenarbeiten verwendet werden. © Scheuenstuhl


Leise bullert der Ofen vor sich hin und sorgt für wohlige Wärme in der kleinen Werkstatt. Draußen vor dem Fenster ziehen sich währenddessen die grauen Wolken zu einem kurzen, aber heftigen Schneesturm zusammen. Holz verschiedenster Art und in unterschiedlichen Stadien der Verarbeitung nehmen die Arbeitsflächen in Beschlag. Auf wenigen Quadratmetern hat sich Georg Krauß, Jahrgang 1948, ein wahres Handwerkerparadies eingerichtet. Das Herzstück seiner Werkstatt ist seine sonnengelbe, halbautomatische Drehbank.

Dort verwandelt sich auch Stück für Stück eckigen Holzes in runde, formschöne Klöppel. Sein allererstes Exemplar hat er, so schätzt Georg Krauß, vor etwa 18 Jahren angefertigt. Er wollte einer klöppelbegeisterten Freundin seiner Frau eine Freude machen und wagte sich mit der Anfertigung einer Spule zur Spitzenherstellung einfach mal auf handwerkliches Neuland. Und da sich Freude bekanntlich verdoppelt wenn man sie teilt, kommen seitdem auch die anderen Lohrer Klöppeldamen in den Genuss der Klöppel "made in Schillingsfürst".

Mittlerweile habe er wohl schon mehr als 10000 der hölzernen Garnhalter für sie angefertigt, vermutet er. Zu seinem Repertoire zählen dabei sowohl Klöppel mit Hülse als auch Vierkantklöppel. Erstere haben den Vorteil, dass sich das Garn dank der Hülse nicht verheddert wenn die Spule sich beim Herunterhängen am Klöppelkissen um sich selbst dreht. Die Vierkantklöppel bleiben schon aufgrund ihrer Form genauso liegen wie es die Klöpplerin wünscht. "Die Grundform der Spulen ist aber immer gleich", erklärt Georg Krauß, dessen Klöppel standardmäßig elf Zentimeter lang sind. Beim zu verwendenden Holz gibt es hingegen fast keine Einschränkungen. Was er an Holz bekomme, werde verarbeitet, sagt er. Dennoch: "Hart- und Obsthölzer sind für Klöppel optimal", weiß der Experte.

Knapp drei Millimeter dünn

Fichte und Föhre hingegen eignen sich für das Drehen der Spulen, die an ihrer schmalsten Stelle – dort nämlich, wo das Garn aufliegt – nur knapp drei Millimeter dünn sind, weniger gut. Wegen ihrer weiten Jahresringe sei die Gefahr besonders groß, dass das Holz beim Bearbeiten an diesem neuralgischen Punkt bricht. Georg Krauß verwendet besonders große Sorgfalt darauf, dass die Klöppel keine scharfen Kanten haben, an denen das Garn später reißen könnte. Deshalb bearbeitet er jede Spule noch einmal von Hand mit Schleifpapier.

Innerhalb von etwa drei Minuten fertigt der versierte Holzwerker jeweils einen Klöppel an. Selbst wenn man noch die Zeit für das Zuschneiden der hölzernen Grundträger per Kreissäge hinzunimmt, kommt man auf eine Gesamtentstehungszeit von lediglich fünf bis acht Minuten. Der 69-Jährige übergibt seine Werkstücke stets in naturbelassenem Zustand an die Klöppel-Damen. Diese tragen dann eine Lackschicht auf die Klöppel auf, die nicht nur die Maserung des Holzes erst richtig zur Geltung bringt, sondern vor allem das Holz vor dem natürlichen Fettfilm der Hände schützt und sie dadurch länger ansehnlich und haltbar macht.

"Holz war schon immer meins", erinnert sich Georg Krauß. Während sein Vater als Maurer seine handwerkliche Ader auslebte, widmete er sich bereits im Volksschul-Alter dem Drechseln. Seine große Faszination für den pflanzlichen Werkstoff führte schließlich unweigerlich zur Zimmerer-Lehre bei der ortsansässigen Firma Kamleiter.

Entspannen an der Drehbank

Dachstühle, Balkone, Treppen – in seinem Berufsleben war vor allem gefragt, Holz zu Gebilde im großen Maßstab zu verarbeiten. Privat zog es ihn zeitlebens aber durchaus auch in die andere Richtung: "Je größer das 'Gestuddere', umso lieber ist es mir", betont Georg Krauß. Das Werkeln an der Drehbank wirke beruhigend auf ihn, gibt er zu – wohl auch, weil er sich dabei von einem ebenso einfachen wie sinnvollen Credo leiten lässt: "Wenn es mir nicht Spaß macht, werde ich es nicht machen!"

Dementsprechend hat er keine feste Zeiten, in denen er in seiner Werkstatt anzutreffen ist – auch wenn das Drechseln seiner Ansicht nach schon eher eine Winterarbeit ist. Doch bei aller persönlichen Freude an der Holzverarbeitung legt Georg Krauß großen Wert darauf, dass er nicht nur stur nach Vorgabe schafft: "Ich fertige erst etwas an, wenn ich weiß, zu welchem Zweck es dient." Denn ein wenig Ahnung sollte man schon davon haben, "was dahinter steckt", ist er überzeugt. Ebenso groß ist seine Lust, sich dabei auf Neues einzulassen.

Sein handwerkliches Geschick setzt der Schillingsfürster, der ebenso gerne Modellautos und -flieger bastelt, auch auf andere Weise für das Wohl seiner Mitbürger ein. So stammen etwa die bunten, ausgesägten Holzbuchstaben und Holzigel, die den Eigangsbereich des hiesigen "Stupflnests" (Kleinkindbetreuung) zieren, aus seiner Werkstatt.

Fast in Vergessenheit geraten

Darüber hinaus steht er zweimal pro Woche beim Jugendtreff der Evangelischen Jugendsozialarbeit (EJSA) den jungen Besuchern mit Rat und Tat zur Seite und hilft etwa beim Löten oder bringt die gespendeten Computer wieder in Schuss. Sein liebster Werkstoff ist und bleibt aber Holz und seine Paradedisziplin: das fast schon in Vergessenheit geratene Holzstammbohren nach alter Väter Sitte. Georg Krauß ist also gleich in doppelter Hinsicht ein Bewahrer alter Handwerkskunst. 

mes

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