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Historischer Rückblick: Altbau in der Bodelschwinghstraße fällt

949 von Evangelischer Werkshilfe errichtet – Die AEG zog 1961 ein  - 18.03.2016 18:00 Uhr

Letztes Bild des Gebäudes in voller Größe. Inzwischen sind Teile schon abgebrochen.

Letztes Bild des Gebäudes in voller Größe. Inzwischen sind Teile schon abgebrochen. © Weber


Lange Räume zu beiden Seiten des Flurs ziehen sich im Erdgeschoss über gut die Hälfte des gesamten Gebäudes. Sie stoßen am westlichen Ende aneinander. "Bis hier Rauchen verboten" heißt es auf einem Schild am Ausgang des Produktionsbereichs rot auf weiß. Hier ist einst unverkennbar die Nachkriegszeit auf das Wirtschaftswunder getroffen.

"Kinderübergabe"

Übriggeblieben aus dieser Epoche sind – nachdem schon in den 60er Jahren in die neuen Werkhallen umgezogen wurde – zweiflüglige graue Holztüren, ein Sicherungskasten in Kopfhöhe, unter Fensterbretthöhe verlaufende Versorgungskanäle fürs Elektrische mit Steckdosen in den Arbeitsbereichen, Rammleisten auf Hüfthöhe, zwei mit rotem Kreuz versehene graue Überzüge für Krankentragen, lange Neonröhrenschienen an der Decke, roher Estrichboden und im gelblichen Ton gestrichene Wände mit gen Decke immer bräunlicher werdender Patina.

Im Flur daneben: doppelflüglige Aufzug-Türen aus Metall in hellem Grau mit den obligatorischen Sichtschlitzen. Daneben hängt die schwarze Werksirene. Ein paar Schritte weiter findet sich der Abgang in den Keller. Ein Schild an der Tür mit rotem Blitz und schwarzer Schrift auf gelbem Feld mahnt zum Abstand. Text: "Prüffeld – Zutritt für Unbefugte verboten".

In Richtung Eingang liegt ein Raum, der für anderes genutzt wurde: "Kinderübergabe" heißt es auf einem Schild an der Tür. Hier wurde der Nachwuchs der Arbeiterinnen betreut und konnte zum Schichtwechsel gebracht oder abgeholt werden. An den Wänden hängen noch ein paar phantasievoll gestaltete Kindergemälde und schmuddlige Bahnen Schallschutz.

Rasanter Personalanstieg

Das Erdgeschoss ist damals, Anfang der 60er Jahre, Schauplatz des Produktionsbeginn mit den ersten Geräten gewesen. Am 15. Mai 1961 haben hier die ersten fünf Arbeiterinnen des Rothenburger Elektrogerätewerks ihre Tätigkeit aufgenommen. Kollektormotoren für einen Metall-Fön wurden in der Urzelle dieser "Produktion von der Tauber" zusammengesetzt.

Damals, in der Gründungsphase des Industriebetriebs vor den Toren der Altstadt, stieg der Personalstand rasant. Schon Ende des Monats waren 29 Mitarbeiter erreicht. Anfang September wurde die Montage des Kunststoff-Föns aufgenommen, Anfang Dezember die Montage des Stielbrotrösters. Zum Jahresende betrug der Personalstand 87. Gleich zu Beginn 1962 kommt mit der Montage des Metallföns ein weiterer Bereich hinzu.

Blick in einen der beiden Produktionstrakte, der zuletzt nur noch als Abstellraum genutzt wurde.

Blick in einen der beiden Produktionstrakte, der zuletzt nur noch als Abstellraum genutzt wurde. © Weber


Kurz vor Mitte März wurde östlich des Altbaus mit dem Errichten der Stahlkonstruktion für die großen, modernen Werkhallen begonnen. Auf prominentem Grund: Jener Teil der von der AEG erworbenen 96.000 Quadratmeter diente beim 1960 erschienenen Kinofilm "Gustav Adolfs Page" mit Curd Jürgens und Liselotte Pulver als Drehort. Kulissen für ein großes Kriegslager waren dort aufgebaut und vermittelten die Illusion eines unmittelbar zum Sturm auf die alte Stadt ansetzenden Heeres.

Dynamische Entwicklung

Kurz vor Mitte April 1962 kommt im AEG-Altbau die Montage des Automatic-Toasters hinzu. Ein paar Tage später gibt es im dort eingerichteten Speisesaal erstmals warmes Mittagessen. Neu im Juli: die frisch gegründete Werkfeuerwehr. Im August folgen die ersten Betriebsratswahlen, im September das Richtfest im Hospiz für die neue Werkhalle und wenige Tage später der Start der "Ventiofen"-Montage (Ofen mit eingebauten Ventilatoren). Die Entwicklung des Rothenburger AEG-Werks nimmt damals innerhalb kurzer Zeit weitere Dynamik auf.

Ende Oktober führt das Unternehmen erste Gespräche mit der Gemeinnützigen Bayerischen Wohnungsbaugesellschaft zur Errichtung von Wohnblöcken mit 48 Parzellen an der Erlbacher Straße. Personalstand zum Jahres­ende: 166. Erste Record-Herde verlassen im Januar 1963 das eine Fertigungsband im Altbau und zwei Tage später im (ersten) Waggon den Rothenburger Bahnhof.

Anfang Februar wird an einem zweiten Fertigungsband die Schlagzahl erhöht. Auf das Werk werden Sattelzug-Maschinen und ein erster Kleinbus zugelassen. Im Juni läuft die Produktion der ers­ten Deluxe-Herde an und im gleichen Monat zieht die Verwaltung in den Neubau um. Im September kann bereits die Montage des 100.000sten Herdes verkündet werden.

Vor der Kulisse der Altstadt: Die 50 Tonnen schwere Brechmaschine wird fertig gemacht und in Stellung gebracht.

Vor der Kulisse der Altstadt: Die 50 Tonnen schwere Brechmaschine wird fertig gemacht und in Stellung gebracht. © Weber


Im August 1964 wird auch die Herdfertigung in den Neubau verlagert. Der Altbau wird immer weniger und schließlich gar nicht mehr gebraucht, nur noch bei Bedarf als Abstellmöglichkeit genutzt. Ein paar übrige Schreibtische verlieren sich im Montagebereich, als wir uns jetzt im Gebäude umsahen, bevor es ausgeschlachtet wurde.

In Rothenburg ist vielfach zu hören, der AEG-Altbau sei ein Gebäude des Reichsarbeitsdienstes gewesen. Das trifft aber nicht zu. Der Arbeitsdienst war vielmehr in der Topplerschule (Topplerweg 15) untergebracht und residierte dort unter dem bezeichnenden Begriff "Herzog Friedrich von Rothenburg".

Zweifelsfrei ein Nachkriegsbau

Die alte Mär Stadtarchivarin Angelika Tarokic: "Auf dem Stadtplan des Adressbuchs 1941 ist nur die zur Leonhardshöhe führende Straße ohne Namen und Bebauung angegeben." Möglicherweise speist sich die Mär mit dem Reichsarbeitsdienst aus dem Baustil des Gebäudes. Er ist mit dem der 20er und 30er Jahre identisch. Das erste Adressbuch nach der NS-Zeit stammt von 1949.

Hier taucht zum ersten Mal die Bodelschwinghstraße und die Hausnummer 1 mit "Schwerkriegsgeschädigten Umschulungswerkstätten" auf. Dort waren die Schwerversehrten-Umschulungswerkstätten des Evangelischen Hilfswerks untergebracht. Als Beweis gibt es sogar ein Dokument mit bewegten Bildern. Darin wird eine Szene vom Bau des Hauses im Jahre 1949 geschildert. Das Gebäude ist also ganz zweifelsfrei ein Nachkriegsbau. Neun Jahre lang, bis 1958, dauerte die Periode mit der oben genannten Nutzung.

1959 wechselt das Gebäude dann zu den Rummelsberger Anstalten der Inneren Mission. Es finden sich Angaben von Erziehern, Heimleitern und Lehrern, die auf ein Kinder- und Jugendheim beziehungsweise Internat schließen lassen. Ab 1963 erscheint dann endgültig die AEG, die ja schon zwei Jahre vorher eingezogen war, als Besitzer. 

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