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Kabarett in Rothenburg: Im Fegefeuer der Wahrheit

Kulturkritik: Ein volles Haus hingerissen von Hagen Rether - 02.05.2012 12:21 Uhr

Rothenburg  - „Schalömchen, schön warm“, begrüßte in der voll be­setzten Korn-Halle Kabarettist Hagen Rether sein ob der hochsommerlichen Haustemperatur gleichsam vor­ge­glühtes Publikum. Doch das war noch gar nichts: Es folgte eine über drei­stündige geistige Reinigung, ein mentales Fegefeuer, gegen das eine indianische Schwitzhütte ein Ort zum Frösteln ist.

Begeisterte das Publikum in der Rothenburger Kornhalle: Der Kabarettist Hagen Rether.
Begeisterte das Publikum in der Rothenburger Kornhalle: Der Kabarettist Hagen Rether.
Foto: Fränkischer Anzeiger
Begeisterte das Publikum in der Rothenburger Kornhalle: Der Kabarettist Hagen Rether.
Begeisterte das Publikum in der Rothenburger Kornhalle: Der Kabarettist Hagen Rether.
Foto: Fränkischer Anzeiger

Was Hagen Rether, der eigentlich Siegfried heißen sollte ob seiner Hochbegabung zum Lügendrachentöten, als letzter Programm-Hochkaräter vor der Sommerpause bei Korn aufführte, war eine nachbrennende Medizin gegen jegliche Versuchung zur Selbstgerechtigkeit.

Der Pfad zum Gutmenschen scheint dschungelartig undurchdringlich. Kaum gibt die Machete des Willens zur Macht den Weg frei, fällt man in eine Schnäppchengrube, wird sich selbst zum Opfer an der Vorspiegelung falscher Tatsachen oder verwundet von einem eigenhändig verschossenen Upgrade-Pfeil. Denn laut Ret­her bergen wir selbst genau jene „Gut­tenbergwulffe“, die wir wutbürgerisch hetzjagen als Offenbarungen von Sündenregistern, die zu haben wir uns selbst nicht eingestehen. Warum sollen Politiker besser sein als Menschen? „Das ist nicht lustig – nur ein bisschen“, sagt der Mann im hellen Anzug mit traurigem Blick, wenn die Reihen prus­­tend aufglucksen.

Aus dem Zerrspiegel zurück in die Realität

Ein weites Feld, ein zu weites Feld? Nicht für einen Mann wie den 1969 gebürtigen Bukarester und Wahl-Essener, der die Welt aus dem medial aufgestellten Zerrspiegel zurück in die Realität holt. Er putzt nicht nur mit Tuch und Ökoreiniger den Flügel, auf dem seine gelben Vegi-Bifis liegen, wäh­rend er ein Vorurteil nach dem anderen zergliedert nach allen Regeln der Denkkunst – er poliert dabei auch sein und unser Herz mit steter unterschwelliger Empathie, die sein Charisma ausmacht.

„Liebe“ heißt sein Programm nicht nur, sie diktiert es ihm als Dreh- und Angelpunkt. Denn Hagen Ret­her ist ein Men­schen­liebhaber trotz all der „Dreck­säcke“, die „bis zum Hals in den Scherben des Kapitalismus’ stecken“, trotz des „Wohlstands, der auf Leichenbergen“ stehe und einer Rechts­sprechung, in der „Eigentumsdelikte härter geahndet werden als Personaldelikte“. Er glaubt offensichtlich an die Aufklärung als Heil­mittel, hält es mit Kant: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“. Oh, der Verstand! Seine Katze liebevoll besorgt zum Tierarzt zu bringen, danach gierig eine dicke Wurst zu schlingen, das sei nicht wirklich schlüssig. „Nun ja, die Wurst hat eben kein Fell“, mutmaßt der vielfach für sein Können Preisgekrönte.

Bissige Politikerschelte


Seine Medienreporte sind entwaffnend komisch. Da habe er gelesen, dass die FDP Klientel-Politik mache. „Von jeder Partei hätte ich das erwartet, aber von der doch nicht!“. Von Präsident Obama spricht er fast weh­mü­tig, als gebe es ihn nicht mehr lange an der Spitze des vom Vorgänger so tief ge­schädigten Staates. „Noch vier Jahre Bush und die Amerikaner wären über die Grenze nach Mexiko geflohen – da haben die Mexikaner aber mächtig Schwein gehabt!“, blickt er zurück. Und täglich grüßt der „Ablenkungsschwachsinn“ von der verlässlichen Zeckengefahrmeldung ab Mitte Mai bis zum stets gleichen Talkshowgast, der wohl gleich mitsamt des Sessels zur praktischeren Verladung gezüchtet werde. Es grassierten die„Phantomdiskussionen“.

Apropos grassieren: Grass habe sein unsägliches Gedicht ja zum Glück mit „letzter Tinte“ geschrieben, aber „am Ende fängt der noch mit Bleistift an“, sorgt er sich. Den Flügel betätigte Rether selten, aber expressiv. Das Wort hatte Vorrang. Am Ende fragte er: „Wissen Sie, warum ich so lang spiel? Weil ich’s kann!“ Yes, you can! 

bhi


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