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Mit gutem Gewissen: Kakaoverkostung im Weltladen

Ökologie und Fairness auf dem Weg von der Kakaobohne zur Schokolade - 28.09.2017 12:16 Uhr

Kakao einmal anders: Rege wurde das Angebot zur süßen Verkostung angenommen. © Scheuenstuhl


Sein Schicksalsschlag, der den Ausschlag für die Gründung des Vereins "Frederic – Hilfe für Peru" gab, rührte an und machte deutlich, dass wir in der globalisierten Welt auf vielfältige Weise bewusst, viel öfter aber unbewusst, mit Menschen in aller Herren Länder verbunden sind – etwa wenn jemand auf einem anderen Kontinent sich mit einfachsten Mitteln aufarbeitet, damit wir uns etwa die Süße der Schokolade auf der Zunge zergehen lassen können. Der Verein trägt den Namen von Wielgoss’ Bruder, der vor fast 20 Jahren im Urlaub in Peru verunglückte. Durch diese Tragödie wandelte sich der Anden-Staat für Familie Wielgoss von einem weißen Fleck auf der Landkarte zu einer Art Sehnsuchtsort. Bei ihren wiederholten Besuchen kamen sie auch in Kontakt mit der einheimischen Bevölkerung.

Familie Wielgoss verwendete einen Teil des Geldes von einem für sie eingerichteten Spendenkonto, um deren Lebenssituation ein klein wenig zu verbessern. Somit war der Grundstein für den Verein "Frederic – Hilfe für Peru" gelegt. Mittlerweile tragen 150 Mitglieder dazu bei, dass peruanische Kleinbauern im Bergregenwald der Region Medio Urubamba gefördert und unter anderem im ökologischen Landbau ausgebildet werden. Auf diese Weise lässt sich nicht nur das Einkommen der Einheimischen verbessern, es trägt auch zum Schutz dieses besonderen Ökosystems bei. Dass Pflanzen- und Tierwelt des Bergregenwalds bis dato durch den Kakao-Anbau arg in Mitleidenschaft gezogen wurden liege nicht etwa an einer böswilligen Rücksichtslosigkeit der dortigen Kleinbauern, erklärte Dr. Arno Wielgoss.

Hochpreisige Gewürze

Der Schaden an der Natur sei schlicht auf Unwissenheit zurückzuführen, denn die Kleinbauern sind auf der Suche nach Zugang zu Wasser vom Hochland in den Regenwald, also in ein ihnen nicht vertrautes Ökosystem, eingewandert. Um das neue Stück Land urbar für den Anbau zu machen, wurde stets radikal alles abgeholzt. Dadurch fehlt aber das schützende Blätterdach und die Sonne scheint direkt auf die Saat. Zudem fehlen die Wurzeln, um den Boden festzuhalten – auf schrägen Flächen werden dadurch Asche und Humus mitsamt ­ihren Nährstoffen weggeschwemmt.

Ebenfalls ökologisch verheerend ist der monokulturelle Anbau von Kakao, da sich dadurch Insektenschädlinge und Pilzkrankheiten rasch und ungehindert ausbreiten können. Ein Pfeiler der Ausbildung der Kleinbauern setzt deshalb darauf, neben Kakao auch weitere Nutzpflanzen sowie hochpreisige Gewürze anzubauen. Somit verbessere sich die Selbstversorgungslage der Bauern und es könne ganzjährig ein Einkommen generiert werden, erklärte der Agrarökologe. Man konnte auch feststellen, dass die Kakaofrüchte nun deutlich gesünder sind und gleichzeitig weniger Geld für Spritzmittel ausgegeben wurde. Doch wenn man sich schon so für einen ökologisch-nachhaltigen Kakao-Anbau einsetzt, möchte man auch dementsprechend beim Verkauf entlohnt werden, legte Dr. Arno Wielgoss die Hoffnungen der Kleinbauern dar.

Köstlichkeiten an Ort und Stelle testen

Die Realität sieht aber anders aus. Da Kakao lange gelagert werden kann, ist er sehr spekulationsanfällig. Schnelle und starke Sprünge im Weltmarktpreis sind die Regel. Die Kleinbauern bekommen davon meist nur die Ausschläge nach unten mit. Für Dr. Arno Wielgoss und seine Mitstreiter ist dies eine unzumutbare Situation und so wurde eine Kakaokooperative gegründet. Kurz darauf holte er seine Kollegin mit ins Boot und rief das Unternehmen "Perú Puro" ins Leben, das ohne Zwischenhändler, den ökologisch angebauten und hochwertigen Bio-Edelkakao der Kleinbauern- Kooperative importiert. 2015 erreichten die ersten 500 Kilogramm peruanischen Kakaos Deutschland. Bislang können daraus vier Produkte (alle in bio-Qualität) angeboten werden, die etwa auch im Rothenburger Weltladen zu finden sind: Kakaobohnen geröstet, Kakaobohnen roh fermentiert, Kakaonibs geröstet und ein Kakaoschalentee.

Die Zuhörer des Vortrags durften die kleinen Köstlichkeiten an Ort und Stelle gleich testen. Und der nächste Meilenstein kündigt sich bereits an: Im November soll es endlich die erste Schokolade aus den Kakaobohnen der Kooperative geben. Da Kakao normalerweise nur in relativ großen Mengen zu Schokolade verarbeitet wird, sind die Kosten für eine kleinere Produktion beinahe unerschwinglich. Dr. Arno Wielgoss ließ sich auch davon nicht abschrecken. Er fand einen Chocolatier, der den peruanischen Urkakao verarbeiten würde und rief Gleichgesinnte per Crowdfunding – also einer Art Spendensammlung im Internet – auf, sich an dem Projekt zu beteiligen.

Mit erstaunlichem Erfolg: So waren die zur Deckung der Kosten benötigten 25.000 Euro bereits nach zehn Tagen erreicht. Am Ende des festgesetzten Spendenzeitraums von sechs Wochen sind 51.000 Euro zusammengekommen. 

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