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Rechte Umtriebe in der Mitte der Gesellschaft

Birgit Mair verdeutlichte in Rothenburg die Gefahren der Neonazis - 23.04.2013 19:50 Uhr

Viele Menschen kamen nach Rothenburg, um einen Vortrag über die Gefahren der Neonazis in Franken anzuhören. © Fränkischer Anzeiger


Das Evangelische Bildungswerk Rothenburg hatte zusammen mit der evangelischen Tagungsstätte Wildbad zum Informationsabend mit dem Thema „Neonazismus und Rassismus in Franken und Handlungsstrategien dagegen“ am Freitagabend in den Theatersaal eingeladen. Pfarrer Dr. Oliver Gußmann und Hausherr Pfarrer Herbert Dersch freuten sich über einen mit gut 130 interessierten Besuchern gefüllten Saal.

Mit der Ankündigung, dass „Personen, die durch antisemitische, rassistische oder nationalistische Äußerungen in Erscheinung getreten sind“ der Zutritt verwehrt wird, machte man gleich vor der Eingangstüre ernst. Dort begehrten zwei NPDler als Zuhörer Einlass und zwar der Kreisvorsitzende Maik Langen sowie ein weiteres Vorstandsmitglied aus Schillingsfürst.

„Wir wollten nur zuhören“, bedauerten die Parteivertreter die Entscheidung, wobei der in Lohr wohnende Kreisvorsitzende (der die letzte Stadtratssitzung besucht hatte) nicht verstehen will, warum man „nicht bereit ist mit uns wenigstens mal in Ruhe zu reden“.

Ausgrenzung

Die Referentin freilich wusste schnell zu erläutern warum: sie hält prinzipiell alle NPD-Mitglieder für so rechtsradikal gesinnt, dass man sie am besten aus der Gesellschaft ausschließt. Es sei belegbar, dass ein Drittel aller Parteifunktionäre wegen Beteiligung an Gewalttaten verurteilt wurde.

Von einer ausreichenden Distanzierung oder klaren Abgrenzung zu den gefährlichen Kameradschaften und „Kampfgemeinschaften“ könne keine Rede sein. Zweiflern an dieser These empfiehlt Birgit Mair den Blick ins Internet, wo man nicht zuletzt auf Youtube zahlreiche entlarvende NPD-Filme mit entsprechenden rassistischen und antidemokratischen Aussagen finde. Da könne sich jeder ein Bild machen, welch extreme Position der 2003 nach Schillingsfürst bzw. Altengreuth gezogene Liederbarde Frank Rennicke vertritt, der zur Zeit in der Oberpfalz wohnt.

Namentlich nannte die Referentin auch den Rothenburger Geschäftsmann Marco Reeb, der früher für die NPD kandidiert habe und somit eine „Person des öffentlichen Lebens“ sei. Reeb war wie bekannt einige Zeit Vorsitzender der Rothenburger Einzelhandels-Werbegemeinschaft und in dieser Tätigkeit durchaus anerkannt.

Heute noch beklagen manche, „dass man ihn damals ausgebootet hat bloß weil er NPD-Mann ist“ (so nicht nur eine Einzelmeinung gegenüber der Presse!). Dass nun mit Alexander Neidlein, 38, auch noch der dieses Jahr neu gewählte württembergische NPD-Landesvorsitzende vor den Toren Rothenburgs in Gastenfelden wohnt, zeige wie sehr man den ländlichen Raum in diesen Kreisen schätze, auch eventuell als Rückzugsgebiet für Aktionen.

Ländlicher Raum als Rückzugsort missbraucht

Gleich zu Beginn stellte die Diplom-Sozialwirtin und Buchautorin historische Zusammenhänge her und verwies darauf, dass Franken schon 1928 mit 8,1 Prozent der Stimmen sowie im März 1932 Rothenburg mit 87,5 Prozent Wählerstimmen für die NSDAP Spitzenreiter war. Auch dass ein Wilhelm Stegmann seinen Sitz auf dem Gutshof in Schillingsfürst als Gegenspieler zu Gauleiter und Judenhasser Julius Streicher hatte, gäbe zu denken, wenn sich heute wieder Rechtsextreme hier niederlassen.

Erschreckend seien die Fakten, wenn man sehe, dass seit 1990 durch rechte Gewalt in Deutschland 183 Menschen getötet wurden. Rassistische Einstellungen seien verbreitet und zwei Gewalttaten müsse man statistisch pro Tag ansetzen. Antisemitismus finde sich leider nicht nur am extremen rechten Rand, sondern auch „mitten in der Gesellschaft“. Die These, dass die Juden die Welt beherrschten und an allen Kapitalismus-Auswüchsen schuld seien, geisterten durch die Köpfe und tauchten unter Stammtischparolen auf.

Die Neonazis hätten sich ihre eigene Welt aufgebaut, zu der die Musik ebenso gehöre wie manch esoterische Betrachtung oder der Germanenkult. Anhand mehrerer Beispiele auf der Leinwand erläuterte Birgit Mair die hintergründige Symbolik der Rechten, die sich auch in der Kleidung ausdrücke.

Einschüchterungsversuche

Wer sich gegen die Rechtsextremisten engagiere, werde oft eingeschüchtert, auch Autos könnten dabei mal beschädigt werden. Den Zuhörern wurde nochmals in Bildern die schreckliche NSU-Mordserie vor Augen geführt, die ihren Ausgang in der fränkischen Metropole Nürnberg genommen hat. Birgit Mair sieht die Rolle des Verfassungsschutzes bei den Ermittlungen sehr kritisch.

Erfreulich sei in dieser Ausgangslage der zunehmend einhellige Widerstand gegen die Rechten in Form von breiten Bürgerbündnissen ohne jegliche Ausgrenzung. Selbst mit antifaschistischen Gruppen, die einem nicht immer gefielen, sei im Interesse der Sache zusammenzuarbeiten. Bamberg, Weißenburg, Coburg, aber auch Ansbach und Würzburg sind Städte, die sich erfolgreich über Bürgerinitiativen oder die Allianz gegen Rechtsextremismus wehrten.

Lokalverbot gefordert

In der Gastronomie gelte es die Rechten draußen zu halten, vor Schulhöfen würde oftmals agitiert und illegale Musikträger verteilt. Auch Vereine und Organisationen sollten entsprechend verfahren. Sie könne sich nicht vorstellen, dass ihr z.B. in einem Notfall ein Rechtsextremer als Rotkreuzhelfer beistehe, meinte Birgit Mair. Sie forderte zur Solidarität der Demokraten auf, wobei man aus Netzwerken die nötige Stärke und Kraft schöpfe. Gerade jetzt zum 1. Mai seien wieder Aktionen der NPD zu erwarten, wozu auch „Nationale Frankentage“ gehörten.

„Die Realität ist nicht so wie sie sich die Neonazis herbeihalluzinieren“, stellte die Rednerin zu den rechten Polit-Thesen fest, die den Bürger verunsichern sollen (z.B. wenn von folgenreicher Überfremdung oder Islamisierung die Rede ist). Die Zeiten der Glatzen und Springerstiefel seien vorbei, heute würden Neonazis durchaus freundlich auftreten und Frauen vorschicken, wenn es um Immobilienkäufe geht.

Diskussion: Auf derselben Stufe?

In der Diskussion wurde nachgehakt unter anderem zur Rolle des Verfassungsschutzes. Und ein Teilnehmer warnte davor „im Gegner keine Menschen zu sehen, sonst stehen wir auf derselben Stufe wie die!“ Esoterik und die Frage wie man Linksradikale bewertet waren Themen, wobei Birgit Mair links und rechts nicht in einen Topf werfen möchte, sondern die Rechten als die größere, aktuelle Gefahr sieht.

Die Referentin plädiert deshalb für ein Ausgrenzen „aus dem öffentlichen sozialen Raum“ und möchte auch nicht „mit einem Funktionär in einem Gasthaus sitzen“. So die Frage-Beantwortung, was man machen solle, wenn Rechte eine Familienfeier irgendwo anmelden. Diese Leute seien letztlich „nie privat“, sondern immer politisch unterwegs, hob sie hervor. Ihr schmecke der Schweinsbraten nicht, wenn nebenan ein NPD-Funktionär im Gasthaus sitze.

Pfarrer Gußmann dankte Birgit Mair für den fundierten Vortrag. Oberbürgermeister Walter Hartl rief dazu auf, nicht nur gegen etwas zu sein, sondern „deutlich zu machen, für welche Werte wir eintreten“. Sein ausdrücklicher Dank galt der breiten Bürgerbewegung, die sich nach dem Stadtratsbeschluss gegen die Rechtsradikalen spontan und mit klarer Zielsetzung formiert hat. 

diba

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