Samstag, 17.11.2018

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Rothenburg: Käthe Wohlfahrt stirbt mit 85 Jahren

Ihr Unternehmen wird von Kindern und Enkelkindern fortgeführt - 06.08.2018 16:44 Uhr

Blick über das Weihnachtsdorf des auf Weihnachtsartikel spezialisierten Familienunternehmens Käthe Wohlfahrt in Rothenburg ob der Tauber. (November 2008) © Daniel Karmann, dpa


Mit großer Wärme und Güte ging sie auf Menschen zu. Dieses Beispiel und diese Grundhaltung gab sie an andere weiter. Es entwickelte sich daraus eine Form des Umgangs, die zum inneren Wert wurde bei Wohlfahrt und die beim Entstehen und Wachsen des Unternehmens ebenso zentrale Bedeutung hatte wie später beim Sichern des Erfolgs.

Käthe Wohlfahrt kam aus einfachen Verhältnissen. Sie hat Bescheidenheit gelernt, besann sich immer wieder darauf und machte aus ihrer Abstammung kein Hehl. In Hohengrün im Vogtland als viertes von fünf Kindern geboren, wurde sie schon im Alter von zwei Jahren von einen ersten Schicksalsschlag getroffen und lernte früh mit solchen Tiefen umzugehen. Ihre Mutter erkrankte.

Rüstzeug fürs Leben

Die Kinder wurden an Tanten und Onkel verteilt, Käthe wuchs bis zum Alter von sechs Jahren bei ihrem Onkel Alfred auf. Dieser betrieb eine Bäckerei. Dort zog es sie auch später in ihrer Kindheit immer wieder hin. Nach dem Besuch der Schule in Beerheide erwarb sie auf dem land- und hauswirtschaftlichen Zweig der Berufsschule Rodewisch wichtiges Rüstzeug fürs Leben. Im elterlichen landwirtschaftlichen Betrieb konnte sie so zur großen Hilfe werden.

Im 2. Weltkrieg ging das Gehöft nach einem Tiefflieger-Angriff mit Brandbomben in Flammen auf und brannte ab. Im fünften Jahr nach Kriegsende lernte Käthe, geborene Heß, Wilhelm Wohlfahrt kennen. Ein Jahr später wurde Verlobung gefeiert und vor Weihnachten 1952 Hochzeit. 1954 kam Sohn Harald, der heutige Chef des Unternehmens, auf die Welt, 1955 Tochter Birgitt. In der damaligen DDR sah die Familie schon bald alles andere als ein Zukunftsmodell.

Flucht aus der DDR

Bei der Flucht über die Grenze nach Westen hat sie alles verloren und musste sich eine neue Existenz aufbauen. Käthe, Wilhelm und ihre Schwiegereltern kamen erst bei der Verwandtschaft in Nürnberg unter und mussten dann mehrere Monate in Auffanglagern in Berlin und in Bad Reichenhall verbringen. Das junge Ehepaar krempelte die Ärmel hoch und arbeitete zunächst in einer Zuckerfabrik. Später wurde beim Elektronik-Riesen IBM angeheuert, Wilhelm im EDV-Bereich, Käthe in der Küche.

Käthe Wohlfahrt prägte das Leben in Rothenburg und war auch in anderen Ländern bekannt. © Privat


1964 wurde zum besonderen Jahr. Nicht nur weil die Familie in Herrenberg ihr erstes Haus baute. Wohlfahrts hatten eine Christi-Geburt-Spieldose aus ihrer sächsischen Heimat mit nach Stuttgart gebracht. Das Stück übte eine besondere Faszination auf eine befreundete amerikanische Offiziersfamilie aus, die zum Weihnachtsfest 1963 zu Besuch kam. Eine solche Spieluhr wäre genau das richtige Geschenk für die amerikanischen Freunde, dachte sich Wilhelm Wohlfahrt.

Zunächst Verkauf von Spieldosen

Er machte sich nach dem Weihnachtsfest auf die Suche nach einem weiteren Exemplar. Aber alle Geschäfte hatten ihre Weihnachtsware schon wieder eingelagert. Erst im Februar fand sich ein Großhändler, der noch Spieldosen anbot. Bedingung: Es sollten mindestens zehn Stück abgenommen werden. Wilhelm Wohlfahrt griff trotzdem zu.

Er schenkte eine dieser Spieldose seinen amerikanischen Freunden. Die freuten sich riesig über dieses nachweihnachtliche Geschenk. Sie rieten Wilhelm Wohlfahrt in der amerikanischen Kaserne von Haus zu Haus zu gehen, um die restlichen neun Spieldosen dort zu verkaufen. Das tat er auch und hatte Erfolg – bis ihm die Militärpolizei in die Parade fuhr. Haustürgeschäfte waren nicht erlaubt. Doch auch die Militärpolizisten waren angetan von den Spieluhren. Sie empfahlen, die Musikdosen auf den Wohltätigkeitsbasaren der amerikanischen Offiziersfrauen zu verkaufen, was dann auch geschah.

Sprung in die Selbstständigkeit

Von da an waren Wilhelm und Käthe Wohlfahrt mit nach und nach erweitertem Sortiment auf jedem Wochenendbasar präsent und wagten schließlich den Sprung in die Selbstständigkeit. Um möglichen Problemen mit seinem Arbeitgeber aus dem Weg zu gehen, wählte Wilhelm Wohlfahrt damals den Vor- und Zunamen seiner Frau als Firmenbezeichnung. Dass Käthe Wohlfahrt damit weltweit zum Begriff werden sollte, ahnte damals niemand.

1965 kam Tochter Carmen zur Welt. 1968 zog die Familie nach Rochester, Minnesota, in den USA um, wo Wilhelm Wohlfahrt bei der dortigen IBM arbeitete. Zwei Jahre später ging es zurück nach Herrenberg. Sieben Jahre danach der Meilenstein in der Unternehmensgeschichte: Rothenburg mit seinem großen touristischen Hintergrund und seiner Nähe zu amerikanischen Kasernen war als idealer Standort des Unternehmens auserkoren.

Erstes Fachgeschäft für Weihnachtsartikel

Hier eröffnete 1977 in der Herrngasse das erste Fachgeschäft für Weihnachtsartikel – Käthe Wohlfahrts Christkindlmarkt, vier Jahre später das Weihnachtsdorf. 20 Jahre nach Betriebsgründung begaben sich Käthe und Wilhelm Wohlfahrt auf vierwöchige Weltreise. Singapur, Hongkong, China, Japan, Hawaii, San Francisco, Chicago und New York waren Stationen.

1989 konnte das Jubiläum zum 25jährigen Firmenbestehen gefeiert werden, Anfang Mai 2001, dann, starb viel zu früh Unternehmensgründer Wilhelm Wohlfahrt. Durch die vielen Umzüge schlug Käthe Wohlfahrt an keinem Ort wirklich tiefe Wurzeln, weshalb der Kontakt in die alte Heimat, das sächsische Vogtland, bis zum Schluss sehr eng und wichtig blieb. Sie liebte die Natur und verbrachte bis in ihre letzten Tage viel Zeit in ihrem Garten im Taubertal.

Werte leben fort

Dass sie mit ihrem Mann Wilhelm die ganze Welt bereisen und unter anderem auch Nepal, Jamaika, Argentinien und Thailand als ferne Ziele kennenlernen durfte, machte sie glücklich und zufrieden. Auch nach dem Tod ihres Mannes blieb Reisen eine Leidenschaft. Besonders Griechenland, Österreich und Italien steuerte sie immer an.

Sie weiß das Unternehmen jetzt in der zweiten Generation in besten Händen. In ihren fünf von ihr so geliebten Enkelkindern Tanja, Simone, Aska, Kenta, Takuma leben ihre Werte und ihr Erbe fort. Ihr Name hat Zugkraft – über ihren Tod hinaus. Ihre Familie hat, ihrem Wunsch entsprechend, mit einer Trauerfeier im engen Kreis von ihr Abschied genommen. 

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